Gerichtsurteil

Richter demaskiert den Awo-Paten

Schwerin / Lesedauer: 4 min

Er wisse nicht, ob es ein „System Awo“ gebe, sagte Richter Henning Sauer in seiner Urteilsbegründung. Aber er wisse, dass Awo-Funktionäre hier im Prozess ein erschütterndes Bild abgegeben haben. Und so wurde der Urteilsspruch zur Abrechnung.
Veröffentlicht:12.06.2021, 07:59
Aktualisiert:06.01.2022, 21:59

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Kam in den Reihen der Arbeiterwohlfahrt in der Vergangenheit die Rede auf Peter Olijnyk, fiel oftmals das geflügelte Wort vom „Sonnenkönig“, der machtvoll auf dem hoch gelegenen Weinberg im Hauptquartier der Awo Müritz über der Stadt an Deutschlands größtem See thronte. Olijnyk hatte sich seit Beginn der 90er Jahre ein millionenschweres Imperium aufgebaut – und dabei laut Richter Sauer die eigentliche Mildtätigkeit der Awo eher bei sich selbst walten lassen.

Dazu habe er sich einen Vorstand ausgesucht und zusammengebastelt, der seine in der Awo-Satzung vorgeschriebene Kontrollfunktion in keinster Weise ausübte. Aus gutem Grund, wie der Richter in seiner gestrigen Urteilsbegründung bemerkte. „Der Großteil der Vorstandsmitglieder hat von Aufträgen der Awo profitiert“, so Sauer – nahm es deshalb mit der Kontrolle der Geschäftsführung nicht so ernst. Und so zeichnete Sauer ein Bild von jenen Vorstandsmitgliedern, die im Prozess gegen den Ex-Awo-Geschäftsführer Peter Olijnyk und Ex-Awo-Müritz-Vorsitzenden Götz-Peter Lohmann als Zeugen aussagten, das sich vor allem durch einen Satz auszeichnete: „Ich kann mich nicht erinnern.“ Schließlich hätten diese Vorstandsmitglieder gewusst, dass sie sich mit ihrer vermeintlichen Mitwisserschaft sonst ebenfalls auf der Anklagebank wiedergefunden hätten, analysierte Richter Sauer mit scharfer Zunge.

Aber auch die ehemalige Prokuristin der Awo, Olijnyks langjährige rechte Hand Simone Ehlert, habe viel gewusst. Doch erst als ihr alles zu heiß geworden war und sie ihre Ambitionen auf die Nachfolge Olijnyks davon schwimmen sah, zeigte sie ihren Chef an. Und der Zeugenauftritt von Ex-Awo-Landeschef Ulf Skodda vor Gericht sei einfach nur „erschütternd“ gewesen.

„Bis zu seinem letzten Wort im Gericht Olijnyk keinen Fehler bei sich selbst gesehen”

Mit anderen Worten: Olijnyk hatte seine willfährigen Gefährten, die seine Machenschaften über Jahre mehr oder weniger wissentlich mittrugen. Dazu gehörte laut Sauer auch die Apothekerin Heike Daut, die „exklusiv die Awo mit Medikamenten versorgte“. Ihre Hilfe als ehemaliges Vorstandsmitglieder reicht bis heute sogar soweit, dass sie „Olijnyks Privathaus kaufte“, wie der Richter in seiner Urteilsbegründung bekannt gab. Hintergrund: Der Ex-Manager ist nach seinem Rausschmiss 2016 finanziell schwer gebeutelt. Sein ehemaliger Promi-Anwalt Peter-Michael Diestel und Rückforderungen der Awo sowie Prozesskosten belasten seitdem das Budget Olijnyks.

Schließlich wurde Olijnyk jetzt nicht nur wegen schwerer Untreue zu drei Jahren Gefängnis verurteilt, der Ex-Manager muss sich auch fast 350 000 Euro an zu viel kassierten Gehältern entziehen lassen. Dies hatte im übrigen auch schon das Oberlandesgericht Rostock in einem zivilrechtlichen Verfahren gegen Olijnyk im Jahr 2019 geurteilt.

Dass der „Sonnenkönig“ in seinem Imperium am Ende die Bodenhaftung verloren hatte, machte der Richter zugleich deutlich. „Bis zu seinem letzten Wort in der vergangenen Woche im Gericht hat Olijnyk keinen Fehler bei sich selbst gesehen. Bis auf einen: Dass er anderen vertraut habe“, betonte der Richter fast schon mit süffisant-ironischem Unterton.

Regime Olijnyk/Lohmann kein Einzelfall in der Wohlfahrt ist

Fehler hätten nur die anderen gemacht – ohne Reue und Einsichtigkeit habe sich Olijnyk während des gesamten Prozesses gezeigt. Immer wieder habe sich Olijnyk in ausschweifenden und selbst lobenden Aussagen ergeben. Das sei schon ein „interessante Selbstbild“ gewesen, das Olijnyk von sich skizziert habe, sagte der Richter. Olijnyk habe die Chance auf eine gesichtswahrende Einlassung versäumt.

Im Gegensatz zum Mitangeklagten Götz-Peter Lohmann, einem ehemaligen SPD-Bundestagsabgeordneten. Der habe Reue und Einsichtigkeit gezeigt und Verantwortung für sein unrechtmäßiges Handeln übernommen, stellte Sauer fest. „Olijnyk war der Haupttäter, Lohmann der Gehilfe. Lohmann hat sich von Olijnyk zu Straftaten verführen lassen“, so der Richter. Lohmann habe sogar zugeben, dass er Vermögen an seine Frau verschoben habe. Wie auch Olijnyk – der habe das aber nicht als Fehler angesehen.

Dass das Regime Olijnyk/Lohmann kein Einzelfall in der Wohlfahrt ist, haben deutschlandweite Skandale in den vergangenen Jahren bewiesen. Darauf zielte auch AfD-Landeschef Leif-Erik Holm gestern nach dem Prozess ab. „Das heutige Urteil demaskiert die Awo als kriminelle SPD-Vorfeldorganisation. Die Genossen haben sich schamlos auf Kosten der Schwächsten die Taschen vollgestopft. Man sollte nach all den Eskapaden der Awo-Genossen nun genau prüfen, ob der mit SPD-Politikern durchsetzte Verein überhaupt noch gemeinnützig sein kann.“

Schwesig solle sich entschuldigen

Alle Beteiligten hätten führende Positionen in der SPD MV inne gehabt. Lohmann als Bundestagsabgeordneter, Olijnyk als ehemaliger Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft für Bildungspolitik in der SPD und der mittlerweile verstorbene Rudolf Borchert als Landtagsabgeordneter. Und noch etwas betonte Holm: „Ich fordere SPD-Landeschefin Schwesig auf, sich unverzüglich für dieses kriminelle Verhalten ihrer Funktionäre zu entschuldigen und ihre Genossen aus allen Awo-Gremien abzuziehen.“