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Gesundheitsversorgung

Was hilft gegen Ärztemangel? Diagnose einfach, Therapie schwierig

Seenplatte / Lesedauer: 5 min

Alternde Bevölkerung auf der einen, Ärztemangel auf der anderen Seite: Um Lösungen für die Gesundheitsversorgung im ländlichen Raum ging es bei einem Forum in Waren.
Veröffentlicht:07.02.2024, 11:30

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Die Lücke klafft, und sie wird stetig größer: Auf der einen Seite ein wachsender Bedarf an medizinischer Versorgung allein schon durch das Altersspektrum der Einwohner und entsprechende Häufigkeit auch chronischer Erkrankungen - auf der anderen Seite ein Rückgang ebendieser Versorgung, weil es an medizinischem Fachpersonal fehlt und sich für frei werdende Arztpraxen keine Nachfolger finden. Die Situation ist nur zu bekannt; die ganze Dramatik verdeutlicht auch eine Studie des Münchner Instituts für Gesundheitsökonomik, die jetzt einem Forum in Waren (Müritz) als Diskussionsgrundlage diente. 

Situation bei Diabetikern untersucht

Exemplarisch für die Gesundheitsversorgung im ländlichen Raum war mit Unterstützung der Novo Nordisk GmbH die Betreuung von Diabetikern in der Seenplatte untersucht worden. Eine Entwicklung, die Institutsdirektor Prof. Günter Neubauer in ganz Deutschland, Stadt und Land beobachtet, spitzt sich hier zu in einer Prognose, der zufolge sich die Zahl der Hausärzte seit 2015 bis 2025 nahezu halbiert; mancherorts - wie in Rechlin schon jetzt - wird es überhaupt keinen mehr geben. 

Die Grafik aus der Studie des Instituts für Gesundheitsökonomik verdeutlicht den dramatischen Rückgang von Hausarztsitzen.
Die Grafik aus der Studie des Instituts für Gesundheitsökonomik verdeutlicht den dramatischen Rückgang von Hausarztsitzen. (Foto: novonordisk GmbH)

Und das in einer weitläufigen Region, in der fast ein Drittel der Bevölkerung über 60 Jahre alt ist, ein hoher Anteil von übergewichtigen (mehr als die Hälfte) und adipösen (18 Prozent) Menschen zu erheblichen Krankheitsrisiken führt und chronische Erkrankungen wie eben Diabetes oft auch mit anderen Leiden einhergehen. Die beschriebene Lücke zwischen Krankheitsgeschehen und ärztlicher Versorgung zeige, dass kommunalen und lokalen Lösungen mehr Gewicht beizumessen sei, folgert Neubauer. Neben präventiven Maßnahmen, angefangen bei infrastrukturellen Aspekten wie Radwegen oder Sportangeboten, sieht er neue Formate wie Medizinische Versorgungszentren (MVZ), digitale und mobile Angebote auf der Agenda. „Wir müssen auch Ressourcen mobilisieren unterhalb der ärztlichen Profession“, so sein Resümee. 

Gesundheitskiosk und Mediziner-Netzwerk

Was durchaus bereits der Fall ist, etwa mit dem Gesundheitskiosk InGe im Neubrandenburger Reitbahnviertel. Im vorigen Jahr auf Initiative des kreislichen Gesundheitsamtes der Seenplatte eröffnet, versteht sich die Einrichtung im Wohngebiet nicht nur als Informationszentrum, sondern will mit mobilen Angeboten auch Wirkeffekte der zu DDR-Zeiten überall tätigen Gemeindeschwestern wiederbeleben - so beschrieb es Fachfrau Regina Göretzlehner in der Podiumsdiskussion. Die Finanzierung sei indes zunächst nur bis 2026 geklärt - eine Verstetigung indessen könne dem klammen Gesundheitssystem langfristig viele Kosten ersparen.

Auf das vorpommersche Mediziner-Netzwerk Haffnet verwies zudem Diskussionsteilnehmer Daniel Lichy, der für die Landesfachstelle Demenz der Deutschen Alzheimer Gesellschaft nach Waren gekommen war. Der Ärzteverbund am Stettiner Haff hat sich fachübergreifende Kooperation, aber auch Prävention und Nachwuchsförderung auf die Fahne geschrieben. 

