StartseiteRegionalNeubrandenburgDas Ehrenamt hilft oft schneller als der Staat

Interview

Das Ehrenamt hilft oft schneller als der Staat

Neubrandenburg / Lesedauer: 6 min

Ein Gespräch mit Katarina Peranić von der Deutschen Stiftung für Engagement und Ehrenamt in Neustrelitz und Adriana Lettrari (44) von der Landes-Ehrenamtsstiftung in Güstrow
Veröffentlicht:06.01.2024, 10:00

Artikel teilen:

Ganz simpel und auf den Punkt gefragt: Wie steht es um das Ehrenamt in Deutschland und besonders in MV?

Peranić: Stabil. Wir haben bundesweit 29 Millionen Menschen, die sich in ihrer Freizeit engagieren. Das ist schon eine beachtliche Zahl, fast 40 Prozent der Bevölkerung.

Lettrari: In Mecklenburg-Vorpommern kommt das Ehrenamt zu unserer großen Freude zum vorpandemischen Status zurück. Unser Ehrenamtsmonitor, den wir vor zwei Jahren aufgelegt haben, zeigte, dass die Pandemie die Zivilgesellschaft strukturell und in ihrer Motivationslage beeinträchtigt hat. Jetzt werden wir aber wieder mit Anfragen überhäuft. Wir bieten eine 360-Grad-Betreuung in Sachen Engagement, finanzielle Förderung, juristische Beratung, die Ehrenamtskarte und so weiter. Zum Glück erreichen uns nur wenige Fragen, wie man einen Verein in finanzieller Not abwickelt. Fragen zu Gründungen bilden glücklicherweise den Großteil unserer Kontakte. Das Ehrenamt wächst.

Ob beim Technischen Hilfswerk, in den Freiwilligen Feuerwehren oder in vielen Vereinen – Menschen im Ehrenamt sorgen zu einem erheblichen Teil dafür, dass Dinge angepackt und Probleme gelöst werden.
Ob beim Technischen Hilfswerk, in den Freiwilligen Feuerwehren oder in vielen Vereinen – Menschen im Ehrenamt sorgen zu einem erheblichen Teil dafür, dass Dinge angepackt und Probleme gelöst werden. (Foto: Tobias Lemke/NK-Archiv)

Sehen Sie aber eine Veränderung?

Peranić: Ja. Es gibt einen Wandel, dass sich Engagement und Ehrenamt dahingehend verändern, dass sie episodischer werden. Man engagiert sich stärker für Projekte, abgeschlossene Projekte. Wenn Opa und Papa früher in der Feuerwehr waren, traten Sohnemann oder die Tochter in deren Fußstapfen und waren ebenfalls in der Feuerwehr. Die Generationen zogen nach und waren bis zur Rente engagiert. Heute betätigen sich mehr Menschen projekthaft und stärker an den eigenen Lebenslagen orientiert. Wer kleine Kinder hat, engagiert sich vielleicht stärker im Förderverein für den Kindergarten oder in der Kita. Wenn das Kind in die Schule kommt, dann im Kontext der Schule oder im Sportverein.

Welche Hindernisse haben Ehrenamtliche zu überwinden?

Peranić: Heute mangelt es den meisten Menschen an Zeit. Man hat das Gefühl, sie zerrinnt und rennt einem davon. Das zeigen viele Befragungen. Männer und Frauen sind berufstätig, haben Hobbys. Sie nutzen täglich Internet, Streaming und soziale Medien: viel Konkurrenz für eine ehrenamtliche Aufgabe. Kinder müssen betreut und Eltern vielleicht gepflegt werden.

Lettrari: Ich sehe Entwicklungsbedarf im Hinblick auf die inneren Voraussetzungen, wie ein Verein strukturiert ist. Und ich glaube, dass das im Zuge der jetzt zu verhandelnden Bundesengagementstrategie und auch der Landesengagementstrategie wichtig ist. Außerdem sollte ehrenamtliche Arbeit im ganz Kleinen mit aufgenommen werden. Einzelpersonen oder engagierte Kleingruppen, die eben nicht gleich einen Verein für ihren Zwecke gründen wollen oder können.

Ist das Ehrenamt mit seinem alten Wort „Ehre“ nicht etwas verstaubt?

Peranić: Manche finden es alt, manche finden es genau richtig. Was ganz wichtig ist und worin sich alle einigen können, es geht darum, selbstwirksam und verantwortlich etwas für andere zu tun. Das ist auf jeden Fall etwas sehr Ehrenhaftes. Und für mich bedeutet Ehrenamt auch tatsächlich immer die Verbindung zu einem Amt, also beispielsweise ein Vorstandsposten, Kassenwart oder Jugendwart. Das ist eine Selbstverpflichtung, die eine Zeit lang mit allen Schwierigkeiten und Möglichkeiten gemeistert wird. Auch das ist schon sehr ehrenvoll, es unentgeltlich und für die Gesellschaft zu machen.

