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Ukraine-Reise Teil 2

„Wir kämpfen bis zum letzten Ukrainer“ – Zwei Neubrandenburger zu Besuch im Kriegsgebiet 

Lemberg / Lesedauer: 5 min

Unser Autor ist zum zweiten Mal für einen Hilfstransport in die Ukraine aufgebrochen.  Erneut traf er sich mit ukrainischen Kollegen, um Hilfsgüter zu übergeben.
Veröffentlicht:09.02.2024, 12:30

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Nachdem wir uns in Lemberg umgeschaut hatten, erwarteten wir meine Kollegen der früheren Universität in  Melitopol, die kurz vor der Eroberung durch die russische Armee aus der Stadt geflohen waren. Planmäßig um 12:13 Uhr rollte, gezogen von zwei Lokomotiven, der extrem lange Zug aus der Ostukraine im Lemberger Hauptbahnhof ein. Dann stieg Olga aus Krywyj Rih aus. Vorher waren schon Ljudmila aus Kiew und Maksym aus Saporischschja angekommen.

Weiterlesen: Den ersten Teil der Reportage lesen Sie hier.

Hilfssendungen für die Universität

Alle drei hatte ich vor zwei Jahren an der Universität in Melitopol kennengelernt, wo sie wie ich in Neubrandenburg im Bereich Vermessungswesen lehrten. Die Hilfssendung bestand diesmal aus der Ausstattung eines agrochemischen Labors, unter anderem waren Reagenzgläser, Bunsenbrenner und Erlenmeyerkolben enthalten. Die gut erhaltene Laborausrüstung hat die Universität Rostock zur Verfügung gestellt.

Auch der Hauptbahnhof in Lemberg gehört zu den attraktiven Gebäuden der Stadt. Und: Die Züge kommen pünktlich an.
Auch der Hauptbahnhof in Lemberg gehört zu den attraktiven Gebäuden der Stadt. Und: Die Züge kommen pünktlich an. (Foto: Harry Schulz)

Nach der Übergabe der Hilfssendung wurden wir von den Kollegen der Lvivska Politechnika, der TU Lemberg, zum Essen eingeladen, sodass unsere Aktion aus Neubrandenburg auch zur Netzwerkbildung innerhalb der Ukraine beitragen konnte. Für 14:30 Uhr wurde plötzlich ein Bombenalarm signalisiert. Die möglichen Folgen wurden von den Kollegen auf der Warn-App beobachtet. Eine Stunde später gaben sie Entwarnung.

Trotz des Krieges ließen es sich die Ukrainer nicht nehmen, ihre Gäste aus Neubrandenburg herzlich zu bewirten.
Trotz des Krieges ließen es sich die Ukrainer nicht nehmen, ihre Gäste aus Neubrandenburg herzlich zu bewirten. (Foto: Harry Schulz)

In der Zwischenzeit war die erste Flasche Wodka zur Neige gegangen. Im Kopf war aber nichts zu spüren, denn das Essen war gut und reichlich: Teigtaschen, überbackene Pilze, sauer eingelegter Fisch, frische Salate, Salzgebäck, Blätterteig-Röllchen, eine Nudelsuppe und viel, viel mehr. Zwischendurch war jeder mal aufgefordert, einen Trinkspruch auszubringen oder eine kleine Tischrede zu halten, ein schöner Brauch, den wir aus vielen osteuropäischen Ländern kennen.

Das Denkmal für den umstrittenen ukrainischen Nationalhelden Stepan Bandera wurde 2007 in Lemberg eingeweiht.
Das Denkmal für den umstrittenen ukrainischen Nationalhelden Stepan Bandera wurde 2007 in Lemberg eingeweiht. (Foto: Harry Schulz)

Olga, Maksym und Ljudmila erzählten vom besetzten Melitopol. Der Stadtpark sei abgeholzt und zu Brennholz verarbeitet worden. In einem nahe gelegenen Nationalpark, einem Lebensraum seltener Antilopen, ließen die Russen ihre Soldaten wildern. Selbst die Straßenpflasterung würde in Melitopol herausgenommen und als Beutegut abtransportiert. Überprüfen können wir diese Erzählungen nicht.

Russisch zu sprechen ist verboten

Ljudmila wusste aber auch zu berichten, dass nach der Annexion der Krim 2014 durch Russland in ihrem Betrieb der Gebrauch der russischen Sprache verbannt worden wäre. Nach dem Angriff im Februar 2022 Jahr sei Russisch auch im privaten Umgang verboten worden. Früher sprachen die Menschen im ganzen Osten der Ukraine ausschließlich Russisch.

Wenn wir mit unseren Bekannten über einen möglichen Frieden gesprochen haben, bekamen wir verschiedene Meinungen zu hören: Einige stellten klar, dass es Verhandlungen und Frieden nur geben könne, wenn die Ukraine den Donbass und die Krim zurückbekäme, „ansonsten kämpfen wir bis zum letzten Ukrainer“. Andere wiederum meinten, dass die Ukraine Putin den Donbass und die Krim überlassen sollte, damit der Krieg beendet werden könne.

