StartseiteRegionalMecklenburgische SchweizJugendamt sieht Rentner im Hort als Gefahr für Kinder - Trennmauer muss her

Kindeswohlgefährdung

Jugendamt sieht Rentner im Hort als Gefahr für Kinder - Trennmauer muss her

Jürgenstorf / Lesedauer: 3 min

Während woanders Mehrgenerationenhäuser gebaut werden, sollen in einem Seenplatte-Dorf Kinder und Senioren strikt voneinander getrennt werden. 
Veröffentlicht:06.12.2023, 18:02

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Dirk Schröder findet kaum Worte und versteht die Welt nicht mehr. Empört sei gar kein Ausdruck, so wie sich der Jürgenstorfer fühlt. Was gerade der Amtsschimmel seinem Dorf vorschreibt, treffe die Generation seines Vaters hart. „Mit einem gesunden Menschenverstand ist das nicht zu begreifen“, sagt er.

Kindeswohlgefährdung? Auf diesem Flur im Vereinshaus Jürgenstorf dürfen sich Kinder und Senioren nicht mehr begegnen.
Kindeswohlgefährdung? Auf diesem Flur im Vereinshaus Jürgenstorf dürfen sich Kinder und Senioren nicht mehr begegnen. (Foto: Kirsten Gehrke)

Auch Bürgermeister Norbert Köhler hat so seine Probleme mit einer Entscheidung des Jugendamtes, muss sich aber als Gemeinde-Oberhaupt wohl oder übel dem beugen. Schließlich will er nicht, dass Jürgenstorf seinen Hort verliert.

Kinder und Senioren strikt voneinander getrennt

Das Jugendamt hat offenbar damit gedroht, die Betriebserlaubnis für die Einrichtung zu entziehen, wenn gewisse Auflagen nicht erfüllt werden. Während in anderen Orten überall Mehrgenerationenhäuser aufgebaut werden, sollen in Jürgenstorf Kinder und Senioren strikt voneinander getrennt werden, um es auf den Punkt zu bringen.

Was war geschehen? Um 2010 hat die Kommune die alte Grundschule zu einem Haus der Vereine umgebaut. Bibliothek, Rommé-Frauen, Seniorengruppe, Würfel-Brüder, DRK und Dörpschaft bekamen Räume, ebenso der Bürgermeister für seine Sprechstunden. Ein großer Saal mit Küche wurde hergerichtet für Feiern und Sitzungen der Gemeindevertretung.

Doch 2012 wurde es für die Hortkinder in der Kita, die mit der Grundschule im ehemaligen Regionalschulgebäude nebenan untergebracht ist, zu eng. So wurde im Vereinsgebäude der erste Raum zum Hort umgewidmet, erklärt Köhler. Die Zahl der Hortkinder stieg jedoch weiter, inzwischen auf 44, so dass weitere Räume für die Betreuung hinzukamen.

Wenn sich die Seniorengruppe im Haus trifft, stört sich niemand am Kinderlachen. Auch umgekehrt kommen alle gut miteinander aus. Enkel winken ihren Omas, die Rentner teilen übrig gebliebenen Kuchen mit den Kindern.

Schon gar nicht die Vereinstoiletten benutzen

Doch nun dürfen sich beide Seiten nicht mehr auf dem Flur begegnen und schon gar nicht gemeinsam die Vereinstoiletten benutzen. „Wegen Kindeswohlgefährdung, hieß es“, sagt Dirk Schröder aufgebracht. Pauschal werde damit der älteren Generation unterstellt, dass sie sich gegenüber Kindern nicht ordentlich verhält. Laut Definition würden die Senioren das körperliche, seelische oder geistige Wohl der Kinder gefährden.

Im Vereinshaus Jürgenstorf ist der Hort untergebracht, weil es in der Kita zu eng wurde. Jahre kamen Kinder und Senioren, die sich hier treffen, gut miteinander aus.
Im Vereinshaus Jürgenstorf ist der Hort untergebracht, weil es in der Kita zu eng wurde. Jahre kamen Kinder und Senioren, die sich hier treffen, gut miteinander aus. (Foto: Kirsten Gehrke)

„Wo gibt es da denn einen begründeten Verdacht“, fragt er. „Alle über einen Kamm geschert, werden sie als pädophil hingestellt.“ Nicht jeder, der eine Burka trage, habe schließlich eine Bombe darunter, überspitzt Schröder und ist wütend. „Es ist beschämend.“

Amt verweist auf Gesetzbuch

Das Jugendamt beruft sich indes darauf, nach Recht und Gesetz zu handeln, zieht das Sozialgesetzbuch zurate, in dem die Erlaubnis für den Betrieb einer Einrichtung geregelt ist. 

„Eine Kindertageseinrichtung gemäß § 45 SGB VIII steht unter einer besonderen Schutznotwendigkeit und ist klar von anderen inhaltlichen Angeboten zu trennen“, heißt es aus dem Seenplatte-Kreis. Die räumlichen und organisatorischen Bedingungen seien im jeweiligen Einzelfall zu beurteilen.

In Jürgenstorf sei es abgelehnt worden, dass die Seniorentreffen außerhalb der Betriebszeiten des Hortes (ab 16 Uhr oder freitags ab 14 Uhr) stattfinden. Somit müsse eine räumliche Trennung erfolgen.

Gemeinde hat einen Kompromiss gefunden

Die Gemeinde hat derweil reagiert. Als Kompromiss können die Senioren einen separat zugänglichen Raum der Dörpschaft nutzen. Jedoch müssen sie zur Toilette über den Hof in die Turnhalle gehen. Das sei kein Zustand.

So will nun die Gemeinde eine Trennwand im Flur des Gebäudes ziehen, sagt Köhler. Es müsse nur noch die brandschutztechnische Prüfung abgewartet werden. Auch Sanitäranlagen müssen auf der Vereinsseite neu gebaut werden. „Als Gemeinde haben wir keine andere Chance“, meint er. Dirk Schröder findet es unerhört, dass die Gemeinde so unter Druck gesetzt werde.