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Ostsee-Schatz

Sind diese Grabsteine noch zu retten?

Prerow / Lesedauer: 7 min

Frost und Wasser lassen die Kapitänsgrabsteine in Prerow auf dem Darß bröckeln. Das einzigartige Kulturgut soll gerettet werden – und ein liebendes Ehepaar wieder zueinanderfinden.
Veröffentlicht:11.02.2024, 08:41

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Ein echter Schatz an der Ostsee erzählt die Geschichte einer ganzen Region. Doch die Zeit nagt an den Kapitänsgrabsteinen von Prerow. Das raue Wetter am Darß, die Ostseestürme, der Wechsel aus Sonne, Frost und Regen hat tiefe Furchen, schwere Wunden in die Jahrhunderte alten Grabmäler an der Seemannskirche gerissen.

Der Kirchturm der Seemannskirche Prerow war einst eine Landmarke für Seefahrer. Diese wussten so, wo der Hafen war. Kein Gebäude dürfte höher sein.
Der Kirchturm der Seemannskirche Prerow war einst eine Landmarke für Seefahrer. Diese wussten so, wo der Hafen war. Kein Gebäude dürfte höher sein. (Foto: Maximilian Tabaczynski)

Wie ein Verband sich um eine Wunde schlingt, sollen nun Spanngurte und Schaumstoff einige der 32 Steine schützen. Sie würden sonst zerbröckeln. Andere tragen Flatterband als Zeichen ihrer Verwundbarkeit. 

Sprechende Grabsteine

Die Prerower Grabsteine, der älteste aus dem Jahr 1730, überwiegend aus schwedischem und deutschem Sandstein gefertigt, erzählen berührende Geschichten. Sie sind stille Zeugen der bedeutenden Seefahrerzeit an der Ostsee-Küste. Und nicht zu ersetzen. 

Die Grabsteine an der Seemannskirche Prerow sind mit Flatterband umhüllt. 
Die Grabsteine an der Seemannskirche Prerow sind mit Flatterband umhüllt.  (Foto: Maximilian Tabaczynski)

Da stehen auch die Grabmale des Ehepaars Kraeft. Ein Stein für „Schiffs Capitein Michael Kraeft von Wieck“ und einer für seine zweite Ehefrau „Margaretha Dorothea Kraeft zu Prerow“. Ihre Lebens-Geschichten, eingemeißelt in das Grabmal, erzählen die sprechenden Steine. 

Links der Stein für Margaretha Dorothea Kraeft, rechts der Stein für Kapitän Michael Kraeft. Sein Stein sah früher noch anders aus. 
Links der Stein für Margaretha Dorothea Kraeft, rechts der Stein für Kapitän Michael Kraeft. Sein Stein sah früher noch anders aus.  (Foto: Maximilian Tabaczynski)

Als der „Capitein“ 1835 verstarb, war er 80 Jahre alt. Schon allein das ist bemerkenswert: Gut 50 Jahre später im Deutschen Reich lag die Lebenserwartung eher bei rund 35 Jahren. Doch die Steine und ihre Inschriften erzählen noch mehr.

Der Kapitän, zwei Frauen und viele verstorbene Kinder

So zeugte der Seefahrer mit seiner ersten Frau, die er August 1754 heiratete, in 27 Jahren, acht Monaten und zehn Tagen Ehe acht Söhne und zwei Töchter. Tragisch: Fünf seiner Söhne und eine Tochter verstarben noch zu seinen eigenen Lebzeiten.  

In einer zweiten Ehe (ab 1808) zeugte er mit seiner Gattin Margaretha Dorothea noch zwei Töchter. Da war Kapitän Kraeft bereits 54 Jahre alt. Auch hier starb ein Mädchen. Welch ein schwerer Verlust muss das immer wieder gewesen sein?

Früher sah der Stein für Michael Kraeft so aus. Er war reich verziert, die Schrift noch gut lesbar. Das Foto wurde in den 1930er Jahren aufgenommen. 
Früher sah der Stein für Michael Kraeft so aus. Er war reich verziert, die Schrift noch gut lesbar. Das Foto wurde in den 1930er Jahren aufgenommen.  (Foto: René Roloff/Repro)

Kraefts Tod im Jahr 1835 traf die Familie – trotz seines biblischen Alters – offenbar sehr.  Die Gattin mit den „dankbaren Kindern“ ließ ihm auf den Stein hauen: „(...) Nicht auf immer bist Du uns genommen. Wenn auch wir zum bessern Leben kommen, und wir unzertrennlich dann vereint, diese Hoffnung soll uns froh erheben, wenn das Auge unter Herzensbeben heiße Zähren deinem Scheiden weint.“ Und schließlich: „Die voll Tränen vor dem Grabe stehn, werden sich verklärt mit dier einst widersehn.“

Die edle Mutter, die den ersten Mann verlor

Auch das Leben von Margaretha Dorothea - Kraefts zweite Frau - ist voller Umbrüche. 1772 geboren, heiratete sie mit 26 Jahren zunächst den Steuermann Jacob Heinrich Dölz von Zingst. Doch nach sechs Jahren Ehe verstarb dieser 1805 in Cuxhafen.

