StartseiteRegionalNeubrandenburgVertreiben Riesen-Windräder eine Ärztin aus Mecklenburg?

Neue Anlagen geplant

Vertreiben Riesen-Windräder eine Ärztin aus Mecklenburg?

Holldorf / Lesedauer: 4 min

Auf über zwei Prozent der Fläche in der Seenplatte sollen Windkrafträder künftig für klimafreundliche Energie sorgen. Im Stargarder Land könnte das aber negative Folgen haben. 
Veröffentlicht:04.02.2024, 06:30

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Bei dem Gedanken an den Verlust ihres ländlichen Idylls kämpft Anja Herzer mit den Tränen. „Ich will mir das gar nicht vorstellen“, sagt sie beim Blick aus dem Wohnzimmer ihres umgebauten Bauernhauses im kleinen Ort Holldorf, in dem sich die Hausärztin mit ihrer Familie ein Refugium geschaffen und zuvor auch bewusst gesucht hat. Hier tankt sie Kraft für ihren Beruf als Hausärztin in einer Gemeinschaftspraxis in Burg Stargard.

Bürgerinitiative sammelt bislang 1600 Unterschriften

Doch das ruhige Landleben in Dörfern zwischen Burg Stargard und Neubrandenburg sehen viele Bewohner jetzt bedroht. Wo hinter dem Haus von Anja Herzer heute noch weite Felder liegen und der Blick über den Horizont weit schweifen kann, könnten in den kommenden Jahren ein Dutzend Windkraftanlagen entstehen, bis zu 240 Meter hoch. „Der Schlagschatten würde genau auf unser Haus fallen“, befürchtet die Allgemeinmedizinerin.

Aus Protest hat sich die Bürgerinitiative „Gegenwind Stargarder Land“ gegründet, eine Petition an den Landtag gegen das Projekt haben bislang über 1600 Menschen unterschrieben. Die Stargarder Bürgerinitiative hat sich nach eigenen Angaben gegründet, weil ihrer Meinung nach industrielle Windkraftanlagen den Artenschutz und das Wasserschutzgebiet in dem vorgesehenen Baubereich gefährden und der Bau negative Auswirkungen auf das Landschaftsbild, die gewachsenen Sozialgemeinschaften, den Tourismus und die regionale Wirtschaft haben.

„Als Initiative nehmen wir unser demokratisches Recht wahr auf Einspruch zur Planung und Umsetzung der Windkraftanlagen“, sagen Peter Müller und Anja Bahlke von der Bürgerinitiative, der auch Anja Herzer angehört. Alle drei kritisieren die ihrer Ansicht nach undemokratische Verfahrensweise. „Die Pläne gehen vielen einfach zu weit und das Mitbestimmungsrecht tendiert immer mehr Richtung Null“, findet Peter Müller. Fast wöchentlich kämen neue Verordnungen, die bestehende demokratische Gesetze aushebelten. Die Bürgerinitiative gibt auch zu bedenken, dass zahlreiche Gebäude in den Dörfern schon sehr viele Photovoltaikanlagen auf den Dächern hätten und es auch eine Biogasanlage gebe.

In den Regionen mit roten Punkten finden sich die größten oder zahlreichsten Potenzialflächen für Windräder in der Seenplatte.
In den Regionen mit roten Punkten finden sich die größten oder zahlreichsten Potenzialflächen für Windräder in der Seenplatte. (Foto: NK-Grafik)

11.500 Hektar für Windenergienutzung notwendig

Wie viele weitere Mitglieder der Bürgerinitiative betont Anja Herzer, dass sie Erneuerbare Energien im Allgemeinen befürworte und bislang auch nichts gegen Windkraftanlagen gehabt habe. Je mehr sie sich aber mit der Technik und deren Auswirkungen befasse, desto mehr wachse ihre Skepsis und Ablehnung. Sie fürchtet negative gesundheitliche Folgen etwa durch den Infraschall, welchen die Windräder erzeugen. Auch kann es die zweifache Mutter nicht verstehen, dass ein Gebiet, in dem viele Vögel nisten und auch durchziehen, für solche Anlagen in Betracht genommen wird.

Wie in den Dörfern im Stargarder Land geht es momentan vielen Menschen in der Mecklenburger Seenplatte sowie anderen Kreisen in MV. Um bis zum Jahr 2045 die Treibhausgasneutralität in Deutschland sicherzustellen, müssen etwa in der Planungsregion Mecklenburgische Seenplatte bis spätestens zum Ende 2032 mindestens 2,1 Prozent – das sind rund 11.541 Hektar – der Regionsfläche für die Windenergienutzung zur Verfügung gestellt werden.

Ärztin sieht durch Pläne ihr Familienidyll gefährdet

In einem Vorentwurf hat der Regionale Planungsverband Mecklenburgische Seenplatte Ende November 2023 neue Vorranggebiete für Windenergieanlagen definiert. Die bisherigen Flächen sollen deutlich ausgeweitet werden, was um Neubrandenburg nicht nur in Holldorf, Ballwitz, Rowa und Groß Nemerow und Zachow mit der kritisierten Potenzialfläche 49 für dicke Luft sorgt. 

Anja Herzer, die beruflich mit vielen Menschen zu tun hat, kennt nach eigenen Worten nur ganz wenige Menschen in der Region, die für die mögliche Errichtung der Windkraftanlagen sind. Die Pläne für den Bau der großen Windkraftanlagen bereiten der Ärztin so große „Bauchschmerzen“, dass sie für den Fall der Errichtung einen Wegzug ziemlich sicher in Betracht zieht. Der Weggang der jüngsten Hausärztin Burg Stargard wäre für die Menschen in der Stadt und Umland ein harter Schlag, zumal die verbleibenden Kollegen wohl auf absehbare Zeit in den Ruhestand gehen. Nachfolger sind kaum in Sicht.

Zwar würde es Anja Herzer schwerfallen, ihre Patienten zu verlassen, sie habe ja auch eine Verantwortung, sagt die eigentlich lebhafte und fröhliche Frau wieder mit gedrückter Stimme. Sie befürchtet einen Zusammenbruch der ambulanten Versorgung in und um Burg Stargard. Mit ihren möglichen Konsequenzen hat die 39-Jährige sich bereits in einem Schreiben an den Vorsitzenden des Planungsverbands gewandt.

Weitere Informationsveranstaltungen geplant

Den Enthusiasmus und die Motivation, die Versorgung der Patienten trotz der schon bestehenden Belastungen zu übernehmen, und die Energie zum Durchhalten ziehe sie aus der Ruhe des ländlichen Dorfidylls, schrieb sie. Wenn diese gestört oder gar zerstört würde, will die Medizinerin mit ihrer Familie schweren Herzens anderorts ihre private und berufliche Zukunft suchen, etwa in der alten Heimat in Brandenburg oder Richtung Greifswald.

Bis März haben die Gemeinden in der Seenplatte Möglichkeit, Stellung zu beziehen. Bis dahin sind um Burg Stargard noch eine Reihe von Informationsterminen geplant, so am 5. Februar im Gemeindesaal in Rowa und am 8. Februar im Camminer Bahnhof. Beginn ist jeweils um 18 Uhr.