StartseiteRegionalNeubrandenburgDie Holocaust-Gedenkstätte lässt niemanden kalt

Dritter Reisetag

Die Holocaust-Gedenkstätte lässt niemanden kalt

Jerusalem / Lesedauer: 4 min

Die Gedenkstätte Yad Vashem rührt ans Herz. Zuvor hatte sich die Reisegruppe aus der Region Neubrandenburg auf die Spuren von Jesus Christus begeben.
Veröffentlicht:01.11.2022, 20:30

Artikel teilen:

Eine spannende Diskussion für die jungen Leute der Reisegruppe des Dreikönigsvereins gab es am Abend des dritten Reisetages, am Montagabend. Zuvor hatten die knapp 100 Reiseteilnehmer, größtenteils Jugendliche, die auch im Jugendsinfonieorchester der Musikschule Kon.centus spielen, die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem, besucht. Neubrandenburgs Oberbürgermeister Silvio Witt, der bei der Reise dabei ist, zog dann am Abend in der Runde mit den Schülern einige historische Parallelen zwischen der Gedenkstätte am Stadtrand von Jerusalem und der Geschichte Neubrandenburgs.

Mehr dazu:Nordkurier-Volontärin berichtet auf Instagram aus Israel

In Neubrandenburg verschwand die jüdische Gemeinde

Auch in Neubrandenburg habe es bis in die 1930er-Jahre hinein eine jüdische Gemeinde mit etwa 100 Mitgliedern gegeben, die mit der Naziherrschaft verschleppt und ermordet worden waren oder aber ihre Heimat noch rechtzeitig verlassen konnten. Auch in Neubrandenburg brannte am 9. November 1938 die Synagoge, während die Feuerwehr lieber die Nachbarhäuser vor den Flammen absicherten. Und, eine Bücherverbrennung gab es 1933 ebenfalls auf dem Marktplatz.

Menschen wussten von Zwangsarbeitern

„Die Menschen wussten, dass es ein Kriegsgefangenenlager in Neubrandenburg-Fünfeichen gab, haben sie doch die Gefangenen gesehen, als diese vom Bahnhof aus durch die Innenstadt zogen”, sagte Witt, der zudem auf die Tausenden von Zwangsarbeitern und KZ-Häftlingen hinwies, die unter anderem in der Rüstungsindustrie Neubrandenburgs arbeiten mussten.

Die Zeit für die komplexe Gedenkstätte Yad Vashem war mit knapp drei Stunden zu knapp bemessen, meinte ein Schüler. Ja, in der Tat, diese Fülle an Informationen, historischen Dokumenten, Fotos und Filmen, die den Völkermord der Deutschen an den Juden dokumentieren, ist kaum zu bewältigen. Dafür wären aber letztlich auch fünf, sechs oder noch mehr Stunden zu wenig.

Kerzenlichter symbolisieren die ausgelöschten Leben

Zumal viele auch emotional an ihre Grenzen gingen, insbesondere in der Halle der Kinder. Durch einen Gang tauchen die Besucher in die Dunkelheit ein. Nachdem sie Dutzende Bilder ermordeter Mädchen und Jungen in dem ersten Raum sehen, zählt eine Lautsprecherstimme die bekannten Namen der insgesamt 1,5 Millionen im Holocaust umgekommenen jüdischen Kinder auf, beispielsweise Gershon und Abraham, 14 und 16 Jahre alt, aus Belgien. Auf dem Boden stehen fünf Kerzen, die über Spiegel hundertfach bis unter die Decke wiedergespiegelt werden. Sie wirken wie die vielen kleinen Lebenslichter, die durch die Naziterror ausgelöscht wurden.

Trauer der Eltern um ihre Kinder

Viele haben Tränen in den Augen, als sie das Denkmal wieder verlassen. „Ich fand das sehr beeindruckend, vor allem die vielen Kerzenlichter, die das Leben symbolisiert haben”, sagte Oskar (15) aus Neustrelitz, der das Carolinum besucht. Genauso wie Lilly (16), die sagte, dass die Trauer von Eltern, die ihre Kinder verlieren, viel größer sei, als wenn die Kinder irgendwann ihre Eltern verlieren würden.

Damit meinte sie auch die Geschichte der Förderer dieses einmaligen Denkmals: Uziel Spiegel war erst zweieinhalb Jahre jung, als er zusammen mit seinen Eltern Edita und Abraham und der Großmutter 1944 im KZ Auschwitz ankam. Das Kind wurde zusammen mit der Großmutter selektiert und kam sofort in die Gaskammer. Uziels Eltern wurden als arbeitsfähig eingestuft, leisteten Zwangsarbeit und überlebten. Beide emigrierten nach Kalifornien und stifteten Yad Vashem die Halle der Kinder.

Oberbürgermeister und Polizeiinspekteur legen Kranz nieder

Eine besondere Ehre wurde Bürgermeister Silvio Witt zuteil. Zusammen mit Nils Hoffmann-Ritterbusch, Polizeiinspekteur von Mecklenburg-Vorpommern, legte er einen Kranz in der Halle der Erinnerung nieder. „Eine absolute Ehre, auch, weil wir als Stadt zwischen 1933 und 1945 Schuld auf uns geladen haben”, sagte Witt nach der Zeremonie. Gerade die Reise der Schüler biete die Möglichkeit, die Verbindungen zwischen Yad Vashem und der Geschichte in Neubrandenburg während der Naziherrschaft zu ziehen. „Wir können in unserer Stadt an vielen Stellen sehen, wo Unrecht geschehen ist.”