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Justiz

Joel (6) erstochen – so verläuft der erste Prozesstag

Neubrandenburg / Lesedauer: 4 min

Der Prozess am Landgericht Neubrandenburg ist am Dienstag gestartet. Gerichtsreporter Winfried Wagner schildert seine Eindrücke vom Auftakt.
Veröffentlicht:13.02.2024, 11:47

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Fünf Monate nach dem gewaltsamen Tod des kleinen Joel aus Pragsdorf hat am Dienstag am Landgericht Neubrandenburg die strafrechtliche Aufarbeitung des Verbrechens begonnen. Mit dem Ausschluss der Öffentlichkeit startete die Vorsitzende Richterin Daniela Lieschke exakt 9.34 Uhr die Strafverhandlung - allerdings noch ohne den 14-jährigen Angeklagten. Der Platz neben seinem Verteidiger Sebastian Fitzer blieb zu Beginn zunächst leer. Als Grund gab das Landgericht den Jugendschutz an, der auch für so junge Angeklagte gelte.

Angeklagter sagte zunächst nichts

Erst nachdem die Öffentlichkeit - also alle TV-Teams, weitere Journalisten und andere Zuschauer - die Richter und Schöffen beim Einzug sehen und filmen durften und dann den Saal verlassen hatten, wurde der Angeklagte hineingeführt und der Prozess begann richtig. Doch wer erwartet hatte, dass nun Dinge zur Sprache kommen, die die Eltern des Opfers gern gehört hätten, sah sich nach Angaben von Prozessbeteiligten getäuscht. Der Angeklagte blieb vorerst bei seinem Schweigen.

So begann die Verhandlung mit den ersten Zeugenvernehmungen: Als Erste waren am Dienstag die Mutter und dann der Vater des Opfers an der Reihe. Zu Einzelheiten aus diesen Zeugenvernehmungen wollte sich das Landgericht aber mit Verweis auf die nicht öffentliche Verhandlung nicht äußern.

Hätte Joel gerettet werden können?

Die Staatsanwaltschaft wirft dem 14-Jährigen, der im September 2023 auch in Pragsdorf lebte, Totschlag vor. Der Jugendliche soll mit dem Sechsjährigen und anderen Kindern am 14. September vergangenen Jahres im Dorf unterwegs gewesen sein, vor allem an einem Spielplatz unweit von zwei Mehrfamilienhäusern und von Bolzplatz und Badesee. Als die anderen Kindern nach Hause gingen, soll der 14-Jährige mit Joel noch über einen Steg zum Bolzplatz gegangen sein, wie es nach den Ermittlungen der Polizei hieß.

Der 14-jährige Tatverdächtige war Ende September dem Haftrichter vorgeführt worden und sitzt seither in Untersuchungshaft. 
Der 14-jährige Tatverdächtige war Ende September dem Haftrichter vorgeführt worden und sitzt seither in Untersuchungshaft.  (Foto: Felix Gadewolz)

Dort gab es in einem Gebüsch ein Versteck. In dem Versteck wurde dem Sechsjährigen laut Anklage mehrfach ins Gesicht geschlagen. Der Täter soll sich auf dessen Brustkorb gekniet und bis zu sieben Mal auf den Jungen eingestochen haben. Dann habe der Täter das Opfer liegengelassen und sei weggelaufen. Am Abend wurde eine Vermisstensuche im Dorf gestartet, bis der tödlich Verletzte später in dem Gebüsch gefunden wurde. Da war der kleine Joel nicht mehr zu retten, er starb an hohem Blutverlust.

Laut Gutachten „strafmündig und schuldfähig“

Der Tatverdächtige wurde erst etwa zwei Wochen später festgenommen. Die Eltern des getöteten Jungen treten im Prozess auch als Nebenkläger auf. „Sie hoffen, dass sich der Tatverdächtige in dem Prozess auch zu dem Fall äußert“, sagte Nebenklägerin Christine Habetha unserer Zeitung. Die Situation der Eltern sei bedrückend.

„Die Familie fragt sich immer noch, wie waren die letzten Minuten ihres Kindes?“, sagte Habetha. Habe sich Joel damals gewehrt? „Sie wollen einfach wissen, warum“, so Habetha. Der Prozess stelle eine juristische Zäsur in dem Verfahren dar. Der Beschuldigte hat sich nach Angaben seines Anwaltes im Vorfeld psychologisch begutachten lassen. Im Ergebnis wurde er als „strafmündig und schuldfähig“ eingeschätzt.

Aus prozesstaktischen Gründen habe er zu den Vorwürfen bisher nichts gesagt, hieß es von seinem Anwalt. Dieser wollte abwarten, wie sich die Situation im Prozess entwickle.

Ermittler: „Fall von besonderer Brutalität“

Laut Polizei hatte sich der 14-Jährige schon im Herbst 2023 bei Polizeivernehmungen in Widersprüche verstrickt. Außerdem fand die Polizei DNA-Spuren des Tatverdächtigen an der Tatwaffe, einem Messer. Das führte zu der Festnahme. Der leitende Ermittler sprach von einem „Fall von besonderer Brutalität“. Die Familie des Tatverdächtigen war nach dessen Festnahme aus dem Dorf weggezogen. Danach beruhigte sich die Lage im Dorf wieder ein wenig, wie der Bürgermeister Ralf Opitz sagte.

Der Prozessauftakt am Landgericht Neubrandenburg sorgte am Dienstag für großes Medieninteresse. Doch Richterin Daniela Lieschke hatte eine „sitzungspolizeiliche Verfügung“ erlassen, die durchgesetzt werden sollte. Wachleute sammelten Handys ein, nur zugelassene Journalisten durften mit Kameras den Einzug der Jugendgerichtskammer filmen.

Der Angeklagte sitzt mit seinem Verteidiger seitlich rechts von der Richterin und ihrer Kammer. Etwa sechs Meter weiter im rechten Winkel dazu sitzen die Eltern von Joel und Anwältin Habetha. Gegenüber vom Angeklagten haben die Staatsanwaltschaft und zwei Gutachter - ein Psychologe und ein Rechtsmediziner - ihre Plätze.

Urteil voraussichtlich Ende März

Ein Urteil wird nach der bisherigen Planung frühestens nach sieben Verhandlungstagen, die zunächst bis Ende März geplant sind, fallen. Dem 14-Jährigen drohen nach Jugendstrafrecht maximal zehn Jahre Freiheitsstrafe. Der Prozess wird an diesem Donnerstag fortgesetzt. Insgesamt sollen etwa 40 Zeugen angehört werden, unter anderem aus dem Umfeld des Angeklagten und des Opfers.

Der gesamte Prozess wird wegen des jugendlichen Alters des Beschuldigten und der schutzwürdigen Interessen der Opferfamilie nicht öffentlich sein, auch die Verkündung eines Urteils oder, wie es Richterin Lieschke es nannte, „die Verkündung einer abschließenden Entscheidung“, soll unter Ausschluss der Öffentlichkeit erfolgen.