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Ermittlungen

Die Hausärztin, der die Masken-Muffel vertrauen

Neubrandenburg / Lesedauer: 4 min

Einer Ärztin aus Neverin wird vorgeworfen, viele falsche Maskenbefreiungen ausgestellt zu haben. Die Staatsanwaltschaft ermittelt. Die Medizinerin selbst sagt nicht viel.
Veröffentlicht:14.12.2021, 11:00

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Der Blick der Staatsanwaltschaft Neubrandenburg richtet sich derzeit ins kleine Örtchen Neverin. Genauer: auf die Praxis einer dortigen Allgemeinmedizinerin. Jüngst wurden hier die Räume durchsucht, Patientenakten sichergestellt. Es gebe einen „dringenden Tatverdacht“, dass eine Ärztin aus der Region Neubrandenburg eine Vielzahl unrichtiger gesundheitlicher Zeugnisse ausgestellt hat, heißt es von der Staatsanwaltschaft. „Wir prüfen gerade ausgestellte Maskenbefreiungen im dreistelligen Bereich“, konkretisiert Sprecher Andreas Lins.

„Habe eine andere Sicht auf die Dinge”

Die Ärztin selbst hat mittlerweile öffentlich bestätigt, dass es ihre Praxisräume gewesen sind, die durchsucht wurden. „Ich habe eben eine andere Sicht auf die Dinge“, sagt die Medizinerin dem Nordkurier am Telefon. Für ein längeres Gespräch stand sie nicht zur Verfügung, auch zu den Vorwürfen wollte sie sich nicht noch einmal konkret äußern. Es sei klar, dass nun jemand ins schlechte Licht gerückt werde, um den anderen Angst zu machen, sagt sie.

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Der Ostsee-Zeitung erzählte sie kürzlich, sie halte die Pandemie für „staatlich gesteuert“, die Maskenpflicht für „überflüssig“, Viren seien Folgeerkrankungen von Impfungen. Im Gespräch mit dem Nordkurier nennt die Medizinerin diese Berichterstattung allerdings „verdreht“, ohne genauer darauf einzugehen, welcher Fakt nicht stimme. „Medien machen nur Mist und sollen mal schauen, was wirklich in der Welt gerade passiert“, sagt sie noch. Was genau sie damit meint, wolle sie nicht sagen: „Jedenfalls keine Pandemie.“

Für kritische Einstellung bekannt

In Neverin und Umgebung ist die kritische Einstellung der Ärztin durchaus bekannt. Regelmäßig und von Beginn an ist die Allgemeinmedizinerin bei den sogenannten Montagsspaziergängen im nahe gelegenen Neubrandenburg dabei, bei denen neben allgemeiner Maßnahmenkritik die Maskenpflicht regelmäßig als „Tyrannei“ bezeichnet wird.

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Die jüngsten Vorfälle beschäftigen selbst Neverins Bürgermeister Nico Klose, ohne dass er zu der Arbeit der Ärztin selbst etwas sagen möchte. „Dass die Gemeinde nun mit einem solchen Vorfall in Verbindung gebracht wird, ist natürlich bedauerlich“, sagt er. Zumal die Kommune selbst bereits einiges versuchte, um den Einwohnern durch die Pandemie zu helfen. Zeitweise gab es in dem Ort sogar eine eigene Teststelle. Früher als andere suchten die Neveriner nach Nachbarschaftshelfern, verteilten zudem unter den älteren Einwohnern FFP2-Masken, angeschafft auf Gemeindekosten.

Etliche lobende Bewertungen im Internet

Dabei erfreut sich die Ärztin durchaus eines gewissen Zuspruchs von Patienten, die beim Arzt-Bewertungsportal „jameda“ ihr Patienten-orientiertes Arbeiten und den „ganzheitlichen Ansatz“ loben. Auch schon vor Beginn der Corona-Pandemie. Die Distanz zur Schulmedizin und eine Ablehnung der Corona-Maßnahmen sind jedoch wohl zwei Paar Schuhe. Der Zentralverband homöopathischer Ärzte selbst wirbt zumindest eindringlich für die Impfung gegen Covid-19.

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Die konträre Meinung zahlt sich für die Allgemeinmedizinerin aber offenbar aus. Wie sie selbst sagt, hat sie möglicherweise einige Patienten verloren, aber viel mehr gewonnen. Mehrere Quellen bestätigten dem Nordkurier, dass die Allgemeinmedizinerin in der 1000-Einwohner-Gemeinde plötzlich Menschen aus dem gesamten Nordosten begrüßen durfte. „Es wachen ja immer mehr Menschen auf“, sagt sie dazu.

Ärztekammer ging Beschwerden nach

Die Ärztekammer Mecklenburg-Vorpommern will sich zum konkreten Fall noch nicht äußern, solange die Ermittlungen laufen. Bei der Kammer waren mehrere Beschwerden gegen die Allgemeinmedizinerin eingegangen, auch wegen angeblich fälschlich ausgestellter Impfnachweise. Bei den eigenen Untersuchungen stieß die Kammer auf die womöglich strafrechtlich relevanten Sachverhalte und gab diese an die Staatsanwaltschaft weiter.

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Generell nehmen die Beschwerden gegen die Ärzte des Landes aktuell zu, sagt Pressereferentin Kathrin Sass. „Wir reden von einer hohen zweistelligen Anzahl an Beschwerden.“ Meist wegen des Vorwurfes falsch ausgestellter Impf- und Maskenbefreiungsnachweise. Bei drei Ärzten habe die Kammer jedoch keine Verfehlungen feststellen können. Gegen zwei werde derzeit noch intern ermittelt.

Verlust der Approbation wäre Präzendenzfall

Berufliche Konsequenzen für die Ärztin aus Neverin seien bislang noch Spekulation, da der Umfang der Verfehlungen unklar sei. „Generell kann der Vorstand der Ärztekammer dem Landesamt für Gesundheit und Soziales empfehlen, einem Arzt die Approbation zu entziehen“, erläutert Kammer-Sprecherin Kathrin Sass. Das sei in Mecklenburg-Vorpommern aber noch nie vorgekommen.

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Die Staatsanwaltschaft steht nun vor umfangreichen Ermittlungen. Denn eine dreistellige Zahl an Maskenbefreiungen muss längst nicht die gleiche Zahl an unlauteren Maskenbefreiungen bedeuten. „Wir prüfen alle Unterlagen und müssen uns auch die Patienten anhören“, sagt Staatsanwalt Andreas Lins. Eine Einschränkung der Behandlungsfreiheit sei das noch lange nicht. So müsse für eine Maskenbefreiung zumindest eine Diagnose dokumentiert werden. Und ärztliche Gutachter könnten diese ja auch prüfen.