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Wie zu DDR-Zeiten – Stavenhagen hat für Reuter-Jubiläum Großes vor

Stavenhagen / Lesedauer: 4 min

Eine Stadt spielt Fritz Reuter: Zum Dreifach-Jubiläum soll dessen berühmtes Epos aufgeführt werden. Den Machern geht's aber auch um Strahlkraft weit über Stavenhagen hinaus.
Veröffentlicht:06.12.2023, 18:10

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Johann und Mariken haben kein Zuhause. Sie werden auch keins bekommen, denn nachdem Mariken einst den lüsternen Gutsherrn zurückgewiesen hat, verweigert er dem jungen Paar nun das Wohnrecht im mecklenburgischen Dorf. Was mit dem bitteren Titel „Kein Hüsung“ beginnt, wächst zu einem Drama um Liebe und Tod, Freiheit und Selbstbestimmung, das bis heute Menschen bewegt. Sein Schöpfer Fritz Reuter hat nicht nur deshalb auf alle Zeit ehrenwertes „Hüsung“ in seiner Geburtsstadt Stavenhagen, wo sein berühmtes Werk im nächsten Jahr aufgeführt werden soll. 

Reuter-Festwoche im Juli 2024

„Eine Stadt spielt Fritz Reuter“, ruft das dortige Fritz-Reuter-Literaturmuseum zur Mitwirkung auf, zumal es gleich drei Jubiläen zu feiern gibt: den 150. Todestag des großen Niederdeutsch-Literaten (1810-1874) sowie 75 Jahre, seit Stavenhagen den Beinamen Reuterstadt erhielt und das Museum gegründet wurde. 

Das Theaterprojekt indessen beschwört große Fußstapfen herauf: die einer „Kein Hüsung“-Inszenierung zu DDR-Zeiten, die 1960/61 (damals zu Reuters 150. Geburtstag) im nahen Puchow aufgeführt wurde, vor insgesamt rund 20.000 Zuschauern, und im Archiv des Museums bestens dokumentiert ist. „Da ist zu sehen, was hier schon Großartiges möglich war“, sagt der heutige Museumsleiter Torsten Jahn. Oft hört er Einheimische davon sprechen, was es mal alles Tolles gab und wieder geben sollte. Das Jubiläumsjahr 2024, mit einer Festwoche im Juli und den darin eingebetteten Freilicht-Aufführungen als Höhepunkt, soll dazu Gelegenheit geben.

Großes Sozialdrama statt leichter Geschichten

„Menschen bewegen“ will denn auch jener Mann, der die künstlerische Leitung für „Kein Hüsung“ auf sich nimmt: Lutz Trautmann, nach 23 Jahren als Schulleiter gerade erst in den Ruhestand verabschiedet, stürzt sich mit Leib und Seele in diese Aufgabe. In Stavenhagen geboren, fühlt sich der 65-Jährige seiner Stadt und damit auch Reuter besonders verbunden, war auch schon oft bei den Spielszenen der jährlichen Reuter-Festspiele dabei und empfand dabei immer ein tiefes Zusammengehörigkeitsgefühl, das er mit dem Theaterstück neu beleben will. 

Der Nimbus des einstigen Freilicht-Erfolgs motiviert Museumsleiter Torsten Jahn, seine bühnenerfahrene Vor-Vorgängerin Cornelia Nenz und den künstlerischen Leiter Lutz Trautmann (von links), als Höhepunkt des Jubiläumsjahres 2024 erneut „Kein Hüsung“ aufzuführen.
Der Nimbus des einstigen Freilicht-Erfolgs motiviert Museumsleiter Torsten Jahn, seine bühnenerfahrene Vor-Vorgängerin Cornelia Nenz und den künstlerischen Leiter Lutz Trautmann (von links), als Höhepunkt des Jubiläumsjahres 2024 erneut „Kein Hüsung“ aufzuführen. (Foto: Susanne Schulz)

