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Nachruf

Neubrandenburgs langjähriger Tierarzt und Stadtvertreter gestorben

Neubrandenburg / Lesedauer: 5 min

Dieser Mann war eine Institution in Neubrandenburg: Der langjährige Tierarzt und Stadtvertreter Otto Schulz ist im Alter von 91 Jahren gestorben.
Veröffentlicht:11.11.2023, 11:13

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Am Schachbrett hat Otto Schulz bis zum Schluss kaum jemand bezwungen. Noch vier Wochen vor seinem Tod absolvierte der 91-Jährige eine Trainingseinheit bei seinem Verein in Berlin-Fredersdorf, sagt seine Tochter Carsta Sabel. Nach 57 Jahren Leben, Arbeit und kulturpolitischem Wirken in Neubrandenburg war er mit seiner Frau Ingrid, die alle „Putti“ nannten, in die Nähe seiner beiden Kinder an den Stadtrand Berlins gezogen. 2021 starb seine Ehefrau. Vor wenigen Tagen, am 24. Oktober, schloss nun auch Otto Schulz für immer seine Augen. Tochter Carsta und Enkelin Gesine begleiteten ihn auf dem letzten Weg.

In der Stadt bekannt

Selbst hat Otto Schulz von sich gesagt, dass er in Neubrandenburg bekannt sei wie ein „bunter Hund“. In der Tat, jeder, der in den 1990er- und 2000er-Jahren in der Neubrandenburger Stadtpolitik unterwegs war, kann sich gut erinnern an den sympathischen, stets freundlich lächelnden Mann. „Ein Menschenfreund“, bringt es Marga Levenhagen auf den Punkt, die als Mitarbeiterin des Kulturamtes lange Zeit mit dem Stadtvertreter und Vorsitzenden des Kulturausschusses zusammengearbeitet hat und bis zuletzt Kontakt zu Otto Schulz hielt. Um im Bilde zu bleiben: Otto Schulz war ein Menschen-, Natur-, Kultur- und Schach-Freund.

Geboren wurde Otto Schulz am 20. August 1932 in Bad Liebenstein in Thüringen. Schon als Kind interessierte er sich für die Natur, erkannte viele Pflanzen und Vögel. Anfang der 1950er-Jahre studierte er Veterinärmedizin an der Humboldt-Universität Berlin. An der Uni lernte er seine spätere Frau Ingrid kennen.

Mit „Biene“, Schildkröten und Vögeln in der Zweieinhalb-Zimmerwohnung

1957 zogen die beiden jungen Tierärzte nach Neubrandenburg, um ein Jahr später zu heiraten. 1959 promovierte Schulz an der Humboldt-Uni. 1959 und 1961 wurden Tochter Carsta und Sohn Kersten geboren. Otto Schulz arbeitete in der neuen Tierklinik am Rande des Vogelviertels, die später zum Bezirksinstitut für Veterinärwesen wurde. In der kleinen Zweieinhalb-Zimmerwohnung fanden neben den Kindern auch der Dobermann „Biene“, Schildkröten, Vögel und andere Tiere ihr Heim, erinnert sich Tochter Carsta zurück.

Dr. Otto Schulz veröffentlichte mehr als 100 wissenschaftliche Arbeiten.
Dr. Otto Schulz veröffentlichte mehr als 100 wissenschaftliche Arbeiten. (Foto: privat)

Otto Schulz qualifizierte sich im Bereich der Toxikologie und klinischen Chemie, übernahm die Leitung der entsprechenden Abteilung, veröffentlichte mehr als 100 wissenschaftliche Arbeiten. Eine seiner wichtigsten Leistungen in diesem Bereich ist allerdings weitgehend unbekannt: Nach zahlreichen Laboruntersuchungen wies Schulz Ende der 1970er-Jahre die schädliche Wirkung der seinerzeit gebräuchlichen Quecksilberbeize für Getreidesaaten nach, eine Geschichte, an die Siegfried Levenhagen, seinerzeit LPG-Vorsitzender in Rudow in der Mecklenburgischen Seenplatte, erinnert.

