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Energieversorgung

Neubrandenburg hätte fast ein Atomkraftwerk bekommen

Neubrandenburg / Lesedauer: 3 min

Vor über 60 Jahren existierten handfeste Pläne, in der Nähe Neubrandenburgs Energie aus der Kernkraft zu gewinnen. Dass daraus nichts wurde, lag an den Sowjets.
Veröffentlicht:17.12.2019, 07:44

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Dort, wo sich seit vielen Jahren Dauercamper und Tagesgäste am Westufer des Tollensesees erholen, sollte nach dem Willen der DDR-Obrigkeit ein Kernkraftwerk entstehen. Favorisierter Standort der Atom-Lobby in der DDR: Der Flecken Gatsch Eck zwischen Neubrandenburg und Alt Rehse. Dem promovierten Mitarbeiter der Neubrandenburger Hochschule, Olaf Strauß, ist es zu verdanken, dass dieser fast vergessene Moment der Geschichte in Erinnerung gerufen wird.

In Ost und West herrschte in den 50-er Jahren des vergangenen Jahrhunderts eine regelrechte Atomeuphorie. Die friedliche Nutzung der Atomkraft versprach die Lösung aller Energieprobleme. Eine Option, die erst recht für die rohstoffarme DDR gelten musste.

Geringe Besiedlung war ein Pluspunkt

Zumal im Osten Deutschlands Pechblende gefördert wurde, aus der Uran entstand. Und ohne Uran keine Atomenergie. Schon 1956 existierte ein Plan für die Projektierung eines Atomkraftwerkes in der DDR. Die Grundlage dafür bildete ein Abkommen mit der Sowjetunion.

Bei der Suche nach einem Standort beschränkte man sich auf den Norden der DDR. Die deutlich geringere Besiedlung sowie der Wasserreichtum waren wichtige Argumente, gerade hier ein Atomkraftwerk zu errichten. Ausschlaggebend waren letztlich aber die enormen Probleme der Energiewirtschaft im Norden, die vor allem aus der fast völligen Abwesenheit fossiler Brennstoffe und äußerst geringen Kraftwerkskapazitäten resultierten.

Kriterien für einen möglichen Standort waren unter anderem eine Entfernung von wenigstens drei Kilometern von der nächsten Wohnbesiedlung, für das benötigte Kühlwasser wurde ein Bedarf von mindestens 25.000 Kubikmetern pro Stunde errechnet, und gleichzeitig sollte bis in eine Tiefe von zehn Metern kein Grundwasser anzutreffen ein.

Russen waren skeptisch

Mit diesen Kriterien war die Zahl potenzieller Möglichkeiten auf sechs eingeschränkt: Neubrandenburg, Rheinsberg, Goldberg, der Fürstensee bei Alt-Strelitz, Rechlin und Sternberg. Der Standort Neubrandenburg „gewann“ das Rennen bei den DDR-Planern, sogar Probebohrungen wurden in Gatsch Eck schon in die Erde gerammt.

Allerdings vertraten die sowjetischen Experten einen anderen Standpunkt – überrascht davon, dass ihnen Gatsch Eck alternativlos angeboten wurde. Denn der Standort besaß gravierende Schwächen. Die Nähe zum Oberzentrum Neubrandenburg erschien den Fachleuten aus der UdSSR als der größte Schwachpunkt: Der Bauplatz, so schreibt Olaf Strauß, befand sich am Westufer des von Süd nach Nord lang hingezogenen Tollensesee-Talbeckens, dessen natürlicher Abfluss im Norden das Flüsschen Tollense direkt bei Neubrandenburg bildet.

Neubrandenburg wäre in Gefahr gewesen

Die sowjetischen Partner monierten fehlende wasserwirtschaftliche Gutachten, und in der Tat hätte sich das Trinkwassereinzugsgebiet Neubrandenburgs in unmittelbarer Kraftwerksnähe befunden. Ungünstig bewertet wurde ebenfalls die häufige südwestliche Windrichtung, wodurch die Stadt im Havariefall im direkten Gefahrenbereich des Kraftwerks liegen würde. Ein weiterer Minuspunkt waren die Grundwasserverhältnisse in dem tief eingeschnittenen Seegebiet.

Letztendlich entschieden sich die Verantwortlichen für Rheinsberg am Stechlinsee. 1966 ging dort das erste Atomkraftwerk der DDR ans Netz. Das mittlerweile längst stillgelegte Kernkraftwerk in Greifswald ging ab 1974 schrittweise in Betrieb.