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Gesundheit

Massive Kritik am neuen E-Rezept

Anklam / Lesedauer: 4 min

Ein E-Rezept bereitet teilweise deutlich mehr Probleme als die alt bewährte Methode, findet ein Apotheker aus Vorpommern. Auch die Ärzte sind nicht zufrieden.
Veröffentlicht:17.01.2024, 12:30

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Seit Jahresbeginn ist es verpflichtend, das E-Rezept. Sich das vom Arzt verschriebene Medikament beim Apotheker um die Ecke zu besorgen, soll eigentlich nun ganz ohne Zettelwirtschaft passieren. Aber klappt das auch so reibungslos, wie sich die Gesetzgeber das vorstellen? Weit gefehlt. 

Auf dem Chip gespeichert

Theoretisch funktioniert es so: Der Arzt verschreibt seine Patienten ein Medikament. Statt wie üblich das Rezept auszudrucken, wird das Rezept auf dem Chip der Krankenkassenkarte gespeichert, die die Apotheken einlesen und das entsprechende Medikament dann herausgeben. Außerdem gibt es eine extra angefertigte E-Rezept-App, mit der man zu Hause das Rezept an seine Apotheke übermitteln kann und dann nur noch abholen muss.

Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach verspricht sich durch die Digitalisierung eine bessere Übersichtlichkeit, modernere Abläufe und die Abkehr von der Papierwirtschaft. Obendrein sollen Doppelwege zur Apotheke vermieden werden und Folgerezepte bei Langzeitpatienten müssten nicht umständlich alle paar Wochen wieder beim Arzt abgeholt werden, sondern können ebenfalls digital ausgestellt werden.

Soweit die Theorie. In der vorpommerschen Praxis klingt das jedoch schöner als es ist. Der Anklamer Apotheker Florian Köster hat in seiner Cothenius-Apotheke mit den Problemen des Alltags zu kämpfen. Zum Beispiel muss ein E-Rezept innerhalb von 28 Tagen eingelöst werden. Was passiert aber, wenn die Apotheke das Medikament nicht auf Vorrat hat, also Medikamentenmangel herrscht? Dann ist das E-Rezept verwirkt. Einmal bei einer Apotheke angenommen, kann man damit nämlich nicht zur nächsten laufen, wo das Medikament vielleicht noch vorrätig sein könnte.

Seit dem 1. Januar soll das E-Rezept in den Apotheken Standard seien. Doch es gibt Anlaufschwierigkeiten.
Seit dem 1. Januar soll das E-Rezept in den Apotheken Standard seien. Doch es gibt Anlaufschwierigkeiten. (Foto: Jens Kalaene)

Klage über hohe Investitionskosten

„Das E-Rezept ist generell eine gute Sache“, gibt sich Florian Köster willig, die von der Politik vorgesehene Neuerung umzusetzen. Der Start sei mit Einschränkungen auch gut gelungen. Doch vor allem beim Thema Investitionskosten fühlt er sich von der Politik alleingelassen. Denn er und seine Kollegen müssten die ganze Technik anschaffen, damit das E-Rezept in der Apotheke auch funktioniert.

Und die sei kostspielig, weil die hochsensiblen Gesundheitsdaten natürlich verschlüsselt und extrem sicher sein müssten. „Wir reden hier nicht von einfachen EC-Karten-Terminals, das ist schon leistungsfähige Technik“, sagt auch ein Sprecher des Apothekenverbandes von MV. Er kritisiert zudem, dass es in MV keine Fördermöglichkeiten dafür gibt. „Dabei ist das ja vom Gesetzgeber so gewollt“, ärgern sich die Apotheker.

Die jetzt angeschaffte Technik wird außerdem nicht ewig halten. Florian Köster gibt zu bedenken, dass in fünf Jahren wahrscheinlich das E-Rezept über eine Cloud-basierte Technik eingelöst werden kann. Dann muss wohl erneut investiert werden. „Die alten Geräte können wir dann in den Müll schmeißen“.

Rezeptübermittlung per Handy – das ist nicht jedermanns Sache.
Rezeptübermittlung per Handy – das ist nicht jedermanns Sache. (Foto: Mohssen Assanimoghaddam)

Dazu kommt ein Mehraufwand für die Apotheken. Denn E-Rezepte müssen genauso überprüft werden wie normale Rezepte. Und die sind nach wie vor im Umlauf. Für Betäubungsmittel oder Hilfsmittel wie Inhalatoren gibt es noch klassische Rezepte in Papierform.

Oft wird noch ausgedruckt – mit noch mehr Papier

Zu dem vermeintlichen Papierabbau hat Köster übrigens schon andere Erfahrungen gemacht: „Man kann das E-Rezept ja nach wie vor ausdrucken, was viele Kunden tun. Der Ausdruck ist aber eine Din A4-Seite, während das alte Rezept wesentlich kleiner war. Das ist natürlich nicht nachhaltig.“

Auch die Ärzte stimmen in die Kritik am E-Rezept mit ein. Besonders der Mehraufwand in den Arztpraxen wird vom Vorstand der Ärztekammer MV kritisiert. „Der Zeitaufwand für die Erstellung eines E-Rezeptes in den Praxen ist im Vergleich zu einem herkömmlichen Rezept aktuell größer“, teilt die Ärztekammer auf Nordkurier-Anfrage mit. Der Verband fordert deshalb Nachbesserungen in der Programmierung der Technik, um den Arbeitsprozess zu optimieren.

Außerdem sehen die Ärzte noch einen hohen Aufklärungsbedarf bei den Patienten, wie genau sie an ihre Medikamente kommen ohne das herkömmliche Papierrezept. Speziell für den ländlichen Raum und Mecklenburg-Vorpommern stelle sich zudem noch ein weiteres Problem, das Verbot einer Direktzuweisung.

Klage über hohe Investitionskosten

Eine Direktzuweisung bedeutet, dass das E-Rezept über eine verschlüsselte Verbindung direkt an die beliefernde Apotheke zum Beispiel eines Pflegeheims versendet wird. Technisch ist das möglich, aber noch nicht erlaubt. Nach der aktuellen Rechtsprechung müssen die digitalen Rezepte ausgedruckt und dann per Post oder Kurier über das Pflegeheim an die jeweilige Apotheke versandt werden. „Hier wird eine Chance, die E-Rezept für die Versorgung bietet, nicht genutzt“, kritisiert die Ärztekammer.

In einem sind sich Ärzte und Apotheker indes einig. Von der Politik fühlen sie sich alleingelassen. „Es scheitert bei uns wirklich am Geld. Wir können Medikamente zu einem festgesetzten Einkaufspreis kaufen und auch verkaufen, der Gewinn ist also überschaubar. Gleichzeitig müssen wir in neue Technik investieren, die bald überholt sein wird. Und wehren können wir uns auch nicht. Ein Arzt, der keine Lust hat, da mitzumachen, kann seine Praxis dicht machen. Wir Apotheker sind gesetzlich verpflichtet zu öffnen“, regt sich Köster auf. 

Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) ist hingegen überzeugt, dass sich die Startschwierigkeiten beim E-Rezept schnell erledigen werden. Obwohl laut einer Umfrage des Ärztenachrichtendienstes jede dritte Praxis größere Probleme mit der Umstellung auf E-Rezepte hat und auch die Apotheker beim Gesundheitsminister vorstellig wurden, tat er die Kritik in einem ZDF-Interview kürzlich ab: „Es wird ein paar Wochen dauern, bis sich das zurecht geruckelt hat, aber die ganze Technik steht ja“, so der Minister. Diese Meinung teilen in Mecklenburg-Vorpommern längst nicht alle.