Nicht genug Ärzte, nicht am nötigsten Ort

Denn der Mangel hat viele Erscheinungsformen, wie die Mitwirkenden des von der Konrad-Adenauer-Stiftung initiierten Forums aus unterschiedlichen Perspektiven deutlich machten. Da führte auch kein Weg vorbei an der Überlegung, ob mehr Studienplätze für Ärzte und auch Zahnärzte angeboten werden sollten - was allerdings noch nicht heißt, dass die Absolventen dann auch im Lande bleiben. Die „Landarztquote“, die neuerdings auch Bewerbern ohne Einser-Abitur den Zugang ermöglicht, wenn sie sich anschließend für zehn Jahre aufs Land verpflichten, kann erst in einigen Jahren Wirkung zeigen.

Zu wenig Ärzte für zu viel Fläche: In der Seenplatte ist dieses Szenario schon Realität.  
Zu wenig Ärzte für zu viel Fläche: In der Seenplatte ist dieses Szenario schon Realität.   (Foto: Patrick Pleul)

Versorgungskapazitäten sollten möglichst dorthin gesteuert werden, „wo die meisten Kranken sind“, hatte schon Günter Neubauer als Fazit seiner Studie formuliert, die als Regionen mit hohem Krankheitsaufkommen unter anderem Woldegk, Mirow, Dargun und die Feldberger Seenlandschaft auswies. Nur können Ärzte natürlich - abgesehen von Zulassungsgrenzen für die jeweiligen Fachgebiete - frei entscheiden, wo sie leben und arbeiten möchten: Eine weitere Herausforderung an Kommunen, attraktive Bedingungen zu schaffen.

Immer mehr Aufwand stiehlt Zeit für Patienten

„Wir müssen ganz lokalpatriotisch sehen, wie wir Ärzte herbekommen und auch halten“, sagte denn auch Dr. Jörn Meuser, der vor über zehn Jahren die Neubrandenburger Krankenhaus-Anstellung gegen eine Niederlassung als Hausarzt und Diabetologe in Waren tauschte. Allerdings leide der Berufsstand deutschlandweit unter einem „riesigen Bürokratieproblem“, kritisierte er den zunehmenden Anteil nicht-medizinischer Aufgaben.

Auch die aktuelle Telematik-Infrastruktur „spart keine Minute Arbeitszeit, die den Patienten zugutekommen könnte“, so seine Erfahrung. Wenn zudem die Ansiedlung von Ärzten rein der Marktlage folge, führe das „zu einer Konzentration an lukrativen Standorten, wo dann alle gesünder sind, und einer Verschlechterung in der Breite“, mahnte der Mediziner. 

Die wiederum treffe gerade die Menschen, die nicht mobil genug seien, um kilometerweit in die Praxis zu fahren, attackierte Kommunalpolitiker Christian Holz (CDU) auch Zulassungsbeschränkungen der Kassenärztlichen Vereinigung (KV). Die allerdings könne keine steuernde Funktion ausüben, um Ärzte in bestimmte Regionen zu bringen, hielt Steffen Kaulisch, Hauptabteilungsleiter der KV Mecklenburg-Vorpommern, dagegen. Dass die Bedarfsplanung auf veralteten Grundlagen basiere, sei nicht der KV anzulasten. „Wir verhindern keine Ansiedlungen“, betonte Kaulisch; vielmehr fördere die Vereinigung Niederlassungen, Weiterbildungen, Zweigpraxen und biete „Praxis-Abgeberseminare“, um die rechtzeitige Nachfolgersuche zu unterstützen. 

Drängende Suche nach Verbündeten

Der Stavenhagener Zahnarzt Dr. Dietmar Oesterreich empfindet die Zustandsbeschreibung indessen auch als Plädoyer für Prävention. Kommunen müssten sich Verbündete suchen, um vor Ort bestimmen zu kommen, „was gewollt und was gebraucht wird“.

Als Facette der medizinischen Versorgung beschrieb die Warener Pharmazeutin Katrin Meuser aber auch die Situation der Apotheken, die bei der kontinuierlichen Versorgung mit Arzneimitteln zusehends „Mangel verwalten“ und als Buhmann für Fehlendes herhalten müssten. Aus dem Publikum monierte zudem Dr. Stefan Bergt, Chefarzt der Anästhesiologie und Intensivmedizin an Müritz-Klinikum, eine „von Pseudo-Experten aufgedrückte Pseudo-Debatte“ über die Zukunft der Krankenhäuser. „Wohin das führt, wenn Leistungen vor Ort wegbrechen, darüber müssen wir aufklären, damit Leute sich zur Wehr setzen“, forderte er.