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Justiz

Brände in der Oststadt - jetzt spricht der Tatverdächtige

Neubrandenburg / Lesedauer: 7 min

Seit Monaten herrscht Ruhe im Verfahren um etliche Brände in Neubrandenburgs Oststadt. Nun bricht der Tatverdächtige sein Schweigen - er hat sich an den Nordkurier gewandt.
Veröffentlicht:04.01.2023, 17:01

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Der junge Mann wirkt gefasst und reflektiert, während er sich immer wieder Zigaretten anzündet. „Ich passe halt ins Klischee“, sagt er und deutet auf seine Tattoos. Seine Vergangenheit weise auch ein paar Flecken auf, gibt er zu. Daniel T. (Name der Redaktion bekannt) ist nach eigenen Angaben 31 Jahre alt, hat 2022 mit seiner Frau das zweite Kind bekommen, eine weitere Tochter habe sie in die Beziehung mitgebracht. Die Geburt seiner Jüngsten wird nicht das Einzige sein, das er wohl für immer mit dem zurückliegenden Jahr verbindet. Im Sommer saß er mehrere Wochen in Untersuchungshaft.

Acht Brände innerhalb von zwei Wochen im März

Daniel T. ist der Hauptverdächtige für die Brandserie in der Neubrandenburger Oststadt. Im März hatte es binnen zwei Wochen acht Mal in dem Stadtteil gebrannt, in sieben Fällen leitete die Polizei Ermittlungen wegen des Verdachts der schweren Brandstiftung ein. In zwei Wohnhäusern der Koszaliner Straße war Feuer in den Kellerräumen gelegt, in der Robert-Koch-Straße Sperrmüll angezündet worden, in einem Fall griffen die Flammen aufs Wohnhaus über. „Ich hoffe, dass sie den Verantwortlichen finden“, sagt der Mann, der selbst mit seiner Familie wegen der Rauchentwicklung die eigene Wohnung verlassen musste, aber immer in der Nähe der Tatorte wohnte.

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Daniel T. ist kein unbeschriebenes Blatt, wie er selbst einräumt. In Schwerin habe er in jungen Jahren mit „falschen Freunden“ und eigenen schlechten Entscheidungen zu kämpfen gehabt, die ihn schließlich ins Gefängnis bei Neubrandenburg brachten. Brandstiftung lasse sich in seinem Vorstrafenregister allerdings nicht finden. Noch im Gefängnis habe er auf digitalem Weg seine heutige Frau kennengelernt, die ihn in jenes geordnete Leben führte, das er aus eigener Kraft wohl nicht erreicht hätte, wie er selbst glaubt. Nach seinem Haftende vor sieben Jahren verdiente er sein Geld als Möbelschlepper, zuletzt als Altenpfleger. Den Job ist er seit seiner Untersuchungshaft erst einmal wieder los, weil er nicht zur Arbeit kam, sein Anwalt kümmere sich derzeit darum.

U-Haft aufgrund von Videoaufnahmen

Die Geschichte der Oststadt-Brände setzte sich nach dreimonatiger Pause fort, im Juni brannte es drei Mal in der Robert-Koch-Straße. Der Druck auf die Polizei, die ihre Präsenz im Viertel verstärkt hatte, nahm weiter zu. Denn die Angst der Oststadtbewohner wurde größer, der Schaden ging in die Hunderttausende. Teilweise mussten Mieter aus den Häusern raus, weil Versorgungsleitungen beschädigt waren.

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„Ich hab schon das Gefühl, der Sündenbock zu sein“, sagt nun der Hauptverdächtige. Nach dem elften Feuer der mutmaßlichen Brandserie am 9.  Juli wurde Daniel T. als Verdächtiger präsentiert. Die Ermittler hatten im Keller eine Kamera installiert, die ihn aufzeichnete. Er selbst will nur zufällig den Keller betreten haben. „Ich wusste, dass da eine Kamera hing, meine Frau hat die Zivilpolizisten sogar gesehen“, behauptet er. Ob das Videomaterial wirklich seine Schuld beweisen kann, lässt sich derzeit nicht sagen. Die Ermittlungen seien immer noch nicht abgeschlossen, heißt es von der Staatsanwaltschaft Neubrandenburg auf Anfrage dazu. Über einen möglichen anderen Tatverdächtigen, der mittels Kamera festgehalten wurde, ist allerdings nichts bekannt.

Frau glaubt an Unschuld des Tatverdächtigen

Für Daniel T. ging es erst einmal hinter Gitter. Freunde und Familie seien schockiert gewesen. „Die waren alle fassungslos, die kennen mich nur als liebevollen Vater“, verteidigt er sich. Glücklicherweise habe seine zweijährige Tochter noch nicht viel mitbekommen, der acht Jahre alten Stieftochter habe die Mutter gesagt, Papa sei in Therapie. Zumindest ansatzweise habe sie so geschützt werden können.

