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17. Juni 1953

Die Einheit von Stasi, Staatsanwalt und Richter bröckelte nur selten

Ganzlin / Lesedauer: 6 min

Im Zuge des Volksaufstandes wurden durch die Stasi Hunderte Menschen im Nordosten verhaftet. Oft blieb es bei „Warnschüssen“. Es gab aber auch viele unverhältnismäßig hohe Strafen.
Veröffentlicht:17.06.2023, 06:58

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Dicker Nebel hatte sich in der Nacht zum 7. Oktober 1953 über Ganzlin gelegt. Am Bahnhof war kaum etwas zu sehen. Gegen 3.30 Uhr lief von Meyenburg aus ein Güterzug ein. Dem Lokführer war aufgefallen, dass das Einfahrsignal nicht beleuchtet war, worüber er den Fahrdienstleiter Fritz K. informierte. Doch der 32-Jährige kümmerte sich zunächst nicht um die ausgefallene Propangasbeleuchtung.

Nachdem im Herbst 1953 in Ganzlin bei schlechter Sicht zwei Züge zusammenstießen, war der Schaden immens.
Nachdem im Herbst 1953 in Ganzlin bei schlechter Sicht zwei Züge zusammenstießen, war der Schaden immens. (Foto: Bundesarchiv)

Schon 18 Minuten später rollte der nächste Güterzug ein. Zu spät entdeckte der Lokführer die beiden roten Schlusslichter des zuvor eingetroffenen Güterzuges. Der 677 Tonnen schwere Güterzug war nicht mehr zu stoppen. Er prallte auf den zuvor eingelaufenen Zug. Es war ein einziger „großer Trümmerhaufen“, erinnerte sich der Bremser des Unglückszuges.

Er und ein weiterer Bahnbediensteter erlitten leichte Verletzungen. Der Schaden wurde von der Reichsbahndirektion Schwerin mit knapp 40.000 Mark angegeben, später bezifferte die Stasi die Summe auf 100.000 Mark. Die Hauptschuld trage der Fahrdienstleiter, der die Beleuchtung nicht repariert habe.

Fahrdienstleiter geriet ins Visier der Stasi

Wenig später geriet der in Plau am See mit seiner Frau und seinen zwei drei- und fünfjährigen Kindern wohnende Fritz K. noch stärker unter Druck. Kurz vor dem Unglück, am 4. Oktober, gaben der Betriebsgewerkschaftsleiter (BGL) des Bahnhofs Plau sowie ein SED-Genosse bei der Transportpolizei zu Protokoll, dass Fritz K. am 17. Juni 1953 auf dem Bahnhof von Plau zu den Aufrührern gehörte. „Jetzt ist es Zeit, wir arbeiten auch nicht mehr und erklären uns mit den Berlinern solidarisch“, habe er erklärt.

Die Staatssicherheit übernahm und verhaftete ihn am 9. Oktober. Stasi-Unterleutnant Upahl konstruierte in seinem Festnahmebericht den gefährlichen Vorwurf der Sabotage: „Aufgrund seiner antidemokratischen Einstellung“ bestehe der Verdacht, dass der Fahrdienstleiter die Reparatur der Beleuchtung des Einfahrtsignals bewusst unterlassen habe.

Familie verließ Plau am See Ende 1953

Doch der 32-jährige hatte Glück. Am 16. Oktober 1953 wurde er der Transport-Kriminalpolizei übergeben, weil die „Materialien“ nicht für „eine weitere Bearbeitung im“ MfS ausreichen würden. Was aus dem Fahrdienstleiter wurde, ist unklar. Laut Melderegister verließ er mit seiner Familie noch im Jahr 1953 Plau am See, möglicherweise Richtung Bundesrepublik.

Das Beispiel zeigt, dass nach dem 17. Juni eine Unsicherheit bei der Geheimpolizei und den Justizorganen herrschte. Oft beließ es das MfS bei „Warnschüssen“ in Form mehrerer Tage U-Haft unter unwürdigen Bedingungen wie in der Töpferstraße in Neustrelitz, wo es bis weit in die 1950er-Jahre hinein weder Wasser noch Toiletten in den Zellen gab.

Für Verwirrung hatte insbesondere ein Interview des Justizministers Max Fechner in der SED-Parteizeitung Neues Deutschland am 30. Juni 1953 gesorgt, wonach die Zugehörigkeit zu einer Streikleitung nicht automatisch strafbar sei. Vor diesem Hintergrund kam es „zu verhältnismäßig vielen Freisprüchen, milden Strafen, und nicht selten wurde die Anklage verworfen“, erklärt Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk.

