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Streik

Klassenkampf im Ferienkommunismus: Das steckt hinter dem „Aufstand auf der Fusion“

Lärz / Lesedauer: 5 min

Auf dem Fusion-Festival 2023 wurde gestreikt. Ehrenamtliche bemängeln schlechte Arbeitsbedingungen und Diskriminierung. Die Veranstalter reagieren.
Veröffentlicht:07.07.2023, 18:30

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Raus aus dem Alltagstrott, rein in den kollektiven Ausnahmezustand: Die Fusion verspricht ihren Besuchern neben Musik, Theater und ausgedehnter Feierei auch, eine Utopie anzubieten. Die Idee einer besseren Welt, die sie nach dem Festival in Lärz (Mecklenburgische Seenplatte) wieder mit nach Hause nehmen können. Mitten in diesen „Ferienkommunismus“ platzte in diesem Jahr ein Streik, bei dem Beteiligte dem Veranstalter-Verein vorwarfen, sich zu weit von seinen Idealen entfernt zu haben.

Auf der Fusion tut sich jedes Jahr eine Parallelwelt auf.
Auf der Fusion tut sich jedes Jahr eine Parallelwelt auf. (Foto: Simon Voigt)

Höhepunkt war eine Kundgebung am Sonnabend vor dem „Datscha“-Hanger mit anschließender Demonstration über das Gelände in Richtung eines Backstage-Bereichs. Parallel legten Ehrenamtliche während ihrer Schichten für zwei Stunden die Arbeit nieder. Der Festivalbetrieb an sich kam aber nicht zum Stehen, die Bässe wummerten weiter. Die Mehrheit der Besucher dürfte den zweistündigen Arbeitskampf gar nicht erst wahrgenommen haben, auch wenn er auf Plakaten und Flyern angekündigt war.

Das Festival habe sich immer mehr zu einer kommerziellen Veranstaltung entwickelt, stand dort, die diskriminierendes Verhalten aufrechterhalte. „Viele Crews haben Kritik, doch aus Angst vor Konsequenzen äußern nur wenige ihre Bedenken“, heißt es im Aufruf zum „Aufstand auf der Fusion“, der bereits vorab zum Festival 2023 kursierte. Ein „loser Zusammenschluss vieler Crews“ ruft darin zu Veränderungen auf, namentlich in Erscheinung treten dabei die Gruppen „Sound Systers“, die „Mecklenbörger-Crew“ und der „FAQ Infoladen“.

12.000 Menschen wirken beim Festival mit

Solche Crews spielen bei der Fusion eine zentrale Rolle. Das Festival wird zwar von dem 1999 gegründeten Kulturkosmos Müritz e.V. veranstaltet, unter diesem Dach tummelt sich aber eine Vielzahl von weiteren Vereinen, Kollektiven und Gruppen aus dem ganzen Land, die einzelne Bereiche auf dem riesigen Gelände organisieren: Bars, Bühnen, Logistik, Stände, Küchen, sanitäre Einrichtungen. Der Kulturkosmos zählt rund 15.000 Mitwirkende auf, darunter 3000 Künstler:innen. Insgesamt befanden sich in diesem Jahr in der Spitze 89.000 Menschen auf dem Gelände.

2023 waren bis zu 89.000 Besucher, Mitwirkende und Künstler auf dem Fusion-Gelände, einem ehemaligen sowjetischen Militärflughafen bei Lärz.
2023 waren bis zu 89.000 Besucher, Mitwirkende und Künstler auf dem Fusion-Gelände, einem ehemaligen sowjetischen Militärflughafen bei Lärz. (Foto: ZVG)

„Wir sind uns der beeindruckenden ehrenamtlichen Arbeit, die hier geleistet wird sehr wohl bewusst, und danken allen Menschen, die mit ihrem enthusiastischen Einsatz die Fusion möglich machen“, erklärt ein Sprecher des Kulturkosmos auf Anfrage des Nordkurier. Der Verein scheue keine Kosten und Mühen, ihre Arbeitsbedingungen jährlich zu verbessern. So würden sie Campingplätze, Essen, warme Duschen, saubere Toiletten „und selbstverständlich kostenlosen Eintritt“ erhalten. Darüber hinaus sein dem gemeinnützigen Verein bei der Vergütung ehrenamtlicher Tätigkeit enge gesetzliche Grenzen gesetzt. „Leider sieht der Gesetzgeber mehr warme Worte als monetäre Wertschätzung ehrenamtlicher Arbeit vor“, sagt der Sprecher. Dennoch habe man im vergangenen Jahr Ehrenamtspauschalen von rund 700.000 Euro an 1800 Mitwirkende auszahlen können.

