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Letzte Generation

Radikale Klimaschützerin entgeht Strafe

Greifswald / Lesedauer: 5 min

Für eine Farb-Attacke stand eine Greifswalderin vor Gericht. Das Verfahren wurde eingestellt. Aber ihr ist jetzt schon klar, es wird nicht ihr letzter Prozess gewesen sein.
Veröffentlicht:17.01.2024, 06:00

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Worüber an diesem Morgen in Raum 119 des neuen Greifswalder Amtsgericht verhandelt wird, das sehen Ankläger und Angeklagte unterschiedlich. In der Anklageschrift steht: Die Greifswalderin Lina Eichler soll im Dezember 2022 mit einem Feuerlöscher Farbe auf die Zentrale des großen Energie-Konzerns RWE gesprüht haben. Entstandener Schaden: rund 5600 Euro. 

Sachbeschädigung, so lautet der Tatvorwurf. Für Lina Eichler, Mitglied der radikalen Gruppe "Letzte Generation", die sich mit spektakulären und nicht immer legalen Aktionen für den Klimaschutz einsetzt, ist das ein "Farbprotest", eine legitime Form des Widerstandes. Sie kennt sich aus mit dem, was sie tut. Vor Gericht stand sie schon öfter, immer wegen Aktionen der Letzten Generation, an denen sie beteiligt war.

Tierschützerin, Abiturabbrecherin, "Vollzeitaktivistin"

Lina Eichler ist eine kleine, eher zierliche Frau. Vor Gericht trägt sie eine helle Schlaghose und einen großen dunklen Blazer. Ihr Gesicht ziert eine unübersehbare große runde Brille, die an Harry Potter erinnert. Dazu trägt sie dunkle, kurze Haare.

Dass das, was die Ankläger sagen, stimmt, das bestreitet Eichler nicht. Gleich zu Beginn liest sie eine Erklärung vor, in dem sie alle Vorwürfe freiwillig einräumt. Ihr geht es um das Warum.  

Mit leiser, aber fester Stimme beginnt sie, im Gerichtssaal zu erzählen, wie sie zu dem Menschen geworden ist, der sie heute ist. Angefangen hat sie als Tierschützerin in Innenstädten im Ruhrgebiet, wo Eichler gebürtig herkommt. Dann sah sie eine Straßenblockade der radikalen Gruppe "Extinction rebellion". 

Wir sind nicht die letzte Generation auf diesem Planeten, aber die letzte, die noch Einfluss auf das Ausmaß dieser Klimakatastrophe hat.

Angeklagte Lina Eichler

"Mir wurde klar, dass so eine kurze Störung mehr Aufmerksamkeit generiert als mein angemeldeter Infostand in der Fußgängerzone", erklärt sie ihren Werdegang. Wenn sie über die Klimakrise spricht, fallen immer wieder Schlagworte wie "Kipppunkte". 

Damit meint sie Momente, an denen ein Artensterben oder die Erwärmung des Klimas nicht mehr aufgehalten werden können. "Wir sind nicht die letzte Generation auf diesem Planeten, aber die letzte, die noch Einfluss auf das Ausmaß dieser Klimakatastrophe hat", unterstreicht sie ihre Überzeugung vor Gericht.

Solche Kipppunkte finden sich auch in ihrem Leben. Eichler radikalisierte sich zunehmend, brach ihr Abitur ab und ist nun Vollzeitaktivistin. Das heißt, sie hält Vorträge über zivilen Widerstand und die Klimakrise, sie organisiert und führt Protestaktionen aus. Ihr Leben finanziere sie aus unregelmäßigen Spenden und mit der Unterstützung ihrer Eltern. Im Monat stehen ihr rund 700 bis 800 Euro zu Verfügung, sagt sie.

Angeklagte nennt Konzern RWE verbrecherisch

Den Konzern, dessen Fassade sie mit Farbe beschmierte, nennt sie verbrecherisch. Das Vertrauen in die Regierung, den Klimawandel aufzuhalten, hat sie verloren. Ihre Tat sei also eine Verzweiflungstat gewesen, argumentiert sie. Eine legale Form des Protestes, ein gerechtfertigter Widerstand. Diese Proteste seien das einzige, das ihr noch Hoffnung gebe.