Blick auf die Oper, in der gespielt wird: Der Krieg scheint weit weg zu sein. In den Straßen Lembergs pulsiert das Leben.
Blick auf die Oper, in der gespielt wird: Der Krieg scheint weit weg zu sein. In den Straßen Lembergs pulsiert das Leben. (Foto: Harry Schulz)

Nach all dem Erlebten schien uns die Rückreise nach Neubrandenburg wie ein Kinderspiel. Der Grenzübertritt nach Polen als Fußgänger erwies sich als sehr vorteilhaft, weil wir nicht mit unserem Auto in der langen Schlange der ukrainischen Fahrzeuge steckten, die Richtung Westeuropa unterwegs waren. Vor einem halben Jahr dauerte die Prozedur dreieinhalb Stunden. Jetzt waren wir nach einer halben Stunde zurück in Polen und der EU.

Die polnische Einreisekontrollstelle hatte zwei Eingangstüren, eine für EU-Bürger und eine für Nicht-EU-Bürger. Vor ersterer stand eine kleinere Menschenschlange, vor letzterer ein große. Wir stellten uns an der kürzeren Schlange an. Dann drängelte sich plötzlich ein Mann bis ganz nach vorne vor. Als das erneut passierte, haben wir den Betreffenden gefragt, weshalb er sich das einfach so erlaube. Daraufhin erfuhren wir, dass die meisten in der kürzeren Schlange gar keine EU-Bürger seien und nur auf den Moment warteten, bis alle EU-Bürger abgefertigt seien und sie dann auch an der EU-Tür durchgelassen würden. Also haben wir uns auch „vorgedrängelt“.

Moderne Infrastruktur: Eine Ladesäule für Elektroautos an einer Straße in Lemberg.
Moderne Infrastruktur: Eine Ladesäule für Elektroautos an einer Straße in Lemberg. (Foto: Harry Schulz)

Das Kontrollhaus war genau auf die Staatsgrenze gebaut, sodass wir Polen betraten, nachdem wir die Tür durchschritten hatten. Das hat eventuell etwas mit Abschiebungen zu tun. Schon einige 100 Meter weiter auf polnischem Gebiet wäre diese nicht mehr so einfach durchzuführen.

Ein Hinweisschild für einen Luftschutzkeller in der Stadtmitte
Ein Hinweisschild für einen Luftschutzkeller in der Stadtmitte (Foto: Harry Schulz)

Als wir endlich dran waren mit der Kontrolle, waren wir aus mehreren Gründen erleichtert, unter anderem, weil ich mich wieder in der Landessprache verständigen konnte. Zu unserer Überraschung freute sich die Grenzbeamtin, mal wieder Deutsch reden zu können. Sie war in Hannover in den Kindergarten und in Karlsruhe zur Schule gegangen. Und für sie ist es wohl die absolute Ausnahme, dass sich mal ein paar Deutsche an diesen Fußgängerübergang in Ostpolen verirren. Wir sind jedenfalls selten so freundlich bei einer Einreise empfangen worden.

Mit öffentlichen Verkehrsmitteln aus dem Kriegsgebiet

Für die zwölf Kilometer vom polnischen Grenzort ins Stadtzentrum von Przemyśl, wo wir unser Auto geparkt hatten, nahmen wir den Stadtbus. Wie üblich warteten viele Lkw in einer Schlange vor der Grenze auf die Ausreise in die Ukraine. Diesmal waren es aber noch einmal mehr als bei meiner Reise wenige Monate zuvor. Die Schlange reichte bis Przemyśl. Jenseits von Przemyśl, als wir schon wieder mit dem eigenen Wagen unterwegs waren, setzte sich die Kolonne fort. In den Medien haben wir später etwas von 40 Kilometern Länge gelesen.

Wir erinnerten wir uns an eine Begegnung bei der Hinfahrt. Nach drei Stunden Fahrt waren wir irgendwo zwischen Stettin und Breslau in einen Stau geraten, weil die Autobahn wegen eines Unfalls für anderthalb Stunden gesperrt war. In der Umgebung unseres Autos entwickelte sich eine spontane Picknick-Atmosphäre. Der Fahrer eines polnischen Lastwagens lud uns zu Kaffee und Schokolade ein. Dabei erzählte er, dass die EU einige Vorschriften zum Schutz des EU-Binnenmarktes für die Ukraine zur Stabilisierung von deren Wirtschaft gelockert habe. Daher drängten jetzt die ukrainischen Spediteure auf den polnischen Markt und würden den Polen die Arbeit wegnehmen. Deshalb bestreiken die Polen die Grenzübergänge zur Ukraine.

Nun zurück nach Przemyśl: Unser Auto stand noch dort, wo wir es ein paar Tage vorher abgestellt hatten. Neben uns parkte inzwischen ein Stettiner. Er verfolgte offenbar die gleiche Strategie wie wir: mit eigenem Wagen bis an die Grenze und dann weiter mit öffentlichen Verkehrsmitteln ins Kriegsgebiet. Kurz vor Mitternacht kehrten wir wohlbehalten nach Neubrandenburg zurück.

Autor: Wolfgang Kresse

Weiterlesen: Den ersten Teil der Reportage lesen Sie hier.