Problematische Hierarchien

In ihrem Streikaufruf bemängeln die Crews dennoch schlechte Arbeitsbedingungen. Die Jobs würden sehr unterschiedlich gewürdigt und versorgt, einige Crews würden mehr Privilegien genießen als andere, etwa bessere Schlafplätze bekommen. Sie sprechen von einem Klassensystem. Jede Crew müsse für sich ihre Bedingungen verhandeln: „Es kann nicht sein, dass Entscheidungen einfach von oben bestimmt werden, ohne das die Crews die davon betroffen sind, aktiv mit einbezogen werden.“

Im Kern machen sie für dieses Machtgefälle hierarchische Strukturen im Verein verantwortlich. Würden Probleme angesprochen, werde dies ignoriert: „Es bleibt bei leeren Worthülsen und neoliberaler Aneignung von politischen Idealen.“

Der Verein erklärt dazu: „Ein Festival mit 80.0000 Menschen benötigt in der Durchführung klare Entscheidungsstrukturen und Leitplanken, also Hierarchien. Hierarchien sind immer problematisch. Als Gruppe sind wir uns dessen bewusst.“ So würde man patriarchales Verhalten reflektieren und versuchen, dem entgegenzuwirken.

Die Führungsstrukturen seien mehrheitlich mit Frauen besetzt. Dennoch seien die „kontrollierten Hierarchien“ eine Notwendigkeit um die Fusion gut und sicher umzusetzen. „Dieses Konzept entspricht bei einem alternativen und subkulturellen Festival wie der Fusion natürlich nicht den Vorstellungen aller Mitwirkenden.“

Kritisiert wurde auch eine unzureichende Awareness-Struktur.
Kritisiert wurde auch eine unzureichende Awareness-Struktur. (Foto: privat)

Sexismus und Rassismus

Die Streikführer um den „FAQ Infoladen“ und die „Sound Systers“ gehen sogar noch weiter und sagen, dass diese Hierarchien Sexismus und Rassismus befördern würden. Konkret beschuldigen sie Securitypersonal. Ihre Forderungen nach Konsequenzen seien ignoriert worden. Der Verein erklärt dazu, neben eigenem Personal nur mit vertrauenswürdigen Sicherheitsfirmen zusammenzuarbeiten. „Trotzdem kann es natürlich zu realen oder vermeintlichen diskriminierenden Vorfällen kommen, die dann aber nicht, wie vorgeworfen unter den Tisch fallen, sondern wenn sie real sind, auch direkte Konsequenzen haben.“

Mit beiden genannten Kollektiven hatte der Kulturkosmos seine Zusammenarbeit nach der Fusion 2022 beendet und stellt dies auch in Zusammenhang mit den nun erhobenen Vorwürfen des Sexismus und Rassismus. 

Die feministische Technik-Crew „Sound Systers“ hatten sich 2022 geweigert, die bereits gebuchte Punkband „Moscow Death Brigade“ auf der von ihr betreuten Bühne „Triebwerk“ spielen zu lassen. Ihr Vorwurf: Sexistische Texte und Gewalt gegen Fans. „Im Verlauf des Konflikts haben Mitglieder der Sound Systers die bei uns geltenden Regeln von respektvollem Umgang derart verletzt, dass wir eine weitere Zusammenarbeit ausschließen mussten“, erklärt dazu der Kulturkosmos.

Falls das Anliegen ignoriert wird, werden wir den Druck erhöhen. Wir sind laut, wir sind viele, und gemeinsam schmeißen wir den Laden.

aus dem Streikaufruf

Druck weiter erhöhen

Der Streikaufruf nennt zwar einige Beispiele, bleibt aber an vielen Stellen sehr unkonkret. Er endet mit dem Wunsch nach Dialog, schiebt aber nach: „Falls das Anliegen ignoriert wird, werden wir den Druck erhöhen. Wir sind laut, wir sind viele, und gemeinsam schmeißen wir den Laden.“ 

Der Kulturkosmos betont in seiner Stellungnahme, dass dem Verein Kritik schon seit seiner Gründung vor mehr als 20 Jahren begleite. Damit umzugehen sei ein stetiger Prozess: „Jedes Jahr lernen wir aus neuen Fehlern.“

So hätte „wichtige und konstruktive Kritik einer langjährigen Crew“ auch im Vorfeld der Fusion 2023 zu internen Debatten geführt. „Die formulierte Kritik und die Forderung nach mehr Transparenz und Mitsprache nehmen wir sehr ernst. Wir werden die konstruktiven Ansätze, Forderungen und Kritik mit den Crews in den kommenden Monaten weiter diskutieren und gemeinsam an Lösungen arbeiten.“