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Ländlicher Raum

Landleben zwischen Idyll und Hoffnungslosigkeit

Schwerin / Lesedauer: 3 min

Fehlender Nahverkehr, weite Wege, Ärztemangel, lahmes Internet: Auf dem Land in MV gibt es viele Probleme. Haben die Dörfer eine Chance, zu den Städten aufzuschließen?
Veröffentlicht:16.03.2019, 11:39

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Beim Thema Entwicklung im ländlichen Raum zeigen sich Politiker – vor allem der großen Parteien – regelmäßig demonstrativ optimistisch. Zuletzt am Mittwoch, als der Schweriner Landtag über das Thema diskutierte und außer AfD und Linker alle der Meinung waren, so schlecht laufe es dort nun auch wieder nicht. Doch passt das wirklich zu Gefühlen jener Menschen, die im „ländlichen Raum“ leben?

Schwarz-Weiß-Malerei funktioniert jedenfalls nicht, wenn man dem Wirtschaftsgeografen Helmut Klüter von der Uni Greifswald folgt: „Den ländlichen Raum, den gibt es gar nicht. Das sind längst zusammengewachsene Regionen mit großer Wirtschaftskraft wie etwa die Mecklenburgische Seenplatte, die beispielsweise auch touristisch sehr gut aufgestellt ist.“ Laut Klüter ist das, was man einst als ländlichen Raum bezeichnete, zu lebendigen Verkehrsachsen geworden.

Wie etwa entlang der Strecke Stralsund – Greifswald – Neubrandenburg – Neustrelitz – Berlin. Wer an dieser Achse wohne, könne dem lauten hektischen Leben der Metropolen entfliehen und müsse es dennoch nicht aufgeben, weil er pendle. Zudem arbeiteten immer mehr Menschen im Homeoffice, so Klüter. „Zahlen von heute, die zum Teil ein Leersiedeln und Aussterben der Dörfer prophezeien und mit den auch die Politik jongliert, halte ich für falsch. Das Interesse am Leben an diesen Achsen wird wachsen“, meint Klüter. In Schwerin dürfe man sich nicht mehr von negativen Prognosen für die Bevölkerungszahlen leiten lassen, mahnt er. Die Landesregierung habe da vielfach nur ein anderes Bild, „weil sie keine richtigen Analysen hat”.

Forscher empfiehlt Klage für Chancengleichheit

Und was ist mit den Dörfern abseits der großen Verkehrswege? Auch Klüter sagt, dass längst nicht alle Orte dieselben Chancen hätten. Doch der Wissenschaftler betrachtet es nicht als aussichtslos, diese Chancengleichheit durchzusetzen: „Mit Artikel 3 des Grundgesetzes ist alles geregelt”, so Klüter. In dem Artikel steht: Jeder Mensch müsse ohne Ansehen von Herkunft und Rasse vor dem Gesetz gleich behandelt werden. „Das ist Menschenrecht, und das gilt in der Metropole genauso wie im kleinsten Dorf“, sagt Klüter. Müssten die Menschen auf dem Land also klagen? „Genau! Nur leider ist das in Ostdeutschland im Vergleich zum Westen des Landes noch in keinem Falle geschehen. Dabei dürfte man damit spätestens vorm Bundesverfassungsgericht durchkommen“, sagt Klüter.

Andere Forscher rechnen einer Ausgeglichenheit zwischen Land- und Stadtleben hingegen keine Chancen aus. Für eine Ost-West-Angleichung bei Produktivität und Löhnen ist zum Beispiel aus Sicht des Präsidenten des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle, Reint E. Gropp, eine Stärkung der ostdeutschen Städte und nicht der ländlichen Raums nötig. „Die neuen Dienstleistungssektoren, die IT-Sektoren etc., die bilden sich nicht heraus irgendwo auf dem Land, in einer Fabrik, sondern das sind ganz andere, viel informellere Strukturen, die sich nur in urbanen Regionen entwickeln können“, sagte Gropp Ende des vergangenen Jahres.

Er hatte auf Statistiken verwiesen, laut denen die Unterschiede zwischen dem Pro-Kopf-Einkommen in ländlichen Gebieten in Ost und West geringer ausfallen als im Vergleich zwischen Großstädten wie etwa Leipzig und Nürnberg. „Das heißt, relativ gesehen, sind die Städte problematischer im Osten als die ländlichen Regionen”, sagte der Wirtschaftsforscher.