Was bringt Menschen dazu, sich zu engagieren?

Peranić: Wenn man Menschen befragt, die sich engagieren, sagen die meisten, im Vordergrund stehe der Spaß, mit anderen etwas gemeinsam zu machen und zu erleben. Man merkt, dass man etwas verändert. Wenn ich ehrenamtliche Schwimmlehrerin bin, sehe ich nach einem halben Jahr, dass meine Gruppe schwimmen kann – wow! Darauf kann man zurecht stolz sein. Viele Menschen sagen auch, es geht ihnen um die Sinnhaftigkeit, in der Gesellschaft etwas mitgestalten zu können.

Lettrari: Das ist die individuelle Ebene. Auf der gesellschaftspolitischen Ebene geht es dabei um Begegnungen mit anderen Menschen. Wir wollen zusammen eine Wertegemeinschaft sein, die Mecklenburg-Vorpommern gut tut. Deshalb ist jedes Engagement in diesem Sinn auch basisdemokratisch. Jeder ist aufgerufen, dabei zu sein, und das wird gerade mit Blick auf die Wahlprognosen wichtig. Ich glaube, Menschen, die sich als selbstwirksam oder auch mächtig erleben, wenn sie anderen helfen, sind normalerweise keine Kontrawähler. Sie stehen lieber aktiv für eine Sache ein.

Momentan wird vielerorts über das Ehrenamt gesprochen. Es gibt Auszeichnungen, Dankesveranstaltungen und Interviews wie dieses. Wird bürgerliches Engagement sichtbarer?

Peranić: Ich finde es total gut, dass Sie das so einschätzen. Aber für mich kann es natürlich nicht genug Aufmerksamkeit sein, was mediale Berichterstattung angeht, insbesondere außerhalb von Krisen und Katastrophenfällen. Manchmal habe ich das Gefühl, Engagement rückt in den Fokus, wenn es Katastrophen gibt, wie beim Jahrhundert-Hochwasser 2021 im Ahrtal in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen. Dort wurde viel über die ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer berichtet. Wir sehen ehrenamtliche Leistungen vielleicht beim Tag des Ehrenamtes oder wenn es Auszeichnungen gibt. Engagement findet aber täglich direkt in unserer Mitte statt.

Lettrari: Eine große Stärke des Ehrenamtes sieht man gerade in diesen Krisenzeiten wie dem Ukraine-Konflikt. Menschen, die sofort helfen wollen, reagieren deutlich schneller als staatliche Akteure. Das finde ich wunderbar. Man sieht daran, wie die Menschen in Vorpommern und Mecklenburg gestrickt sind.

Die helfende Hand der Engagierten greift schneller zu als der Staat?

Lettrari: Ja, genau. Die Zivilgesellschaft hat als erste reagiert. Das kann, das schafft keine Verwaltung. Die Art, wie wir in diesen Situationen zusammenarbeiten, ist ein guter Schritt nach vorne. Hinzu kam auch, dass digitale Möglichkeiten weit mehr und schneller genutzt werden, um die Hilfe zu organisieren und an die richtige Stelle zu bringen.

Die Bundesregierung arbeitet derzeit auch an einer Strategie zu Bekämpfung von Einsamkeit. Ist das Ehrenamt in diesem Zusammenhang wichtig?

Peranić: Ja, weil man ein Ehrenamt eben nicht ganz allein im stillen Kämmerlein ausführt. Man begegnet vielen Leuten. Sehen Sie sich die Patenschaften oder Mentoringmodelle an, wo junge Menschen oder Familien über einen gewissen Zeitraum begleitet werden. Das ist eine sehr wertvolle Form der Begegnung, die den Helfenden ein tiefes Gefühl von Sinnhaftigkeit gibt.

Lettrari: Nicht jeder von uns hat eine große Familie oder viele Bekannte. In dem Fall kann der Verein und die anderen Engagierten, die mit mir am gleichen Strang ziehen, eine Wahlfamilie werden. Eine sehr eingeschworene Gemeinschaft. Solch Ehrenamt zu organisieren, ist nicht immer leicht und man ist nicht immer einer Meinung. Auch das tut gut. Man setzt sich mit anderen auseinander, findet Lösungen und Kompromisse, wie man das gemeinsame Ziel am besten erreicht.