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Volle Auftragsbücher, aber kein Nachfolger – Firmenchef in Sorge

Neubrandenburg / Lesedauer: 3 min

Viele Unternehmer in Mecklenburg-Vorpommern suchen Nachfolger. Auch Thomas Ryll. Mit seinem Fensterservice bietet er eine etablierte Firma. Warum findet sich niemand?
Veröffentlicht:06.07.2022, 06:05

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Die Auftragsbücher von Thomas Ryll sind voll. Mit seinem Fensterservice hat er sich in Neubrandenburg über Jahre einen Namen gemacht – täglich rufen bei dem Handwerker neue Kunden an und fragen, ob er Zeit für sie hat. „Das Geschäft läuft absolut gut, wir müssen schon Aufträge absagen“, sagt der 60-Jährige.

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Dennoch plagen den Chef Sorgen. Nach 25 Jahren Selbstständigkeit sucht er einen Nachfolger für sein Unternehmen, findet jedoch keinen. Deshalb setzte er vor Kurzem eine Anzeige in die Zeitung: „Wer traut sich einen sehr gut funktionierenden, kleinen Handwerksbetrieb weiter zu führen? Außer Ehrlichkeit, Führerschein und Spaß am Umgang mit Kunden sind keine besonderen Voraussetzungen erforderlich.“

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Thomas Rylls Ansicht nach ein verlockendes Angebot. „Es ist eine komfortable Situation: Die Auftragsbücher sind voll, man hat einen bekannten Namen und ich würde dem Neuen in den nächsten Jahren beratend zur Seite stehen“, sagt er.

Bundesweiter Trend

So weit die Fakten. Doch dass sich so gut wie niemand bei Ryll meldet, liegt nicht daran, dass niemand Lust auf Arbeit hat. In Mecklenburg-Vorpommern wie auch bundesweit sei der Mangel an Unternehmens-Nachfolgern ein großes Problem. „Viele Unternehmer suchen händeringend Nachfolger, zudem gibt es zu wenige Gründer“, sagt Volker Hirchert von der Industrie- und Handelskammer Neubrandenburg (IHK).

Das Problem wird in Zukunft nicht kleiner

Und dieses Problem wird auch in den kommenden Jahren nicht kleiner werden. Etwa 40 Prozent der Unternehmer im Bezirk Vorpommern-Greifswald und Mecklenburgische Seenplatte sind laut Hirchert über 55 Jahre alt und suchen dementsprechend bald einen Nachfolger. Dass viele dabei Schwierigkeiten haben, liege aber nicht nur am demografischen Wandel. „Als Angestellter hat man feste Urlaubstage und kann bei Krankheit einfach zu Hause bleiben. Als Selbstständiger muss man aktiv werden und sich um Kunden bemühen“, weiß der IHK-Mitarbeiter.

Nachfolgezentrale hilft

Viele junge Menschen schrecke das ab, auch in Unternehmer-Familien. Denn ein Großteil der Kinder wolle wegziehen und einen anderen Beruf erlernen. Wenn dann auch im Unternehmen niemand die Firma übernehmen möchte oder kann, bliebe dem Chef nichts anderes übrig, als extern nach einem Nachfolger zu suchen. „Wir vermitteln dann an die Nachfolgezentrale. Dort können sich Unternehmen wie auch Interessenten registrieren“, sagt Hirchert.

Hoffnung noch nicht aufgegeben

Auch Thomas Ryll hat sich dort gemeldet, worauf sich sogar ein junger Handwerks-Meister meldete. Der entschied sich jedoch dagegen, weil er lieber auf dem Bau arbeiten wollte. Auch seinen Sohn und seinen Mitarbeiter hatte Ryll vorher bereits gefragt – beide lehnten das Angebot jedoch ab, der Sohn arbeitet ohnehin in einem anderen Beruf. „Viele haben Angst vor diesem Schritt, zudem liegt der Umgang mit den Kunden nicht jedem“, zeigt Ryll sich verständnisvoll.

Er selbst merke bereits, dass er seine Arbeit nicht mehr so mühelos schaffe wie noch vor einigen Jahren. Die Doppelbelastung durch Arbeit, Büro und Kundenbetreuung strenge ihn an. Dennoch sei er optimistisch, bis zur Rente noch jemanden zu finden. „Ich brauche ja keinen Profi oder irgendeinen Büro-Fuzzi, sondern einfach jemanden, der anpackt“, sagt Ryll.