Kulturtipp

„Nah und fern II“ — das ist Kunst und in Waren zu sehen

Waren / Lesedauer: 4 min

Die Kunstausstellung zeigt 33 Werke von Kerstin Borchardt. Zu Kunst:offen kommt auch noch Lyrik der Künstlerin dazu und ein Konzert rundet das Erlebnis ab. 
Veröffentlicht:24.05.2023, 17:53

Von:
  • Author ImageIngmar Nehls
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Mangels Westverwandtschaft hingen bei Kerstin Borchardt keine Bravo–Poster im Jugendzimmer. Stattdessen schmückten Kunstpostkarten die Wände, darunter auch japanische Farbholzschnitte. Die hinterließen einen prägenden Eindruck bei der frei schaffenden Künstlerin, die sich mit dem Land der aufgehenden Sonne verbunden fühlt und es 2008 und 2019 zweimal für Arbeitsaufenthalte und Ausstellungen im Rahmen des „Rostock–Kyoto Art Rainbow Project“ besuchte. Werke, die in Japan entstanden, oder mit dort gesammelten Material später im Atelier in Gotthun, sind noch bis zum 9. Juli in der aktuellen Ausstellung „nah und fern II“ im Haus des Gastes in Waren (Landkreis Mecklenburgische Seenplatte) zu sehen. 

Sanfte Übergänge und starke Kontraste

Die Ausstellung mit 33 Werken verweist einerseits auf das individuelle Empfinden örtlicher Bezüge, meint andererseits zeitliche und auch seelische Nähe und Ferne. Im experimentellen Umgang mit verschiedenen Papierqualitäten und Mischtechniken, im Nebeneinander von gebrochenen und reinen Farben, sanften Übergängen und starken Kontrasten begegnet Kerstin Borchardt dem flüchtigen Sehen und offeriert ein intensives Spiel mit wechselnden Wahrnehmungen und imaginären Gedankenwelten. Was auf den ersten Blick informell erscheint, offenbart dem zweiten bizarre Landschaften und Figuren. Vielschichtige Vexierbilder stellen scheinbar sichere Informationen infrage und sind mehrdeutig. Nichts ist sicher zu wissen. Wir ahnen unendlich viele Parallelitäten und erkennen doch nur flüchtige Zwischenzeichen.

Nur Bruchstücke, nie das Ganze

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So lässt sich nur vermuten, über was in den japanischen Tageszeitungen, die Kerstin Borchardt gesammelt, zu Collagen zusammengestellt und übermalt hat, berichtet oder geworben wird. „Ich glaube das ist eine Anzeige für Potenzmittel“, sagt sie vor einem der Werke. Nur Bruchstücke, Details könne man erfassen, nie das Ganze und ohnehin sei alles im Fluss, meint Kerstin Borchardt. 

Zu jedem ihrer Bilder, zum Teil sind es auch Serien, kann sie spannende Geschichten erzählen. So gibt es die Serie „Knockout“, die sich mit dem Schrecken und der Faszination des Sports beschäftigt und speziell mit dem Thema des Wiederaufstehens nach einem harten Treffer. Zum Glück hat sich Kerstin Borchardt nicht selbst ausknocken lassen, sondern Boxer gefragt, was sie sahen, wenn sie wieder zu sich kamen. 

Auf einer Japan–Reise kennengelernt

Transformation und künstlerisches Experiment seien für Kerstin Borchardt die wohl wichtigsten Arbeitsweisen, meint Miro Zahra, Künstlerin und Leiterin des Künstlerhauses Schloss Plüschow. Die beiden Künstlerinnen haben sich auf einer Japan–Reise kennengelernt und sind befreundet. „Kerstin ist eine begeisterte Sammlerin. Material, das schon eine Vorgeschichte oder eine andere Nutzung aufweisen kann, das interessiert sie am meisten. Durch die Mehrlagigkeit und Transparenz ihrer Collagen entstehen visuelle Verweise auf das Zeitliche, ihre Vergänglichkeit und ewige Wiederholung. Das gleichzeitige Verschwinden und Wiederkommen ist wahrnehmbar in einem einzigen Augenblick, der so flüchtig ist, wie ein Flügelschlag des Schmetterlings oder ein leises Wimpernzucken“, beschreibt Miro Zahra die Arbeit von Kerstin Borchardt.

Gedichte verfasst — als Zugabe

Kunstvoll geht die ausgebildete Textildesignerin aber auch mit Wortschnipseln um. Immer, wenn es was zu verarbeiten gab oder sich ein Anlass wie eine Laudatio für einen Kollegen bot, verfasste sie Gedichte. Einige davon werden im Rahmen von „Kunst Offen“ am Freitag ab 19.30 Uhr vorgetragen, als kleine Zugabe zum Konzert „Wege in der Schwebe“ mit der Akkordeonistin Cathrin Pfeifer. Die Kosmopolitin gehört mit ihrem virtuosen Spiel und musikalischer Offenheit seit Jahren zu den etablierten Ethno–, Jazz– und Weltmusik–Akkordeonisten in Europa.

Konzerte in aller Welt

Sie wird zu den wichtigsten Festivals in aller Welt eingeladen, spielt Konzerte von Brasilien bis Hongkong, Mosambik bis Sibirien, teils mit lokalen Musikern, schreibt Filmmusiken, hat bisher acht Alben veröffentlicht. In ihren Eigenkompositionen verknüpft sie scheinbar mühelos die verschiedenen Traditionen ihres Instruments und hat einen ganz eigenen Sound entwickelt, in den ihr klassisches Akkordeonstudium und die zahlreichen Reisen und Tourneen auf allen Kontinenten ebenso einfließen wie die Arbeit in verschiedenen Genres und mit unterschiedlichen Musikern.