Drei Jahre später heiratet die Witwe den „Capitein“ Kraeft. Sie überlebt ihn noch acht Jahre. Auch hier berührende Worte der Familie auf ihrem Stein: „Trennung ist unser Loos. Wiedersehen ist unsere Hoffnung. - Schlummere sanft du edle Mutter. Friede und Ruhe sei mit Deiner Asche bis Dich einst die Auferstehung ruft.“

Susan Knoll, Vorsitzende Förderverein Seemannskirche Prerow e.V., und Prerows Bürgermeister René Roloff blicken in den alten Bericht
Susan Knoll, Vorsitzende Förderverein Seemannskirche Prerow e.V., und Prerows Bürgermeister René Roloff blicken in den alten Bericht (Foto: Maximilian Tabaczynski)

Kapitän Kraeft's Stein, heute stark verfallen, galt schon Anfang des vergangenen Jahrhunderts als herausragend. Die Vorderseite zierte ein Schiff im hohen Seegang vor Anker. Der Sockel ist mit Ruder, Zirkel und Anker bestückt. Und ein Teil eines Bienenkorbs, ein ebenso christliches Symbol für das Haus Gottes, in dem das Volk seine Zuflucht hat, ergänzte das alles. Auch auf den anderen Grabsteinen sind überall christlich und maritime Symbole zu finden. 

Bunt bemalte Grabsteine

Schon 1904 wurde die Prerower Seemannskirche und die dortigen Grabsteine in der Zeitschrift „Die Denkmalpflege“ eingehend betrachtet. Darin schreibt Friedrich Schultze zu Kirche (1726 - 1728 gebaut) und Friedhof: „Das Idyll liegt so friedlich und ruhig da, weit ab vom Dorfe, daß man stundenlang sich seinem Frieden hingeben kann, ohne von einem Menschen gestört zu werden.“ Gerade jetzt, in der Nebensaison, ist das dort leicht zu erleben.

Dem Bericht nach seien die Grabmäler damals auch bunt bemalt gewesen. Farbreste wurde auch später noch gefunden. Schultze schreibt weiter: „Im Vergleich zu der heutigen Fabrikware, die sich auf den Kirchhöfen in Stadt und Land und auch in Prerow jetzt schon breit macht, wirken die Denkmäler eigenartig und bodenwüchsig.“

Schon 1904 wurde über die Grabsteine in der Zeitschrift „Die Denkmalpflege“ über die Kirche und die Grabsteine berichtet 
Schon 1904 wurde über die Grabsteine in der Zeitschrift „Die Denkmalpflege“ über die Kirche und die Grabsteine berichtet  (Foto: René Roloff/ Repro)

Und er kommt zu dem Schluss, dass dies „vortrefflich zu den wetterharten, knorrigen Erscheinungen des Darßer Schiffervolks, von denen man zahlreiche Typen mit schöner Geschichtsbildung und hünenhafter Gestalt antrifft“, passe. Auch die Grabsteine des Ehepaars Kraeft erwähnt Schultze, zeigt diese sogar als Foto.

Die Zeit riss das Ehepaar auseinander

Heute stehen die Steine des Paares auf der Südseite der Kirche - allerdings getrennt. Der Grabstein des „Schiff'r Joach. Siem. Zaag aus Prerow“ (1785 - 1844) und seiner „Ehefrau Maria Dorothea geborne Kreft“ (1786 - 1865) sowie eine Eibe haben sich dazwischen gemogelt.

René Roloff, Prerows Bürgermeister und Vorsitzender des Fördervereins Darß-Museum, kann das erklären: „Die Grabsteine bezeichnen keine Grabstellen, sondern sind in den 1930er-Jahren vom damaligen Pastor auf dem Friedhof eingesammelt worden. Kurioserweise wurde das Paar bei der Aufstellung der Steine dann getrennt.“ 

Ein Blick in die Seemannskirche und auf die Emporen mit der Orgel.
Ein Blick in die Seemannskirche und auf die Emporen mit der Orgel. (Foto: Maximilian Tabaczynski)

Schon seit vielen Jahren setzt sich der Förderverein Seemaanskirche Prerow e.V. um die Vorsitzende Susan Knoll für den Erhalt des Gotteshauses und seines Friedhofs ein.

In den letzten Jahrzehnten wurde schon viel in der Kirche saniert.
In den letzten Jahrzehnten wurde schon viel in der Kirche saniert. (Foto: Maximilian Tabaczynski)

Orgel-, Altar und Taufaltarsanierung, neue Lichtanlagen, Trockenlegungen, Fußbodenerneuerung, Sanierung von Gestühl, Sakristei, Schiffen, beheizte Sitzkissen: Vieles wurde geschafft. Doch jetzt geht es um die Steine.

