StartseiteRegionalMecklenburg-VorpommernBrutale Attacke auf Polizisten ‐ Junger Mann bleibt im Gefängnis

Justiz

Brutale Attacke auf Polizisten ‐ Junger Mann bleibt im Gefängnis

Stralsund / Lesedauer: 4 min

2022 sorgt ein Angriff auf einen Polizisten in Greifswald für Entsetzen. Der 61-Jährige ist inzwischen zu 90 Prozent behindert. Der Täter ist nun mit seiner Berufung gescheitert.
Veröffentlicht:07.11.2023, 12:15

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Das Landgericht Stralsund hat in einem Berufungsverfahren die Freiheitsstrafe gegen einen 25-jährigen Syrer bestätigt, der vor gut einem Jahr einen Polizisten in Greifswald attackiert und dadurch schwer verletzt hatte. „Ein so massiver Angriff ist generell nicht hinnehmbar, schon gar nicht bei Polizisten“, sagte Richterin Martina Bleß am Dienstag bei der Urteilsbegründung. Ihre Kammer hatte zuvor die Berufung des Angreifers als „unbegründet“ verworfen.

2015 als Flüchtling nach Deutschland gekommen

Zugleich bestätigte das Landgericht das Urteil aus erster Instanz. Das Amtsgericht Greifswald hatte den jungen Mann im Mai 2023 wegen Angriffs auf Vollstreckungsbeamte und gefährliche Körperverletzung zu drei Jahren Haftstrafe verurteilt und den sichtlich überraschten Syrer noch im Gerichtssaal verhaften lassen. Dieser war als Flüchtling 2015 nach Deutschland gekommen und hatte eine Aufenthaltsgenehmigung. Er war im September 2022 mit Bekannten an einer Greifswalder Bar mit Sicherheitsleuten in Streit geraten, als der Vorfall passierte. Nach der Auseinandersetzung bis zum ersten Prozess im Mai war der 25-Jährige auf freiem Fuß geblieben.

Sein Anwalt hatte gegen das Amtsgerichtsurteil Berufung eingelegt, um die Haftstrafe möglichst aufheben und in eine Bewährungsstrafe umwandeln zu lassen. Im Vorfeld der Berufungsverhandlung gestand der Syrer auch erstmals, dass sich der Gewaltvorfall so abgespielt hatte wie im ersten Urteil stand. Die Berufung wurde dann nur auf das Strafmaß begrenzt. Doch auch das nutzte nichts.

Gericht sieht weiterhin Fluchtgefahr

„Der Haftbefehl bleibt ebenfalls in Kraft, da Fluchtgefahr besteht“, sagte die Richterin am Dienstag. Eine ehrliche Reue sei bei dem Verurteilten nicht feststellbar gewesen. „In erster Linie tun sie sich selber leid“, sagte Bleß. Vorher hatte sie den Mann bereits unterbrechen müssen, als dieser ‐ nach einer kurzen Entschuldigung beim schwerbehinderten Opfer, dass als Nebenkläger auftrat ‐ immer wieder vor allem seine Probleme in der Haft und generell die seiner Familie schilderte.

Der Vorfall hatte sich am 11. September 2022 vor dem Nachtclub ereignet. Die Sicherheitsleute hatten die Polizei gerufen, weil mehrere Gäste des Clubs verwiesen wurden, aber das Gelände nicht verlassen wollten. Während die Beamten die Lage beruhigten und zwei Bekannte des Verurteilten festsetzten, wollte dieser ebenfalls dorthin. Der inzwischen 61-jährige Polizist verwies den späteren Angreifer mit leichter Handbewegung des Platzes, was dieser aber nicht hinnehmen wollte.

Opfer sagt: "Es geht mir echt Scheiße!"

Der deutlich kleinere Syrer stieß den großen Beamten mit einem speziellen Judo-Griff gegen die Beine, so dass dieser das Gleichgewicht verlor und nach hinten mit dem Kopf auf Beton aufschlug. Das Opfer war erst bewusstlos, kam dann kurz wieder zu sich, bekam Hirnbluten und musste inzwischen fünf mal wegen der schweren Hirnverletzung operiert werden. MV-Innenminister Christian Pegel (SPD) hatte die Attacke gegen den Polizisten damals in scharfer Form verurteilt.

„Es geht mir echt Scheiße“, sagte der inzwischen in den Ruhestand versetzte Polizist in Stralsund im Gerichtssaal, als die Richterin ihn fragte. Der Mann kann nur etwa 150 Meter langsam am Rollator laufen, spricht verlangsamt, hat Inkontinenzprobleme und ist auch nicht mehr zum Verwaltungsdienst fähig. „So was wünsche ich keinem“, sagte der 61-Jährige.

Die mehrfachen Entschuldigungen des Verurteilten könne er nicht annehmen. Denn diese seien wohl eher prozesstaktisch als ehrlich gemeint, erklärte der Ex-Beamte. Auch eine Zahlung von 10 000 Euro, die der Syrer mit Hilfe von Verwandten und Bekannten vor der Berufungsverhandlung an ihn leisten wollte, lehnte der Geschädigte ab. Sein Nebenklageanwalt schätzte den nötigen Schadensersatz für den Ex-Polizisten auf eine sechsstellige Summe. 

Immer häufiger Attacken gegen Retter und Polizei

Das Berufungsurteil sei ebenfalls aus „generalpräventiver Sicht“ nötig, sagte Richterin Bleß. Mit dem Verwerfen der Berufung folgte sie komplett dem Antrag der Staatsanwaltschaft. Deren Vertreter hatte auch darauf hingewiesen, dass es inzwischen immer häufiger zu Gewaltattacken gegen Polizisten und andere Rettungskräfte komme.

Anwalt Mario Wittkopf als Vertreter des jungen Syrers hatte eine Bewährungsstrafe für seinen Mandanten verlangt. Sollte das Urteil so bestehen bleiben, droht dem Flüchtling auch der Verlust seines Aufenthaltsrechtes, das bis September 2024 gelten würde. Dann könne er auch nichts mehr für den geschädigten Ex-Polizisten tun, argumentierte Wittkopf.

Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Gegen die Entscheidung der Berufungskammer ist eine Revision beim Bundesgerichtshof in Karlsruhe möglich, die innerhalb einer Woche eingelegt werden müsste.