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Kunstgeschichte

Warum Verchens Kirchenfenster Geschichte vermitteln

Verchen / Lesedauer: 5 min

Experten haben die bunten Fenster der Verchener Kirche ausgebaut, um sie unter die Lupe zu nehmen. Bald sollen die Glasmalereien mehr Publikum zugänglich gemacht werden.
Veröffentlicht:07.12.2021, 13:10

Von:
  • Christine Gerhard
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Einige unserer größten und ältesten Kunstwerke, in mühevoller Kleinarbeit und mit zum Teil längst vergessenem handwerklichem Geschick gefertigt, sind für die Betrachter normalerweise kaum im Detail zu bewundern. Auch der Kopf der Maria auf dem mittelalterlichen Kirchenfenster in Verchen ist für eine eingehende Studie eigentlich zu weit oben angebracht. Und das, obwohl so viel Arbeit darinsteckt. Zwei Wochen, schätzt die Restauratorin für Glasmalereien Kathrin Rahfoth, würde die Anfertigung einer einzigen solchen Scheibe heute dauern. Im Mittelalter war der Aufwand noch größer und die Herstellung wohl auch riskanter. „Wie viel im Mittelalter bei der Herstellung zu Bruch ging, kann man natürlich nicht sagen“, sagt die Kunsthistorikerin Dr.  Cornelia Aman von der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften Potsdam. „Aber zum Beispiel die Temperatur des Brennofens basierte auf Erfahrungswissen.“

Zusammenarbeit mit Spezialisten

Erfahrung war auch in diesen Tagen gefragt, als die historischen Kirchenfenster in Verchen vorsichtig abgenommen wurden. Das Projekt Corpus Vitrearum Medii Aevi (CVMA) arbeite auch beim Ausbauen der Fenster mit Spezialisten, erklärt Cornelia Aman. Zu Bruch gehe dabei nichts. Beschädigt sind viele der Scheiben, die sie und ihr Team dokumentieren und archivieren, aber trotzdem. Der Großteil der mittelalterlichen Fenster, mit denen früher jede Kirche ausgestattet war, fiel im Laufe der Jahrhunderte Korrosion durch Wind und Wetter, Krieg und Zerstörung sogar komplett zum Opfer. Nur ein Bruchteil sei erhalten, sagt Aman. Noch unter dem Eindruck des Zweiten Weltkrieges, als viele Fenster zum Schutz vor Zerstörung abgenommen worden waren, hatten es sich die Projektinitiatoren deshalb zum Ziel gesetzt, die mittelalterlichen Glasmalereien in Kirchen und Museen Europas und der USA zu dokumentieren, um die fragilen Kunstwerke zumindest in Fotos und Beschreibungen zu konservieren. Die beiden Arbeitsstellen in Deutschland gingen dabei Bundesland für Bundesland vor. In Mecklenburg-Vorpommern haben die umfassenden Dokumentationen daher erst kürzlich begonnen, in anderen Ländern stehen sie noch aus.

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Nachdem sie bereits in Gadebusch Station gemacht hat, sieht sich Dr. Cornelia Aman alle drei in Verchen erhaltenen Fenster mit einer Kreuzigungsszene und mehreren Heiligen ganz genau an. Zwei Fenster aus dem ursprünglichen Arrangement fehlen. Was darauf abgebildet war, kann die Kunsthistorikerin nur noch mutmaßen. „Es deutet aber viel darauf hin, dass es auch Heilige waren.“

Kleinere Schäden werden sofort behoben

Die übrig gebliebenen Fenster waren im 19. Jahrhundert in die Mitte des Altarraums verschoben worden. Früher waren sie zudem außen angebracht und damit Wind und Regen ausgesetzt gewesen, bis schließlich die durchsichtige Außenverglasung vor die historischen Scheiben gesetzt wurde. Durch den Lüftungsraum dazwischen und die geschütztere Ausrichtung ist der Zustand der bunten Fenster nicht schlecht, teilweise sogar sehr gut. „Es gibt Gläser, die sind top, aber auch welche, die sind stark beschädigt“, erklärt Cornelia Aman. „Das kann an verschiedenen Faktoren liegen, zum Beispiel an der Glaszusammensetzung und der Himmelsrichtung beziehungsweise den damit verbundenen Witterungsfaktoren.“

Größere Schäden meldet Kathrin Rahfoth für gewöhnlich der Gemeinde, kleinere behebt sie im Rahmen des Dokumentationsprojekts direkt. „Hier sind die Fenster beim Malern nicht ausgebaut worden“, gibt sie ein Beispiel und deutet auf mehrere Farbspritzer auf dem mittelalterlichen Glas. „Die versuche ich abzunehmen.“ Auch losen Staub entfernt die Spezialistin, ehe es weiter zum Fotografieren geht. Holger Kupfer durchleuchtet die Scheiben dabei so, wie man sie an einem strahlenden Sommertag sehen würde.

Elegante Linien des norddeutschen Stils

Nicht alles an den Glasmalereien stammt aus der Entstehungszeit der Fenster in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts, wie Cornelia Aman auf der Abbildung zeigt. Die Felder um die mittelalterlichen Wappen herum, teilweise in einem Lorbeermuster ausgestaltet, deuten auf einen späteren Stil hin. „1862 wurden die Scheiben von dem sehr renommierten Königlichen Institut für Glasmalerei in Berlin-Charlottenburg restauriert und ergänzt“, erklärt die Kunsthistorikerin. Während sich die moderneren Glasmaler an vielen Stellen ihre künstlerische Freiheit nahmen, hielten sie sich an anderen an das mittelalterliche Original. Dessen norddeutschen Stil, der von Lübeck auch nach Verchen ausstrahlte, kennzeichnen unter anderem elegante, zart geschwungene Linien und ein hoher Weißanteil. „Die zarten Gesichtszüge und Locken wie hier beim Jesuskind sind typisch“, gibt Cornelia Aman ein Beispiel. Sie spricht von einer Art „Familienähnlichkeit“ zwischen den Figuren. Die sanften Linien finden sich in allen Gesichtern wieder. Im Mittelalter, als Glasmalerei eine „hoch spezialisierte Kunst“ gewesen sei, seien sie von eigenen „Kopfmalern“ gestaltet worden.

Doch Cornelia Aman und die anderen an dem Projekt beteiligten Forscher können aus den Glasmalereien noch viel mehr herauslesen: Wer waren die Stifter? Was sagt der Stil über ihre Vorlieben aus? Diese und weitere Fragen stellen sie sich bei der Analyse, wenn die Glasmalereien noch mal eingehender beleuchtet werden. „Das kann bis ins Politische gehen“, erklärt Aman. „Über die Untersuchung der Fenster kann man Erkenntnisse über die gesamte Kirche und darüber hinaus gewinnen.“

Zum Analysieren und Vergleichen für die breite Wissenschaft werden alle dokumentierten Glasfenster in dicken Büchern, aber auch auf einer Internetseite veröffentlicht, die sich zurzeit im Aufbau befinde. Bis die Verchener Kirchenfenster unter www.corpusvitrearum.de aufgeführt sind, werde es aber noch eine Weile dauern, so das Team. Die Originale sollen jedoch bereits am 15. Dezember wieder eingebaut werden. Wie lange sie dort überdauern, ist ungewiss. Ihre Abbildungen aber sind nun gesichert.