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Klinik-Streit

Frühchenstation – Greifswald stichelt gegen Neubrandenburg

Neubrandenburg / Lesedauer: 3 min

Die Unimedizin Greifswald prahlt mit einer niedrigen Sterblichkeitsrate im Vergleich zu den anderen Frühchenstationen. Das Neubrandenburger Klinikum hält dagegen.
Veröffentlicht:23.10.2023, 13:16

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Im Streit um die Frühchen-Versorgung in Mecklenburg-Vorpommern hat die Unimedizin Greifswald nun einen klaren Seitenhieb gegen den Konkurrenten vom Dietrich-Bonhoeffer-Klinikum (DBK) in Neubrandenburg ausgeteilt.

Unimedizin Greifswald befürwortet neue Regelung

In der Debatte um die Versorgung von Neugeborenen mit einem Geburtsgewicht unter 1250 Gramm betont die Universitätsmedizin Greifswald, dass vor allem die Qualität der Behandlung berücksichtigt werden müsse. Qualität werde erreicht, indem man immer und immer wieder Extrem-Frühchen behandele, so der Tenor. Das kann durchaus als Befürwortung der gesetzlich geregelten Mindestmengen verstanden werden. Nach dieser Regelung hat Neubrandenburg seinen Status als Perinatalzentrum Level 1, also die Station, die für die Extrem-Frühchen zuständig ist, Ende 2022 verloren.

Der Gesetzgeber sieht vor, dass eine Klinik mindestens 20 Fälle pro Jahr behandeln sollte. Das würde gewährleisten, dass das Personal gut genug geschult ist, um das Überleben der Allerkleinsten zu sichern. Im DBK gab es im Durchschnitt der vergangenen zehn Jahre vor der Corona-Pandemie 16 bis 20 solcher Fälle.

„Natürlich brauchen die Fachleute des ärztlichen und pflegerischen Personals eine gewisse Routine, um diese extrem kleinen Frühchen retten und bestmöglich versorgen zu können“, lautet die Einschätzung von Professor Uwe Reuter, dem ärztlichen Vorstand der Universitätsmedizin Greifswald. Entscheidend sei zudem, dass ein Haus über die personellen und technischen Ressourcen verfüge, rund um die Uhr auf mögliche
Komplikationen reagieren zu können. "Letztlich zählt jedoch vor allem der tatsächliche Erfolg“, betont Reuter, "Nichts ist wichtiger als die Rettung der Kleinsten!“

DBK: Keine großen Unterschiede in der Arbeitsqualität

Nach eigenen Angaben lag die Sterblichkeitsrate von Extrem-Frühchen in Greifswald bei 12,4 Prozent. Der Landesdurchschnitt sei jedoch höher und liege bei 14,1 Prozent. "Die Chance der Kleinsten, trotz der frühen Geburt und des extrem niedrigen Gewichts zu überleben, ist also in der Greifswalder Kinderklinik erkennbar höher als im Landesschnitt“, prahlt die Universitätsmedizin.

Das Dietrich-Bonhoeffer-Klinikum will das so nicht auf sich sitzen lassen. "Alle vier Perinatalzentren Level 1 im Land (zu denen das DBK bis Ende 2022 gehörte) haben nachweislich seit vielen Jahren sehr gute Arbeit geleistet ‐ immer im Bereich des Bundesdurchschnitts, häufig auch besser“, sagt eine Kliniksprecherin auf Nordkurier-Nachfrage. Die auf der Internetseite preinatalzentren.org veröffentlichen Daten der Frühchenstationen lägen in MV so dicht beieinander, dass keine Klinik "den Titel ,Best of' für sich in Anspruch nehmen kann. Insoweit gibt es anders als behauptet keine großen Unterschiede im Outcome“, legt das DBK nach.

Für den Erhalt der vollständigen Frühchenstation, sammelte das Klinikum über 100.000 Unterschriften.
Für den Erhalt der vollständigen Frühchenstation, sammelte das Klinikum über 100.000 Unterschriften. (Foto: Felix Gadewolz)

Die Mediziner des DBK beziehen sich unter anderem auf ein Papier, das vom Verband leitender Kinderärzte und Kinderchirurgen Deutschlands veröffentlicht wurde. "Diese Daten zeigen, dass auch in kleinen Zentren qualitativ gute Arbeit geleistet werden kann und dass relevante Effekte auf die Überlebenswahrscheinlichkeit rechnerisch erst in Größenordnungen auftreten, die für MV bestenfalls mit einem einzigen Perinatalzentrum zu erreichen wären“, wehrt sich das Neubrandenburger Krankenhaus und wirbt noch einmal dafür, dass Neubrandenburg wieder den Status Perinatalzentrum Level 1 zurückerhält. Eine flächendeckende Versorgung von kleinsten Frühchen sei im ländlichen Raum immens wichtig.

Zuletzt diskutierte auch der Bundestag über dieses Thema, nachdem eine in Neubrandenburg gestartete Petition mit mehr als 100.000 Unterschriften erfolgreich im Petitionsausschuss einstimmig befürwortet wurde. Die Petition zielt darauf ab, die beschlossene Erhöhung der Mindestmenge für die Versorgung von Frühgeborenen unter 1250 Gramm aufzuheben. Nun ist die Bundesregierung aufgefordert, zu handeln.