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Notaufnahme

Bonhoeffer-Klinikum entlässt Patientin (70) mitten in der Nacht

Neubrandenburg / Lesedauer: 3 min

Dass sie nach einer Behandlung in der Nacht nach Hause geschickt wurde, hat eine Seniorin und ihre Familie schockiert. Die Antwort der Bonhoeffer-Klinik passt da ins Bild.
Veröffentlicht:08.12.2023, 06:25

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Wer ins Krankenhaus muss, möchte meist möglichst schnell wieder nach Hause. Aber auch mitten in der Nacht? Ein solches Erlebnis in der Notaufnahme des Bonhoeffer-Klinikums in Neubrandenburg hat einer Familie aus Lychen einen gehörigen Schock über Gepflogenheiten des Gesundheitswesens beschert. 

Wechselbad der Gefühle

Die 70-jährige Mutter hatte, wie eine Leserin dem Nordkurier schildert, eine Einweisung ins Neubrandenburger Bonhoeffer-Klinikum erhalten. Nach anhaltenden Problemen mit Blutdruck und Puls habe die Lychener Hausärztin wegen Vorhofflimmerns, einer Herzrhythmusstörung, abklärende stationäre Untersuchungen veranlassen wollen. Um keine Zeit zu verlieren, fuhr der Sohn die Seniorin noch am selben Abend nach Neubrandenburg. In der Notaufnahme des Klinikums sei sie zunächst mit einem Medikamententropf versorgt und auch ein EKG geschrieben worden, dann aber lange Zeit „gar nichts“ passiert.

Diese Stunden erlebte die 70-Jährige als Wechselbad der Gefühle: Da es ihr zunächst - womöglich wegen des Medikaments? - besser ging, sollte sie nach Hause entlassen werden. Als sie wenig später hörte, man werde sie doch dabehalten, machte sich der Sohn auf den Heimweg. Am späteren Abend nahm sich ein Internist der Patientin an. Nach einer Ultraschall-Untersuchung hieß es dann aber gegen 0.30 Uhr, sie könne jetzt nach Hause.

Kinder erfuhren am Morgen vom Verbleib ihrer Mutter

Um diese Zeit? Nach Lychen? Wie das? Die überrumpelte Seniorin erhob Einspruch, jedoch ohne Erfolg: Da keine Anschlussbehandlung nötig sei, könne sie auch nicht über Nacht im Krankenhaus bleiben. Da sie nicht mitten in der Nacht ihre Kinder für eine erneute Fahrt nach Neubrandenburg herausklingeln wollte, nahm sie letztlich eine 117 Euro teure Taxi-Tour auf sich. Erst am Morgen benachrichtige sie ihre überraschten Kinder, die davon ausgegangen waren, die Mutter betreut zu wissen. 

Ausdrücklich übt die Familie keine Kritik an der medizinischen Versorgung. „Aber es kann doch nicht sein, dass man mitten in der Nacht aus dem Krankenhaus entlassen wird und zusehen muss, wie man nach Hause kommt, nicht mal eine Nacht zur Überwachung dort bleiben darf“, empört sich die Tochter. 

Soziale Komponente ist nicht vorgesehen

Doch eben so sei die Gesetzeslage, macht das Klinikum auf Nordkurier-Anfrage geltend: Patienten dürften nur dann stationär aufgenommen werden, wenn“ das Behandlungsziel nicht auf anderem Wege zu erreichen“ sei. Das Krankenhaus habe da wenig Ermessensspielraum, eine soziale Komponente - in diesem Fall etwa angesichts des Alters und des entfernten Wohnorts der Patientin - sei im Gesetz nicht vorgesehen. 

Zum konkreten Fall könne sich das Klinikum aus datenschutzrechtlichen Gründen nicht äußern, so die Auskunft an den Nordkurier. „Wenn der Patientin aber durch Missverständnisse  in der internen Kommunikation unseres Hauses Unannehmlichkeiten mit der nächtlichen Heimfahrt entstanden sind, bedauern wir das sehr.“

40.000 Patienten im Jahr

Generell ist die Problematik denn auch nicht unbekannt. "Wenn Patienten abends in die Notaufnahme kommen und mehrere Untersuchungen nötig sind, um festzustellen, ob ein stationärer Aufenthalt notwendig ist, kann das - insbesondere bei hohen Patientenzahlen in der Zentralen Notaufnahme - mehrere Stunden in Anspruch nehmen“, heißt es aus dem Klinikum. Dass Patienten aus der Notaufnahme nachts nach Hause entlassen werden, sei daher nicht ungewöhnlich - und bei einer zunehmenden Zahl von Patienten aus weiter entfernten Orten eben auch problematisch. Erschwerend komme hinzu, dass es nachts keine Krankentransporte mehr gebe, da der Träger diese Versorgung eingestellt habe. 

Ohnehin kämpft das Klinikum seit Jahren um eine Erweiterung der Notaufnahme, die jährlich rund 40.000 Patientenkontakte - bis zu 150 am Tag - meistert; aus einem immer weitläufigeren Einzugsgebiet. Doch die dringend nötigen Fördermittel für den auf 30 Millionen Euro veranschlagten An- und Neubau sind noch immer nicht bewilligt worden. 

Die Bestürzung über die nächtliche Entlassung aus der Notaufnahme ist ein weiteres Mosaiksteinchen einer Situation, aus der das Klinikum nur mahnend schlussfolgern kann: "Umso wichtiger ist es, die Zahl der Krankenhäuser in Mecklenburg-Vorpommern nicht noch weiter zu reduzieren, um eine wohnortnahe Versorgung zu gewährleisten.“