StartseiteRegionalNeubrandenburgChefarzt klagt an — Drogenkonsum wird bagatellisiert

Todesfall durch Ecstasy

Chefarzt klagt an — Drogenkonsum wird bagatellisiert

Neubrandenburg / Lesedauer: 5 min

Die Opfer jünger, die Drogen härter. Kinderarzt Sven Armbrust warnt vor dem laxen Umgang vieler mit dem Thema Drogen. Er blickt dabei auch auf den Start des Fusion–Festivals.
Veröffentlicht:28.06.2023, 19:42

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Mehrere Kinder schwebten in Lebensgefahr, eine 13–Jährige starb mutmaßlich an einer hochdosierten Ecstasy–Tablette. Bundesweit sind Entsetzen und Anteilnahme enorm. Wie groß ist das Drogenproblem unter Jugendlichen in der Region? Und was können Familien und Gesellschaft dagegen tun? Antworten gibt der Chefarzt der Neubrandenburger Kinderklinik, Dr. Sven Armbrust.

Nach den Vorfällen der vergangenen Tage ist die Aufregung in der Region groß. Dass Ecstasy–Tabletten schon unter Kindern und Jugendlichen kursieren, scheint viele zu überraschen...

Es ist schon so, dass wir in der Neubrandenburger Klinik für Kinder– und Jugendmedizin immer wieder Drogen nachweisen. Auch Ecstasy haben wir manchmal mehrmals im Monat, auch wenn der Nachweis nicht immer ganz einfach ist. Solche synthetischen Drogen und der Cannabis–Wirkstoff THC spielen die Vorreiterrolle bei den illegalen Substanzen unter Kindern und Jugendlichen.

Kinder, die in Rauschzuständen in die Klinik kommen, das gibt es regelmäßig. 

Dr. Sven Armbrust

Das heißt, auch lebensgefährliche Fälle wie zuletzt, gibt es regelmäßig?

Nein, das was da in den vergangenen Tagen geschehen ist, hatte eine andere Qualität — mit psychotischen Anfällen, Atemausfällen, epileptischen Anfällen. Es gibt ja Hinweise, dass da eine besonders hochdosierte Tablette im Umlauf war. Aber Kinder, die in Rauschzuständen in die Klinik kommen, das gibt es regelmäßig. Sehr häufig auch wegen Alkohol.

Man hat manchmal den Eindruck, dass die Kinder, die mit Alkohol– und Drogenzuständen im Krankenhaus landen, immer jünger werden und dass es oft um Mädchen geht.

Ja, die Konsumenten werden jünger. Früher haben wir eher über 16– oder 17–Jährige gesprochen. Heute sind es eben oft auch 12– und 13–Jährige. Und ja: Es sind häufig Mädchen. Das kann im ersten Moment überraschen, weil es nicht den gängigen Klischees entspricht. Grundsätzlich haben Jungs auch ein anderes Risikoverhalten. Aber wenn man Gleichaltrige vergleicht, sind Mädchen einfach schneller mit der Pubertät. Und gerade in diesem Alter, über das wir hier reden, driftet das Verhalten dann doch oft weit auseinander. Da sind viele Jungs noch mit Ballspielen oder Bausteinen beschäftigt. 

Und aus dem Alltag in der Klinik, würde ich gerade beim Thema Alkohol auch sagen, die Betroffenen sind nicht nur jünger, der Suff wird härter. Das hat aber wiederum auch mit dem Alter zu tun und da auch schon geringe Mengen fatal wirken. 

Hängt das einfach mit dem geringeren Körpergewicht zusammen?

Nicht nur. Auch mit der Reife von Organen, wie Gehirn und Leber. Vereinfacht kann man sagen, der Körper hat bei Kindern noch wenig Erfahrung mit dem Abbau von Giftstoffen.

Wird in solchen Fällen eigentlich immer die Polizei eingeschaltet?

Es kommt auf den Fall an. Wir arbeiten natürlich eng mit den Behörden zusammen, bei Drogenvorfällen sichern wir auch Proben. Ob im Einzelfall die Polizei eingeschaltet wird, da haben wir einen Spielraum, den wir gelegentlich auch nutzen. Da werden natürlich Gespräche geführt, auch zum Beispiel mit den Eltern, anhand derer das entschieden wird. Und wenn wir konkrete Verstöße gegen das Jugendschutzgesetz nachvollziehen können, informieren wir auch die Behörden. Es gibt ja die Fälle, bei denen man die Quittung für den harten Alkohol noch bei minderjährigen Patienten findet.

Jetzt berichten alle freudig, dass das Fusion-Festival in Lärz startet. Und wir wissen alle, was dort passiert.

Dr. Sven Armbrust

Viele Eltern fragen sich, gerade nach diesen Vorfällen, was sich tun lässt, um Kinder zu schützen. Man will ja als Vater oder Mutter auch keine ständige Kontrolle ausüben.

Vertrauen und Kontrolle sind da immer im Wechselspiel. Ein intaktes Familienverhältnis ist jedenfalls enorm wichtig zur Prävention. Mit den Kindern in Kontakt zu sein, an ihrem Alltag teilzunehmen — sich vor allem auch nicht davon ausbremsen lassen, dass sie körperlich ja manchmal schon sehr reif wirken können. Auch ein 15–Jähriger mit 1,90m und Bartwuchs bleibt ein Kind, das Zuwendung braucht, selbst wenn der Pubertierende das selber anders sehen mag. Das alles hilft. Man muss aber auch aus der Alltagspraxis sagen: Alkohol– und Drogenprobleme bei Kindern kommen auch in den besten Familien vor. Und Katastrophen wie in den vergangenen Tagen, so schlimm das ist, werden sich gesamtgesellschaftlich vielleicht nie ganz verhindern lassen. Dennoch muß man auch die Kommunen, die Politik in die Pflicht nehmen: das Schließen von Jugendclubs oder das Erhöhen von Nutzungsgebühren der Turnhallen auch im Kinder– und Jugendsport nehmen Kindern und Jugendlichen gerade auch aus schwierigeren Verhältnissen die Chance für geschützte Räume.

Nimmt die Gesellschaft das Problem denn ernst genug?

Persönlich glaube ich, dass wir an vielen Stellen schon einen laxen Umgang mit dem Thema Drogen entwickelt haben. Auch mit legalen Genussmitteln wie Alkohol. Das sehe ich zum Beispiel auch bei Darstellungen in Filmen oder Fernsehserien, in denen Drogenkonsum bagatellisiert wird — auch das führt zu einer Entsensibilisierung. Wir erleben das ja auch gerade ganz konkret. Anfang der Woche war der Aufschrei über die Fälle hier groß. Jetzt berichten alle freudig darüber, dass das Fusion–Festival in Lärz startet. Und wir wissen alle, was dort passiert. Und mit Blick auf die geplante Freigabe von THC: Aus meiner Sicht und mit Blick auf wissenschaftliche Studien halte ich das für junge Menschen unter 25, 30 Jahren für katastrophal.