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Experte erschrocken über Kosten für Linden-Umzug in Neubrandenburg

Neubrandenburg / Lesedauer: 4 min

Die Verpflanzung von sechs Bäumen aus Neubrandenburgs City soll 180.000 Euro kosten. Stadtvertreter wundern sich – und selbst ein Fachmann staunt. Denn der kennt andere Zahlen.
Veröffentlicht:07.02.2023, 20:10

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Im Rathaus der Vier-Tore-Stadt sind die Verantwortlichen gerade um Klärung bemüht. Zu groß das Entsetzen unter den Ratsfrauen und Ratsherren in der Stadtvertretung und zu groß das Unverständnis bei den Neubrandenburgern über eine Position im Haushalt der Stadt für das Jahr 2023. 180.000 Euro, so steht es geschrieben, müsse die Stadt einplanen für die Umpflanzung von sechs Linden aus der Großen Wollweberstraße. So schreibt der Neubrandenburger Herbert Till an den Nordkurier: „So langsam schwillt mir der Kamm, wenn ich von dem Theater lese. Wer gibt den verantwortlichen Volksvertretern das Recht, für so eine Sache 180.000 Euro unserer Steuergelder zu verschwenden?“

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Zur Erklärung: Vor dem Start der Bauarbeiten in der holprigen Großen Wollweberstraße müssen dort 24 Bäume weichen. Nur so kann eine Baustraße den Verkehrsinfarkt in der Innenstadt während der umfangreichen Arbeiten verhindern. Nach langen Diskussionen hat auch die mitspracheberechtigte Naturschutzbehörde in der Kreisverwaltung dafür grünes Licht gegeben. Allerdings – den sechs jüngeren Linden unter den Wollweberstraßen-Bäumen soll noch keine Zukunft als Brennholz bevorstehen. Die müssen, so will es das Amt, umgepflanzt werden. Deren neue Adresse könnte die Straße nach Carlshöhe sein.

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Und genau das soll, so steht es im Haushalt der Stadt, 180.000 Euro kosten. Eine Summe, die auch die Chefin des Finanzausschusses der Stadtvertretung, Caterina Muth (Linke), noch immer überwältigt. Aber auch sie hat, wie alle anderen, dem Haushalt bereits zugestimmt – inklusive der 180 000 Euro Pflanzkosten.

Fachmann kommt auf weniger als die Hälfte

Neidhardt Krauß, Sachverständiger für Baumsanierung und die Bewertung der Verkehrssicherheit von Bäumen, hat seinerzeit die Gutachten über die Linden in der Großen Wollweberstraße geschrieben. Der promovierte Biologe war auch im Mai 2021 dabei, als Stadtvertreter, Rathausmitarbeiter und zahlreiche Bewohner der Neubrandenburger Innenstadt sich die Angelegenheit vor Ort angeschaut haben. Damals hatte der Experte bereits ein Angebot einer sächsischen Firma eingeholt, die sich auf das Verpflanzen großer Bäume spezialisiert hat. „Die wollten 12 500 Euro haben“, zitiert Krauß aus seinen Unterlagen. Da sei alles dabei gewesen – der Einsatz der großen Rundspatenmaschine, mit der die Bäume mitsamt der Wurzelballen aufgenommen und an ihre neuen Plätze transportiert werden.

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„Jetzt rechnen wir mal weiter“, kommt der Baum-Fachmann in Fahrt, „für die Vorbereitungen müssen die Kronen ausgelichtet werden, die Wurzelareale gilt es, vorzubereiten und die neuen Pflanzlöcher mit Bodensubstrat, wir müssen einbeziehen, dass die umgepflanzten Bäume in den ersten drei Jahren besonders gehätschelt werden müssen, das kostet auch Geld. Einzubeziehen ist auch die Möglichkeit, dass eine der Linden den Umzug nicht überlebt, also muss vielleicht Geld für eine neue da sein. Die kostet mit einem Stammumfang von 70 Zentimeter so 12 000 Euro netto. Also“, rechnet Krauß alles zusammen, „sehr großzügig addiert und alle Unwägbarkeiten einbezogen, kommen wir auf allerhöchstens 75.000 Euro brutto“.

Rathaus verweist auf Energiekrise und Ukraine-Krieg

Weit weniger als die Hälfte der Summe aus dem städtischen Etat für die Umzugsaktion der sechs Wollweber-Linden. Welcher Anbieter für den Job 180.000 Euro errechnet hat, will man in der Stadtverwaltung nicht sagen. „Die Namen von potenziellen Anbietern können wir nicht benennen, da wir uns im öffentlichen Ausschreibungsverfahren befinden“, heißt es in der Antwort aus dem Rathaus auf eine Nordkurier-Anfrage. Eine Sprecherin der Stadtverwaltung ist aber um eine Erklärung bemüht: „Mit den nun rasant gestiegenen Kosten im Zuge der Energiekrise und den Auswirkungen des Ukraine-Krieges liegen die aktuellen Kosten für die Verpflanzung in der benannten Höhe“.

Allerdings sei die Stadtvertretung bereits über einen neuen Termin mit dem Umweltamt im Februar informiert worden, heißt es. Dort wolle man sich um eine einvernehmliche Lösung bemühen.