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Fünf Mordfälle nagen an der Seele dieses Mannes

Neubrandenburg / Lesedauer: 5 min

Frank Taggesell war viele Jahre Chef der Mord-Ermittler in Neubrandenburg. Bis heute hat er fünf Datumsangaben exakt im Kopf. Fünf Leichen, deren Tod nie geklärt wurde.
Veröffentlicht:31.10.2023, 06:53

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Natürlich ist Frank Taggesell auf dem Laufenden, obwohl er schon vor drei Jahren in Pension gegangen ist. In der Zeitung liest der ehemalige Kripo-Mann jede Polizeimeldung. Besonders intensiv jene, die viel mit seinem früheren Job zu tun haben. Taggesell war viele Jahre Leiter des Fachkommissariats „Leben und Gesundheit“ in der Region, früher hieß das mal Morduntersuchungskommission. Und so hat sich der Mann natürlich auch seine Gedanken gemacht, als der gewaltsame Tod eines Sechsjährigen aus dem kleinen Dorf Pragsdorf im September ruchbar wurde.

Fest an Ermittlungserfolg geglaubt

Mitgefiebert hat Taggesell sowieso, wann es den ehemaligen Kollegen wohl gelingt, einen Verdächtigen zu präsentieren. Denn dass die das schaffen, daran hatte der erfahrene Ermittler keine Zweifel. „Was man so vom Verlauf der Tat und der Vorgeschichte aus der Zeitung erfahren konnte ‐ an einen reisenden Täter mochte ich nie glauben. Das musste einer aus dem Umfeld des Opfers gewesen sein.“ Wahrscheinlich war es auch so. Keine zwei Wochen sorgten sichergestellte DNA-Spuren für einen handfesten Verdacht, ein 14-Jähriger aus dem Dorf sitzt seitdem in Untersuchungshaft.

Fünf Opfer aus über dreißig Jahren bleiben ungesühnt

Mit wie vielen Tötungsverbrechen sich der gebürtige Sachse Taggesell in seinen insgesamt 33 Jahren Morduntersuchung beschäftigen musste, weiß er nicht. Die hat er nie gezählt. Dafür kennt er noch sehr genau die Liste der Misserfolge, die Taten, an denen er und seine Kollegen sich die Zähne ausgebissen haben. Fünf ungeklärte Mordfälle machen Frank Taggesell zu schaffen, der Umstand, dass mindestens fünf Täter für ihre Verbrechen nie zur Rechenschaft gezogen wurden, nagt an der Kriminalisten-Ehre und der Seele. Der detailverliebte Ex-Ermittler hat sogar noch jedes Datum im Kopf, an denen die ungesühnten Untaten begangen oder entdeckt wurden.

Die Radfahrerin Anne Stephan verschwand am 20. Juli 1993, acht Monate später wurden in einem Wald zwischen Holldorf und Blankensee ihre sterblichen Überreste entdeckt. Am 12. August 1994 wurde das Verschwinden der Schülerin Susann Jahrsetz in Malchin gemeldet, vier Jahre später wurde gefunden, was von ihr übrig war. In Neubrandenburg vor einem großen Einkaufscenter ist bei einem Überfall auf einen Geldtransporter am 13. Oktober 1997 ein Wachmann erschossen worden und am 31. August 2003 entdeckten Spaziergänger in der Peene bei Loitz die übel zugerichtete Leiche des Demminer Autohändlers Martin Kühl.

Vermisste Rentnerin wurde nie gefunden

Und zu schlechter Letzt die seit dem 6. Dezember 2018 spurlose verschwundene Gerda Wiese aus Priborn. Obwohl die ehemalige Lehrerin nie gefunden wurde, gehen die Ermittler auch in diesem Fall von einem Tötungsverbrechen aus. „Mit diesen Fällen hat man sich doch am intensivsten beschäftigt“, erklärt Frank Taggesell sein gutes Gedächtnis. Immer wieder und über Monate und Jahre hat er darüber nachgedacht, was vielleicht während der Ermittlungen übersehen oder gar falsch gemacht wurde. „Es gab natürlich Fälle, während der ich nachts kaum in den Schlaf gekommen bin.“ Immer wieder seien die Gedanken nur darum rotiert, was man vielleicht besser machen könnte, um endlich den Fall lösen zu können.

Wenig Schlaf und kurze Wochenenden

Taggesell denkt da sofort an die unheimlichen Wochen und Monate zwischen Januar und Juni 2012, als in verschiedenen Gewässern der Stadt Neubrandenburg immer wieder Leichenteile auftauchten, und die Ermittler weder Opfer noch Täter benennen konnten. „Wochenenden gab es da kaum und wenn, dann höchstens Freizeit für einen oder einen halben Tag“, erinnert sich der frühere Kommissariatsleiter an die angespannte Zeit, in der sich die Kriminalisten mit dem rätselhaften Fall herumschlagen mussten. Der Druck, der auf den Ermittlern lastete, war ungeheuer groß, die Öffentlichkeit und die Medien drängten auf Klärung und auch die Polizeiführung wollte Erfolge hören. In jenen Monaten, so der damalige Leiter der Ermittlungen, habe er um die 500 Überstunden angesammelt. „Das war eben so“, winkt Taggesell ab, der Beruf sei eben ein besonderer und wen das enorm störe, der sei eben für den Job nicht geeignet. Im Frühsommer dann die große Erleichterung, als die Polizei den Fall aufklären konnte, wenn auch mit fremder „Hilfe“. Das Opfer war eine 68-jährige Neubrandenburgerin, deren Ehemann gestand in einem Abschiedsbrief, die Frau getötet zu haben. Allerdings ‐ der Kopf der Frau konnte bis heute nicht gefunden werden.

Als Stress, so Taggesell, habe er auch intensive Ermittlungszeiten mit sehr wenig Schlaf nie empfunden. Man dürfe allerdings, so der erfahrene Ex-Kriminalist, die Fälle nie sehr dicht an sich heranlassen, Emotionen müssen draußen bleiben. Auch wenn das schwerfalle, gerade dann, wenn Kinder von Verbrechen betroffen seien. Taggesell erinnert sich noch an die erste Obduktion in der Gerichtsmedizin in Greifswald, der er als junger Kriminaltechniker beiwohnen musste ‐ und als ein kleines Mädchen aus einem Dorf bei Prenzlau auf dem Seziertisch lag, das Opfer einer Gewalttat. Das sei nicht einfach gewesen, den Umgang mit dem Tod zu lernen. Taggesell kennt einen Kollegen, für den das unerträglich wurde und der sich versetzen lassen musste. Für ihn sei das nie eine Option gewesen, sagt er. Jemand müsse den Job doch machen ‐ im Interesse der Opfer.