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Dorfgeschichten

Was das kleine Kölln dem großen Köln voraus hat

Kölln / Lesedauer: 6 min

Rockscheune statt Karneval – im vorpommerschen Kölln laufen die Dinge ganz anders, als es der klangvolle Name vermuten lässt. Ein Besuch im 140-Seelen-Dorf.
Veröffentlicht:27.02.2022, 08:13

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Am Rosenmontag gibt es in Köln die großen Umzüge und am Aschermittwoch ist der Karneval vorbei. Doch diesbezüglich herrscht in Kölln absolute Flaute. Nicht eine einzige Karnevalssitzung fand bisher statt und es wird auch keine stattfinden. Michael Frese (63) kann sich auch nicht daran erinnern, dass es jemals einen Narrenumzug in Kölln gegeben hat. Vielmehr kennt er auch keinen Köllner, der Karneval feiert. „Ich bin auch kein Karnevalfreund. Statt Köllner Karneval gibt es hier so schöne Feste, wie das Dorffest, das Feuerwehrfest und es gibt ja die Köllner Rockscheune“, sagt Michael Frese.

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Ärger mit der DDR

Der Gemeindebürgermeister ist Ur-Köllner mit Wohnsitz in Werder. In Kölln ist er aufgewachsen, verließ aber 1982 das Dorf, weil er gerne sein eigenes Haus bauen wollte. Weil Kölln damals nicht als Siedlungsdorf bezeichnet wurde, verweigerten die DDR-Behörden ihm die Baugenehmigung. Als LPG-Mitglied durfte er dafür dann in Werder bauen. Schweren Herzens verließ er Kölln und fühlt sich trotzdem noch als Köllner. „Hier kenne ich jeden Strauch. Wenn mich jemand fragt, wo ich herkomme, sage ich Kölln. Wenn dieser dann an die große Stadt denkt, entgegne ich: Ich komme nicht aus Köln am Rhein, sondern aus Kölln an der Pütt (Pfütze)“, sagt Michael Frese verschmitzt.

Bands sollen für gute Live-Stimmung sorgen

Statt des großen Flusses hat Kölln den großen und den kleinen Dorfteich. Während der 1. FC Köln in der 1. Bundesliga und Fortuna Köln in der Regionalliga West erfolgreich spielen, gibt es in Kölln überhaupt keinen Fußballverein mehr. Da darf man sich auch nicht von dem schönen Fußballplatz an der Autobahn und dem Bolzplatz im Dorf täuschen lassen. Früher hieß der Fußballverein Traktor Kölln, aber auch sein Nachfolger, der Köllner SV 90, hat sich mittlerweile aufgelöst. Aber dafür gibt es die Köllner Rockscheune, die inzwischen bundesweit ihre Anhänger hat. Obwohl hier nur 199 Zuschauer zugelassen sind, spielten in der Rockscheune schon bekannte Bands wie etwa Rockhaus, Berloc, Starfucker und Die Kusinen. Selbst das Rockradio aus Berlin ging von hier aus im vergangenen Jahr auf Sendung.

Gespielt wird nicht nur Rock, sondern unter anderem auch Schlager. Wie die beiden Betreiber Siegmund Freese und Mirko Abe betonen, werden Bands geholt, die für eine richtig gute Live-Konzerte-Stimmung sorgen. Aber Kölner Bands wie Bap oder Bläck Föös waren noch nicht da. „Dass Rockhaus hier spielte, haben wir zwei ihrer Musiker zu verdanken. So spielte ihr Sänger Mike Kilian zuerst mit Starfucker und Heinz mit Die Ossis in der Rockscheune. Beide waren so begeistert, dass sie dann hier auch mit Rockhaus spielten“, so Siegmund Freese.