In der DDR Verbot der Quecksilberbeize erwirkt

Wildgänse, Enten und andere Vögel wurden durch die Aufnahme der mit Quecksilber belasteten Körner schwer geschädigt, ebenso wie Greifvögel, die Jagd auf die kranken Tiere machten. Auch das Fleisch von Wildschweinen, insbesondere die Innereien, wies einen deutlich überhöhten Quecksilbergehalt auf. Da die Jäger wiederum nur die Innereien für sich nutzen durften, erkrankten viele Waidmänner an Lymphdrüsenkrebs, sagt Siegfried Levenhagen.

Zusammen mit Horst Ruthenberg, seinerzeit Naturschutzbeauftragter des Bezirkes Neubrandenburg, fand Schulz Gehör für das Thema beim SED-Bezirkschef Johannes Chemnitzer, der das Problem wiederum bei Erich Honecker anbrachte. Wenig später wurde die Quecksilberbeize in der DDR verboten.

Im Bezirksinstitut traf Otto Schulz auch den jüngeren Tierarzt Waldemar Siering. „Otto war mein guter Kollege und Freund“, erinnert sich Siering. Zusammen mit den Kollegen sei man damals im besten Wortsinne ein „Kollektiv“ gewesen. Nach der friedlichen Revolution trafen sich beide in der Neubrandenburger Stadtvertretung wieder, Schulz auf CDU-Ticket, Siering mit Mandat der SPD. „Aber das Parteibuch hat bei uns nie eine Rolle gespielt“, erinnert sich Siering.

„Natürlich hatten wir auch Differenzen“, erinnert sich Irina Parlow, die die Linkspartei viele Jahre im Kulturausschuss vertrat. „Aber wir haben uns immer respektiert, sind uns auf Augenhöhe begegnet.“ Während etliche Mitglieder anderer Parteien die PDS-Stadtvertreter seinerzeit ignoriert hätten, sei ihr Otto Schulz immer mit einem freundlichen Gruß begegnet.

Schon als Kind interessierte er sich für die Natur, erkannte viele Pflanzen und Vögel.
Schon als Kind interessierte er sich für die Natur, erkannte viele Pflanzen und Vögel. (Foto: privat)

Engagiert bei vielen Kulturprojekten dabei

Selten hat er im politischen Streit scharf seine Stimme erhoben. Nur einmal fühlte er sich genötigt, den Linken-Politiker Torsten Koplin in die Schranken zu weisen. Als 2009 die Finanzierung des Latücht-Kinos in der Luft hing, hatte Koplin erklärt: „Wo Kultur geschleift wird, hält Barbarei Einzug“. Schulz entgegnete ihm: Entweder Koplin kenne Neubrandenburg nicht, oder er habe jeglichen Realitätssinn verloren. Im Zusammenhang mit Neubrandenburg von „Kultur schleifen“ zu sprechen, entbehre jeder Grundlage.

Kultur war für Schulz nicht nur politischer Auftrag, sondern eine Herzensangelegenheit. So war er Stammgast der Philharmonie. Irina Parlow erinnert sich an einen typischen Schulz-Satz: „Wenn ich nicht dabei bin, findet kein Konzert statt.“ Er half auch engagiert mit, die riesigen Kulturprojekte aufs Gleis zu bringen: den Umbau der Marienkirche zur Konzertkirche, die neue Kunstsammlung, die Regionalbibliothek.

Eines seiner letzten Interviews gab Otto Schulz als Vorsitzender der Senioren-Union in Neubrandenburg im Alter von 82 Jahren. Zwei der Sätze klingen wie sein Lebensmotto, das er jüngeren Kommunalpolitikern mit auf den Weg gibt: „Es ist richtig, dass wir uns einmischen. Aber das kann man nur, wenn man sich mit den aktuellen Dingen befasst.“

Die Beisetzung findet am 2. Dezember um 10 Uhr auf dem Waldfriedhof Neuenhagen bei Berlin statt.