StartseiteRegionalNeubrandenburgHalim (17) will seine Familie wiedersehen

Aus Syrien geflohen

Halim (17) will seine Familie wiedersehen

Neubrandenburg / Lesedauer: 4 min

Halim hat die Fahrt übers Mittelmeer mit Glück überlebt. Heute lebt der syrische Jugendliche in Neubrandenburg und will Pfleger werden. Ihn quält die Sehnsucht nach seiner Familie.
Veröffentlicht:06.12.2023, 19:07

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Halim macht trotz seiner ernsten Worte einen fröhlichen Eindruck. Er lächelt viel, während er mit sanfter und kontrollierter Stimme von seiner Flucht erzählt. Davon, wie er Syrien verlassen musste und von dem Schrecken, den er auf seinem Weg nach Deutschland erlebte. Doch als es um seine Familie geht, seine Eltern und seine siebenjährige Schwester, wird das Gesicht des 17-Jährigen ernst. „Ich habe Angst, dass ich für immer alleine bleibe“, sagt er.

Abdul Halim, von seinen Freunden einfach Halim genannt, hat braune Augen, weiche Gesichtszüge und schwarze Locken, die unter einem Cap hervorschauen. Seine Geschichte erzählt er im Neubrandenburger Café International, in das er, wie viele andere Flüchtlinge, regelmäßig mit seinem Freund Mustafa kommt. 

Familie flieht 2011 vor dem Bürgerkrieg

Halims Leben beginnt in der syrischen Stadt Aleppo, wo er 2006 zur Welt kommt. Fünf Jahre nach seiner Geburt entbrennt in Syrien ein Bürgerkrieg. Der Islamische Staat gewinnt an Einfluss und erobert Gebiete. Russland, die USA, der Iran und die Türkei greifen in den Krieg ein. Hunderttausende Syrer werden getötet, Millionen müssen fliehen. Auch Halims Familie flieht in den Libanon, wo er zwölf Jahre seines Lebens verbringt. Doch Arbeit sei dort nur schwer zu finden, das Leben sei hart und die Polizei korrupt, sagt Halim. Er wollte weg.

Halim ist 16 Jahre alt, als er sich zusammen mit seinem Cousin auf den Weg nach Deutschland macht. Über Ägypten und Libyen kommen sie nach Algerien, von wo sie und andere im Dezember 2022 mit zwei Booten in Richtung Spanien aufbrechen. Sehr kalt sei es gewesen, erinnert sich Halim. Er und sein Cousin haben Glück: Ihr Boot kommt an. Das zweite kentert. „Alle sind gestorben“, sagt Halim mit fester Stimme und ernstem Blick. Laut dem Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) starben oder verschwanden 2022 mehr als 2400 Menschen im Mittelmeer. 

Halims Weg von seiner Geburtsstadt Aleppo (Syrien) nach Neubrandenburg in Mecklenburg-Vorpommern.
Halims Weg von seiner Geburtsstadt Aleppo (Syrien) nach Neubrandenburg in Mecklenburg-Vorpommern. (Foto: Nordkurier-Grafik)

Halim schlägt sich über Frankreich, Belgien und die Niederlande bis nach Hamburg durch. Von dort wird er nach Neubrandenburg geschickt, wo er seitdem in einer Gemeinschaftsunterkunft wohnt und zur Schule geht. Deutschland sei das beste Land in Europa, auch sein Bruder lebe hier und er habe schon immer herkommen wollen, sagt Halim. Doch glücklich? Glücklich sei er nur selten. 

Schicksal hängt an Asylverfahren

In drei Monaten wird Halim 18 Jahre alt und je näher sein Geburtstag rückt, desto kleiner wird die Chance, dass seine Eltern und seine kleine Schwester zu ihm nach Deutschland kommen können. Wer minderjährig und als Flüchtling anerkannt ist, darf seine Familie zu sich holen. Wer volljährig ist, hat darauf kein Recht. 

Der Haken, an dem das Schicksal von Halim hängt, ist, dass sein Asylverfahren noch nicht abgeschlossen ist. Den Elternnachzug kann er erst beantragen, sobald er als Flüchtling anerkannt ist. Für Halim läuft die Zeit ab. „Die sagen eben, ich brauche meine Familie nicht mehr, wenn ich 18 bin. Aber ich brauche die. Ich brauche die auch, wenn ich 50 bin“, sagt er und schaut zu Boden. 

Marie Ortmann weiß, wie es Menschen geht, die in einer Lage wie Halim sind. Viele litten unter den schrecklichen Erfahrungen, die sie auf der Flucht gemacht haben, sagt sie. „Fast alle, die hier ankommen, sind traumatisiert.“ Im Neubrandenburger Café International arbeitet sie als psychosoziale Beraterin und unterstützt Flüchtlinge dabei, das Erlebte zu verarbeiten. „Viele wollen sprechen. Ihnen hilft es, zu hören, dass es nicht nur ihnen so geht. Dass es normal ist, in so einer Lage Depressionen und massive Ängste zu entwickeln“, sagt Marie Ortmann. 

Familie, Arbeit, Wohnung – und einen BMW

Halim versinkt jedoch nicht in Trauer, sondern gibt sich hoffnungsvoll und spricht von den Träumen, die er hat. Kleine Träume seien das, sagt er. „Ich will eine Wohnung haben und eine Arbeit und dann viel Geld verdienen.“ Sein Plan sei es, eine Ausbildung zum Pflegefachmann in Neubrandenburg zu machen. Von einem Freund habe er gehört, dass die Arbeit im Krankenhaus gut sei. Auch was er mit dem verdienten Geld machen will, weiß er schon. „In fünf Jahren will ich mir mein Traumauto kaufen. Einen BMW M5“, sagt Halim und zückt sein Handy, um Bilder zu zeigen. Und welche Farbe? „Schwarz natürlich“, sagt er und lacht.