Jugenddorfwerk

Weg von den Drogen - Ex-Junkie und Heavy-Metal-Coach berichtet

Waren / Lesedauer: 4 min

So einige Jugendliche der „Produktionsschule Müritz“ haben bereits Erfahrungen mit Drogen. Nun berichtete ihnen ein Ex-Junkie, wie sie ihr Leben wieder auf die Reihe kriegen können.
Veröffentlicht:22.05.2022, 07:34
Aktualisiert:22.05.2022, 09:34

Von:
  • Author ImageMiriam Brümmer
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Einige ihrer Schützlinge sind schon mit Drogen in Berührung gekommen, manche haben Suchtpotential, andere sind bereits abhängig. Das sagte Cornelia Schneidewind, Werkstattpädagogin in der Kreativwerkstatt der „Produktionsschule Müritz“ des CJD Nord.

Die Produktionsschule ist ein Angebot des Christliches Jugenddorfwerk Deutschlands (CJD), in dem Jugendliche die Übergangszeit von der Schule zum Beruf nutzen und sich in verschiedenen Werkstätten ausprobieren oder eine Berufsreife oder ihren Schulabschluss nachholen können. Dort gab es in dieser Woche eine Aktionswoche zum Thema Sucht.

Als Redner war kein Trainer eingeladen, wie er im Lehrbuch steht. Stattdessen kam ein Mann mit dicken Silberketten um Hals und Handgelenke, Totenkopf-T-Shirt und Tätowierungen. Selbst das seriös wirkende schwarze Hemd ist natürlich nicht zugeknöpft.

Persönlichkeitstrainer Rainer Biesinger nennt sich selbst „Heavy-Metal-Coach“. Er will den Teilnehmern, Mitarbeitern und der Öffentlichkeit erzählen, wie schlecht Drogen sind? „Ja wer sonst?“, fragte er lauthals in die Gruppe, spätestens jetzt sind alle Zuhörer dabei. Wer gegen Drogen ankämpfen will, muss krass unterwegs sein, sagt Biesinger – und das kommt bei ihm nicht von ungefähr.

Die harschen Worte aus dem Mund von Rainer Biesinger sind „keine graue Theorie, sondern das wahre Leben mit eigener Suchtrealität“, sagte die Leiterin der Produktionsschule Müritz Stefanie Reinart zu Beginn des Aktionstages. Der Mann war in seinem Leben schon Einiges: Elektroinstallateur, Schallplattenverkäufer, Soldat, Verwaltungsfachangestellter, Tätowierer, Industriemechaniker – und eben auch drogensüchtig. Er hatte in der achten Klasse „keinen Bock auf Schule“, niemand kam mehr an ihn ran.

„Schießt euch nicht gleich ab, wenn’s mal nicht läuft“

Der heute 56-Jährige schrieb das Abi ab und schaffte gerade so noch den Hauptschulabschluss. Er wollte Geld verdienen, doch nichts lief nach Plan. Der Rebell in ihm wurde ihm zum Verhängnis. Es folgte die Abwärtsspirale in die Drogensucht. Die Kurve habe er erst kurz vor dem „Verrecken“ gekriegt. „Es musste erst richtig weh tun“, bevor er die Verantwortung für sein Leben übernahm.

Da ware er 31 Jahre alt und hatte schon eine lange Drogenkarriere hinter sich. Die hatte im Alter von 13 Jahren begonnen. Im Gefängnis war er zwar nie, aber es sei knapp gewesen. „Ich habe verdammt viel Glück gehabt“, weiß er heute. Stattdessen habe Verantwortung für sein Leben übernommen, hat noch mal gelernt, was er will und was ihm Spaß macht. Biesinger hat sogar studiert und im Alter von 52 Jahren einen Master-Abschluss der kognitiven Neurowissenschaft gemacht. Er weiß also – theoretisch und aus eigener Erfahrung –, was Drogen mit dem Gehirn machen. All das beschreibt er mit einfachen Worten, im Klartext und ohne Fremdworte „dass es auch unsere Schüler verstehen“, ist Cornelia Schneidewind begeistert.

„Sucht entsteht unbewusst”

Rainer Biesinger ist auch Geschäftsführer der „Christiane F Foundation“ zur Suchtaufklärung und -prävention. Die Namensgeberin ist bekannt aus dem Buch „Die Kinder vom Bahnhof Zoo“. „Sucht entsteht unbewusst“, sagte der „Heavy-Metal-Coach” und er könne niemanden bekehren. Stattdessen ruft er in seiner eindringlichen Art immer wieder auf, Selbstverantwortung zu übernehmen. „Schießt euch nicht gleich ab, wenn’s mal nicht läuft, sondern lernt, für euch einzustehen. Wenn ihr schon konsumiert, dann fragt, warum! Vielleicht fällt euch die Entscheidung dagegen leichter“, forderte er.

Er wolle die Notwendigkeit von Medikamenten oder Heilpflanzen nicht verteufeln, doch: „Brauche ich wirklich ’ne Kopfschmerzen Tablette, oder liegen die Kopfschmerzen daran, weil ich zu wenig getrunken habe?“ Denn auch Tabletten können in die Abhängigkeit führen.

„Je größer die gezündete Rakete ist, um so schlimmer ist der Aufprall“, versinnbildlichte er den Drogenrausch. „Bekehren kann ich nicht. Ich hoffe nur, dass sich die Leute in einer Grenzsituation an meine Worte erinnern“, denn je älter man wird, um so länger dauert es, um die Kurve zu kriegen, sagte er am Ende im Gespräch mit dem Nordkurier.

Bei einigen Schülern zeigte es schon im Anschluss Wirkung: „Jetzt überleg’ ich mir aber fünfmal, ob ich was nehme oder nicht“, sagte eine Teilnehmerin ohne Drogenerfahrung.

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