Das Zugunglück auf dem Bahnhof Ganzlin hatte auch politische Konsequenzen für den Verursacher.
Das Zugunglück auf dem Bahnhof Ganzlin hatte auch politische Konsequenzen für den Verursacher. (Foto: Bundesarchiv)

Drohkulisse gegenüber Verdächtigen und der Familie

So finden sich in den Unterlagen des MfS etliche Fälle in den drei Nordbezirken, bei denen es die Stasi bei mehreren Tagen Untersuchungshaft beließ. Die psychologische Wirkung der vergleichsweise kurzen Inhaftierung sollte aber nicht unterschätzt werden: Die Festnahme zu Hause oder im Betrieb, die Hausdurchsuchungen, die Beschlagnahme persönlicher Gegenstände, stundenlange Verhöre und Isolationshaft waren Zwangsmaßnahmen, mit denen eine lang wirkende Drohkulisse gegenüber den Verdächtigen, ihren Familien und Arbeitskollegen aufgebaut wurde. 

Insbesondere am Bezirksgericht Schwerin gab es einige Verfahren, bei denen die Richter nicht stur den Vorgaben von MfS und Staatsanwaltschaft folgten. Beispielsweise im Fall des Schlossers Erwin S. (39), der am 17. Juni 1953 im angetrunkenen Zustand im Konsum von Neese bei Ludwigslust einen Offizier der Volkspolizei sowie dessen Vater niedergeschlagen hatte. In seinem Schlussbericht vom 24. Juni für den Staatsanwalt forderte Stasi-Unterleutnant Schultz, dass der „Feind der Arbeiterklasse“ und „Provokateur ... mit aller Härte zur Verantwortung gezogen werden“ müsse.

Der Staatsanwalt erklärte in seiner Anklageschrift, dass es notwendig sei, Erwin S. für „einige Zeit von der Gesellschaft zu isolieren“. Vor dem Bezirksgericht Schwerin beantragte der Staatsanwalt am 9. Juli vier Jahre Zuchthaus. Es war höchst ungewöhnlich, dass der Vorsitzende Richter Mai dem nicht folgte und den Angeklagten lediglich zu zwei Jahren Haft verurteilte.

Gefangener kann fliehen

Prompt legte die Staatsanwaltschaft Protest beim Obersten Gericht ein, das das Urteil des Bezirksgerichts aufhob und eine Strafe von drei bis dreieinhalb Jahren empfahl. Am 31. Juli wurde Erwin S. schließlich zu drei Jahren Haft verurteilt. Lange blieb er nicht hinter Gittern. Am 29. September 1953 gelang ihm die Flucht aus einem Arbeitskommando in Borken im Kreis Ueckermünde. Da sich in der Gefangenenakte von Erwin S. keine weiteren Unterlagen befinden, kann davon ausgegangen werden, dass er in den Westen geflohen ist.

Zumeist, so Kowalczuk, habe sich die Justiz aber „als willfähriger Handlanger der Diktatur“ erwiesen. Davon zeugen zahlreiche harte Urteile im Kontext des 17. Juni. Beispielsweise im Fall des aus Leipzig stammenden Bauarbeiters Willi Drescher (51).

Willi Drescher, der als Brigadier in Torgelow arbeitete, wurde zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt.
Willi Drescher, der als Brigadier in Torgelow arbeitete, wurde zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt. (Foto: ZVG)

Der Brigadier errichtete mit Kollegen der Bau-Union Kasernen bei Torgelow. Bei einer Betriebsversammlung am 6. August 1953 mahnte er zur Ehrlichkeit: „Herr Ulbricht, Herr Grotewohl und wie sie alle heißen bis zur Presse, bemüht euch, ehrlich zu werden. Die Schuldigen sucht nicht bei den Arbeitern, sondern bei euch, bei eurer einseitigen Politik.“ Nicht die „Kriegstreiber“ im Westen seien Schuld am 17. Juni. Vielmehr habe die „Keimzelle“ des Aufstands „überall“ gelegen in der DDR.

Zehn Jahre Zuchthaus gegen Brigadier

Drescher wurde umgehend entlassen. Einen Tag später holte ihn das MfS ab. Im Dezember 1953 verurteilte ihn das Bezirksgericht Neubrandenburg  zu zehn Jahren Zuchthaus wegen „Verbrechens nach Artikel 6 der Verfassung“ (Boykotthetze). Nach Aktenlage war dies die höchste Strafe, die das Bezirksgericht Neubrandenburg im Zusammenhang mit dem 17. Juni verhängte. Erst im Juni 1960 wurde Drescher entlassen.

Dieser Text ist zuerst im Nordkurier erschienen – im Themenschwerpunkt zum 17. Juni 1953. Unterstützt von der Landeszentrale für politische Bildung Mecklenburg-Vorpommern. Kostenlose Bestellung der Sonderseiten – Einzelausgaben, Klassensätze – per Mail an: [email protected]