Bewusst haben sich die Initiatoren statt leichter plattdütscher Geschichten, an denen es ja in Reuters Werk auch nicht mangelt, für das große Sozialdrama entschieden. „Darin steckt so viel Brisanz, die uns angeht in dieser Zeit großer Unsicherheiten“, sagt Jahn. Auch Trautmann verweist auf Fragen zu Freiheit und Abhängigkeit, Heimat und Vertriebensein, oben und unten, die heute wie damals Menschen umtreiben. „Geschrieben mit aller Erfahrung, die er hatte“, zeige das Werk seinen Autor auch als echten Demokraten, der die Geschicke der kleinen Leute ebenso im Blick habe wie die Verantwortung, die Menschen für ihr Leben übernehmen müssen.

Jeder soll seinen Auftritt bekommen

An Reuters auf das Stück gemünzten Satz „Du büst doch min Best!“ erinnert zudem Cornelia Nenz, die sich zu dramaturgischer Mitarbeit an dem Stück bereit erklärt hat. „Ich gucke mal drüber und putze ein bisschen aus“, wiegelt die bühnenerfahrene Plattdütsch-Kennerin, einst Intendantin des Neustrelitzer Folklore-Ensembles sowie mehr als 20 Jahre Direktorin des Reuter-Museums, burschikos ab. Doch Trautmann lässt es sich nicht nehmen, sie auch gleich als Erzählerin für seine Inszenierung zu verpflichten.

Mindestens sieben bis acht Mitwirkende soll das Stück haben; Johann und Mariken möchte der Regisseur gern doppelt besetzen. Wenn sich mehr Freiwillige melden als erwartet, will Lutz Trautmann seine Textfassung auch gern so bearbeiten, dass jeder einen Auftritt bekommt.

Am 12. Juli, Reuters Geburtstag, soll das Stück die Festwoche eröffnen. Und gewiss sollte es nicht bei nur einer Aufführung bleiben. Die letzte Schulwoche vor den Sommerferien bietet sich an, es auch jungen Leuten ans Herz zu legen; und überhaupt sehen die „Macher“ das Festjahr als Gelegenheit, überregionale Aufmerksamkeit auf Reuters Heimat zu lenken. 

Konkurrenz zu Caspar David Friedrich-Jubiläum

Immerhin behaupte es sich dabei neben dem 250. Geburtstag des Malers Caspar David Friedrich, verweist Museumsleiter Jahn auf ein weiteres gewichtiges Jubiläum des kommenden Jahres, das in Mecklenburg-Vorpommern Aufsehen erregen wird. Umso wichtiger ist den Reuter-Enthusiasten, die Bedeutung und Vielschichtigkeit des niederdeutschen Dichters weithin publik zu machen. Rückhalt erleben sie durch einen kürzlich gefassten Landtagsbeschluss, dem zufolge das Land die 2024er Jahrestage und Aktivitäten öffentlichkeitswirksam begleiten und finanziell unterstützen, darüber hinaus den Dichter und sein Wirken über das Landes- und Tourismusmarketing bekannter zu machen. 

„Dieses überregionale Herangehen ist gut“, betont Torsten Jahn. Viele Partner und Unterstützer könnten gewonnen werden unter der Voraussetzung, das Thema „nicht auf Heimatstubenniveau“ anzupacken. Für die kleine Stadt Stavenhagen ist die Verantwortung für das Museum zweifellos eine große Aufgabe. Multimediale Präsenz und neue Formate sollen sie stärken, auch die Idee zu einer den Nordosten erkundenden „Straße des Niederdeutschen“ steht im Raum. Und natürlich soll das Festjahr, bei dem sich auch der Förderverein Reuter-Museen und die bundesweit tätige Fritz Reuter Gesellschaft einbringen dürften, den Dichter sinnbildlich „vom Sockel holen“ und sein Werk sinnlich erlebbar machen. Wer bei „Kein Hüsung“ mitwirken möchte, kann Kontakt aufnehmen unter 039954 21072 oder per Mail an [email protected].