Denn wenn sie nichts tun würde, so befürchtet Eichler, steuere diese Welt auf eine unheilvolle Katastrophe zu. Der Klimawandel führe unweigerlich zu Hungersnöten und Krieg. Ihren Protest vergleicht sie mit Bürgerrechtlern wie Martin Luther King oder den Suffragetten, Frauen in England, die für die Einführung des Frauenwahlrechts ebenfalls radikale Mittel nutzten.

Die Katastrophe, die Eichler beschreibt, wirkt an diesem Dienstagmorgen indes sehr fern. Die Sonne kämpft sich nach und nach durch die Wolkenfront und Sonnenstrahlen erhellen immer mehr den Gerichtssaal durch die breite Fensterfront hinter der Anklagebank. 

Der Vorsitzende Richter Konstantin Tränkmann hört aufmerksam der Erklärung der Angeklagten zu und kommt zu dem Schluss: "Sie machen keinen grundsätzlich kriminellen Eindruck." Bei vergleichbaren Vandalismus-Delikten hätte er schon ganz andere Begründungen der Täter gehört. 

Zu 80 Stunden gemeinnütziger Arbeit verdonnert

Gegen eine Auflage von 80 Stunden gemeinnütziger Arbeit innerhalb von sechs Monaten stellte er das Verfahren ein.

Kurioses Detail der Verhandlung: Der Prozess fand in Greifswald statt, dem Wohnort der 2002 geborenen Lina Eichler, obwohl die Tat in Essen (Nordrhein-Westfalen) passierte. Weil sie zum Tatzeitpunkt (2022) im juristischen Sinne als Heranwachsende galt, also zwischen 18 und 21 Jahre alt war, gilt für sie das Jugendstrafrecht. Das bedeutet, dass der Prozess immer am Wohnort der Angeklagten stattfindet.

Vier Zeugen waren umsonst angereist

Die vier geladenen Zeugen stammten jedoch alle aus Essen oder der näheren Umgebung. Sie mussten eine achtstündige Anreise auf sich nehmen. Doch ihre Zeugenaussagen wurden gar nicht gebraucht, da Eichler sich gleich zu Verhandlungsbeginn geständig zeigte. Sie konnten also unverrichteter Dinge die Heimreise wieder antreten, wofür sich Richter Tränkmann bei den Zeugen entschuldigte. Im Sinne des Klimaschutzes war diese Reise wohl nicht.

Das bemerkte auch der Richter: "Beim nächsten Mal informieren Sie uns bitte vorher, wenn Sie sich einlassen. Dann können wir uns die Einladung der Zeugen sparen", mahnte er. Ein nächstes Mal vor Gericht? Für Lina Eichler eine fest eingeplante Zukunft.

Vor dem Gerichtsgebäude erwarteten Unterstützer die Angeklagte.
Vor dem Gerichtsgebäude erwarteten Unterstützer die Angeklagte. (Foto: Henning Stallmeyer)

"Man wird mich sicherlich noch häufiger vor Gericht sehen aufgrund der Proteste", sagte sie dem Nordkurier nach der Verhandlung. Zur Einstellung des Verfahrens zeigte sie sich erfreut, auch wenn sie das Gericht gern überzeugt hätte, den Protest als gerechtfertigten Widerstand im Klimanotfall zu sehen. "Ein Freispruch wäre mir natürlich lieber gewesen, aber ich bin zufrieden."

Einige Unterstützer bei Verhandlung dabei

Sowohl im Gerichtsaal als auch vor dem Justizzentrum wurde Eichler von Unterstützern begleitet. Darunter auch der Greifswalder Henning Jeschke, der mit Eichler zusammen vor dem Bundestagswahlkampf im Hungerstreik der "Letzten Generation" war. Nach der Verhandlung zeigten zwei Protest-Teilnehmer ein Banner mit der Aufschrift: "In Solidarität mit den Angeklagten: Ungehorsam für eine lebendige Gesellschaft!" 

Gut möglich, dass das Banner auch bei Eichlers nächstem Gerichtsbesuch wieder ausgerollt wird.