Kultstätte für Rock-Freunde

Die Begeisterung bei der Rockband ging sogar so weit, dass sie bei der Aktion „Rettet die Clubs“ im vergangenen Jahr eine ihrer Gitarren zur Verlosung beisteuerten. Der gesamte Erlös ging dann an die Rockscheune. Eine Gitarrenimitation hängt seitdem in der Rockscheune neben anderen Utensilien, wie etwa das alte Motorrad aus den 30iger Jahren, das auf einem Feld gefunden wurde. Dazu hängen jede Menge Poster und Bilder in der Rockscheune, die neben einer großen Bühne und einer Tanzfläche auch originelle Sitzmöglichkeiten bietet. So können Gäste auf Stühlen oder aber auf Ölfässern sitzen! Sowieso ist der Innenraum sehr fantasievoll und mit vielen guten Ideen gestaltet worden. Allein der Tresen ist schon ein Hingucker.

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So etwas nennt man auch Kult. Aber statt mit so einer Kultstätte ordentlich Urlauber nach Pommern zu locken, steht immer an oberster Stelle die Bürokratie. So sind jährlich nur zehn Konzerte vom Landkreis erlaubt worden, die in der Zeit von Mai bis Oktober stattfinden. „Wenn wir noch mehr Veranstaltungen oder gar die Rockscheune vergrößern wollten, dann müssten wir richtig investieren. Es müssten Toiletten gebaut werden und wir müssten die Rockscheune richtig als gastronomischen Betrieb anmelden. Doch das können wir uns nicht leisten“, erklärt Siegmund Freese.

Junge Frau freut sich auf ein ganz besonderes Fest

Sein Opa Karl Freese ließ die Scheune 1954 bauen und nutzte diese zunächst für Heu und Stroh für sein Vieh. Die Rockscheune erlebte ihre Geburt im Jahr 2011 durch eine Mitbringparty, es folgte dann Pfingsten die nächste Party und richtig los ging es, nachdem 2014 Siegmund Freese hier seinen 50. Geburtstag gefeiert hatte. Einen Unterstützer fand Freese in Bürgermeister Frese, der ein e weniger im Nachnamen hat und somit auch nicht mit ihm verwandt, aber ebenfalls für gute Konzerte zu haben ist.

Nadja Jock (29) lebt seit ihrem sechsten Lebensjahr in Kölln. Sie wohnt gleich neben dem Dorfteich mit ihrem Freund Felix und den gemeinsamen Kindern Sarah und Emily sowie Bella, dem Berner Sennenhund. Statt Karneval bevorzugt sie die Feste im Dorf. In diesem Jahr soll zudem ein ganz besonderes Fest steigen – die Hochzeit mit Felix. Nadja Jock arbeitet als Controllerin in Greifswald. Auf die Frage, wo sie wohnt, hat sie früher ehrlich mit Kölln geantwortet. Erstaunte Blicke und die Frage, wie sie denn vom Rheinland hierher kommt, waren oft die Reaktion. „Ich antwortete ebenfalls mit Kölln an der Pütt und nicht Köln am Rhein. Aber das ist mir inzwischen zu mühselig geworden. Deshalb sage ich immer, dass ich in einem Dorf bei Altentreptow wohne.

Jürgen Venz (59) ist einer der dienstältesten Wehrführer im Amtsbereich. Sein Amt trat er noch vor der Wende an. Und da wurde in Kölln zwar kein richtiger Karneval gefeiert, aber am Rosenmontag fand immer in der LPG-Gaststätte eine Party statt. Heute gibt es weder die Rosenmontagsparty noch die Gaststätte. Auf dem Grundstück steht nun das neue Feuerwehrhaus. Das alte Spritzenhaus mit seiner schön gestalteten Fassade steht gleich daneben. Heute lagern hier die Bänke und Tische für das Dorf- und für das Feuerwehrfest. Auch Jürgen Venz ist kein Karnevalfreund. Seine Frau Bärbel ist da etwas anderer Meinung. Weil es in Kölln keinen Karneval gibt, sieht sie sich diesen im Fernsehen an. „Sicherlich würde ich gerne mal nach Köln zum Rosenmontagsumzug fahren“, erzählt Bärbel Venz. Dagegen hätte ihr Mann auch gar nichts einzuwenden. „Sich das einmal anzusehen, warum nicht? Ist sicherlich interessant“, sagt  Venz.