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Wichtig für ihn: Seine Frau halte zu ihm, glaube wie viele Freunde an seine Unschuld. Obwohl mindestens ein Ermittler sie nach den Worten von Daniel T. gedrängt haben soll, ihren Mann zu verlassen, ehe sie noch als Komplizin beschuldigt werde. Belegen lässt sich das freilich nicht, und nach Angaben der Polizei sind längst alle Unterlagen zur Staatsanwaltschaft Neubrandenburg gewandert.

Staatsanwaltschaft hält sich mit Auskunft bedeckt

Diese tut sich auf Anfrage schwer, Auskünfte zu den noch immer laufenden Ermittlungen zu geben. Es ist nur zu erfahren, „dass gegen den sich zeitweilig in Untersuchungshaft befindlichen Beschuldigten in mehr als einem Fall ermittelt wird“, wie eine Sprecherin mitteilte. Wie viele Brände ihm genau zur Last gelegt werden oder ob es noch weitere Tatverdächtige gibt, wird nicht offengelegt. Unter anderem aus „ermittlungstaktischen Erwägungen“.

Daniel T. beteuert im Gespräch mit dem Nordkurier wiederholt seine Unschuld und versucht, sich mit einer Begebenheit reinzuwaschen. „Als ich in U-Haft saß, hat meine Frau das Gerücht gestreut, dass ich wieder raus bin. Kurz danach hat es gebrannt“, erzählt er. Tatsächlich gab es während seiner U-Haft zwei Brände, die allerdings beide nicht ganz zu den vorherigen Tatmustern passen, wie die Polizei bestätigte. In der Cölpiner Straße, also nicht in der Oststadt, brannte ein Keller, Ermittlungen wegen des Verdachts der schweren Brandstiftungen wurden aufgenommen. In der „Oase“ im Reitbahnviertel gab es ebenfalls ein Feuer.

Am 13.  Juli gab es laut Polizei auch ein Feuer in der Oststadt. Unbekannte hatten in einem Hausflur in der Salvador-Allende-Straße einen Zeitungsstapel angezündet. Ermittlungen wegen Sachbeschädigung seien aufgenommen worden. Für Daniel T. der Beweis, dass es jemand mit ihm nicht gut meine. Wer das sein könnte, wisse er nicht, doch er habe schon bedrohliche Nachrichten auf seinem Telefon erhalten, diese angeblich auch der Polizei gezeigt. Seinen Angaben nach gebe es auch einen zweiten Verdächtigen, wenngleich die Staatsanwaltschaft dazu keine Angaben machte.

„Ich hoffe, sie finden den Richtigen”

Kurz nachdem Daniel T. im August aus der U-Haft kam, brannte es erneut. Zuvor hatte die Staatsanwaltschaft noch erklärt, dass keine Wiederholungsgefahr bestehe. Für den 31-Jährigen, der fest an ein böses Spiel glaubt, ist das Leben seither eine Tortur. „Immer, wenn ich Rauch rieche, geht mir die Pumpe“, sagt er. Zu groß sei die Angst, dass wieder er ins Visier der Ermittler geraten könnte. Beim vorerst letzten größeren Oststadtbrand 2022 – eine Gartenlaube brannte in der Hufelandstraße ab – habe abermals die Polizei vor seiner Tür gestanden. Das habe dann natürlich auch die Achtjährige mitbekommen.

Zuvor hatte er nach eigenen Angaben das Telefon für Monate abgeben müssen, die Wohnung sei ergebnislos nach Brandbeschleuniger durchsucht worden. „Ich hoffe, sie finden den Richtigen. Er zerstört mein komplettes Leben.“ Meist gehe jetzt die Frau mit dem Hund Gassi, zumindest die Bewohner in der Oststadt würden ihren Nachbarn aber nicht anders als vorher behandeln. „Es rennt jetzt keiner mit dem Feuerlöscher hinter mir her.“

Seit Monaten nichts von den Ermittlern gehört

Bis auf die kurze Begegnung beim Laubenbrand im Oktober hat er von den Strafverfolgungsbehörden nichts mehr gehört. Der mutmaßliche Mehrfachbrandstifter klammert sich nach eigener Aussage nun an seinen Glauben in den Rechtsstaat. „Ich muss optimistisch bleiben, dass meine Unschuld noch belegt wird“, sagt er. Einen Plan B gebe es nicht.

Pläne hätten er und seine Familie hingegen durchaus geschmiedet. Zum Bruder nach Sachsen solle es gehen, da warte ein ruhigeres Leben mit mehr Platz für die Kinder. Realisieren können sie diesen Plan aber erst, wenn die Ermittlungen abgeschlossen sind – und ein möglicher Prozess tatsächlich, wie Daniel T. ganz fest glaubt, zu seinen Gunsten ausgeht.