Die größte und älteste Sammlung

Die Kapitänsgrabsteine will der Verein als „einzigartiges Kulturgut“ retten. Der Grund: „Das ist die größte Sammlung von Kapitäns- und Seefahrergrabsteinen an der deutschen Ostsee“, berichtet Vereins-Chefin Knoll. Und Prerows Bürgermeister Roloff ergänzt: „Wir haben hier auch die ältesten.“

Fast jeder Stein ist aufwendig mit maritimen Symbolen verziert.
Fast jeder Stein ist aufwendig mit maritimen Symbolen verziert. (Foto: Maximilian Tabaczynski)

Auch Schultze stellte 1904 in seinem Bericht zu den Grabsteinen heraus: „Der schlichte Sinn, der aus den Sprüchen der alten Prerower Denkmäler spricht, verdient in unserer Zeit sicherlich mehr Beachtung und Würdigung, als die prunkenden und vergoldeten Inschriften auf den gußeisernen Fabrikkreuzen und den polierten Granitobelisken.“

Und Bürgermeister Roloff erwähnt noch eine weitere Besonderheit: „Die Seefahrer-Symbolik, die Caspar David Friedrich verwendet, wird auch hier auf den Steinen in gewisser Weise verwendet.“ 2024 wird Friedrichs 250. Geburtstag deutschlandweit gefeiert.  

Frost sprengt Steine auf

Doch jetzt bestehe die große Gefahr, dass diese steinernen Zeitzeugen verloren gehen. Der Kalkstein sei ein Sedimentstein, erklärt Roloff. Dieser habe Schichten, in die Wasser eindringe. Der Frost sprenge dann regelrecht den Stein auf.

„Und wenn das erst einmal da ist, geht das explosionsartig weiter. Ohne die Bänder und Gurte außen herum würden die Steine auseinanderklappen“, erklärt Roloff, selbst auch Restaurator.

Wasser und Frost sprengen die Steine regelrecht auf. Gurte und Plastik sollen das irgendwie verhindern.
Wasser und Frost sprengen die Steine regelrecht auf. Gurte und Plastik sollen das irgendwie verhindern. (Foto: Maximilian Tabaczynski)

Der Verfall in den letzten Jahren sei rapide gewesen. „Einige Inschriften auf den Grabsteinen sind fast unwiederbringlich verloren, bereits abgeplatzt, doch noch teils bekannt“, erklärt der Experte weiter.

Doch Susan Knoll und der Förderverein wollen das Sterben der sprechenden Steine verhindern. Nur die Kosten für die Rettung der 32 Steine sind sehr hoch. Es braucht also Scheine für die Steine.

So teuer ist die Rettung der Kapitänssteine

„Für die ersten fünf Steine haben wir die Kostenvoranschläge bekommen“, erklärt Vereinschefin Knoll. Für die mit den stärksten Schäden brauche es alleine bis zu 9000 Euro pro Stein. Bei gut erhaltenen Steinen seien es eher 2000 Euro für die Restaurierung. Hinzu kommen Kosten für die Sockel, den Transport und den möglichen Bau eines Lapidariums. Dort sollen die Steine geschützt und zugänglich stehen. Insgesamt gehe es um 200.000 Euro.

Susan Knoll und René Roloff sehen sich die Steine an und betrachten die Schäden daran. 
Susan Knoll und René Roloff sehen sich die Steine an und betrachten die Schäden daran.  (Foto: Maximilian Tabaczynski)

Doch obwohl der Förderverein Seemannskirche Prerow e. V. (rund 380 Mitglieder) umtriebig ist, eine Vielzahl von hochklassigen Veranstaltungen u. a. mit Sänger Dirk Michaelis („Als ich fortging“) organisiert, seien die Kosten für die Rettung und Restaurierung nicht alleine stemmbar.

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Daher werden Paten und Spender für die verwundeten Kapitänsgrabsteine gesucht, wie der Verein auch auf seiner Facebook-Seite berichtet.

Ein Happy End für das getrennte Paar?

Ein Fürsprecher war auch schon Friedrich Schultze vor gut 120 Jahren. Er schrieb damals: „Der Kirchhof eines Ortes ist ebensowohl wie die Kirche ein wesentliches Stück Heimat, das mit der Bevölkerung auf das innigste verknüpft ist und deshalb des Schutzes und der richtigen Pflege dringend bedarf.“

Das Ehepaar Kraeft. Ihr Stein (links) wird von einem Busch verdeckt. Dazwischen steht ein anderer Stein. Dann kommt der Stein von Kapitän Kraeft (rechts). Hier brach schon der obere Teil ab.
Das Ehepaar Kraeft. Ihr Stein (links) wird von einem Busch verdeckt. Dazwischen steht ein anderer Stein. Dann kommt der Stein von Kapitän Kraeft (rechts). Hier brach schon der obere Teil ab. (Foto: Maximilian Tabaczynski)

Die Hoffnung ist da, dass das gelingt. „Retten kann man alles“, sagt Roloff. Und mit der Rettung der Steine soll auch das Ehepaar Kraeft wieder zueinanderfinden. Was wäre das nur für eine schöne Liebesgeschichte um den Kapitän und seine Frau.