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So ungewöhnlich ist die Geburtshilfe in Neustrelitz organisiert

Neustrelitz / Lesedauer: 3 min

Sah es vor einigen Jahren fast so aus, als müsse die Entbindungsstation in Neustrelitz schließen, steht die Abteilung nun auf sicheren Füßen ‐ mit einem neuen Konzept.
Veröffentlicht:07.11.2023, 06:21

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Paula-Katharina ist das erste Baby, das im hebammengeleiteten Kreißsaal in Neustrelitz entbunden wurde. Seit dem 1. November gibt es dieses besondere Angebot im DRK-Krankenhaus. Paulas Mama sagte sofort zu, als ihr der Vorschlag unterbreitet wurde, nur in Begleitung von Hebammen ihr Kind zur Welt zu bringen. Es ist ihr viertes. „Die Entscheidung war richtig, ich habe mich vom ersten Moment wohl und sicher gefühlt“, erzählt sie. Nicht die Ärzte, sondern die Hebammen leiten die Geburt. „Ich konnte mich besser fallen lassen und meine Wünsche äußern“, beschreibt sie. „Unter ärztlicher Leitung kommt es häufiger vor, dass Frauen nicht nach ihren Bedürfnissen entbinden, sondern nach den Vorgaben des Arztes oder der Ärztin. Mehr als nötig kommen Wehentropf, Medikamente oder die Saugglocke zum Einsatz“, sagt Dr. Ulf Göretzlehner, Chefarzt der Gynäkologie und Geburtshilfe am DRK-Krankenhaus.

Bereich wird immer größer

Ulf Göretzlehner trat 2019 seine Stelle in Neustrelitz an, dem Jahr, als das Aus für die Geburtshilfe in Neustrelitz drohte ‐ die Abteilung kurzzeitig wegen Personalmangels geschlossen werden musste. Unter seiner Leitung hat sich vieles verändert. Zum einen ging es darum, die Geburtshilfe am Standort Neustrelitz auf sichere Füße zu stellen. „Unser Einzugsradius wird immer größer. In Templin wurde die Geburtsklinik geschlossen. In Fürstenberg gibt es keine Gynäkologie mehr“, sagt der Chefarzt. Zum anderen musste sich auch an der Qualität der Geburtshilfe in Neustrelitz etwas verbessern. „Von Anfang an stand fest, dass wir einen hebammengeführten Kreißsaal aufbauen. Corona kam uns allerdings in die Quere“, sagt Ulf Göretzlehner. 

Zusatzausbildungen genossen

Die wichtigste Aufgabe bestand darin, ein ausreichend großes Team von Hebammen zusammenzustellen. Dass das gelang, ist zum einen Nikola Balke, der leitenden Hebammen, zu verdanken. "Aber ohne die volle Unterstützung durch das DRK, unseren Träger, wäre es auch nicht gegangen“, fügt sie hinzu. Zwölf Geburtshelferinnen und drei Hebammenstudentinnen stellen seit 1. November am Krankenhaus sicher, dass werdende Mütter und Kreißende kontinuierlich betreut werden können. Alle im Team haben in den vergangenen Monaten Zusatzausbildungen ‐ auch in ihrer Freizeit ‐ absolviert, um sich fit für den Hebammenkreißsaal zu machen.

„Ist ein Arzt immer in der Nähe“

Dieses Betreuungsmodell ersetzt nicht den üblichen ‐ ärztlich geleiteten ‐ Kreißsaal, sondern stellt eine Erweiterung des Angebotes der Klinik dar, betont Chefarzt Ulf Göretzlehner. In den Hebammenkreißsaal  dürfen ausnahmslos nur gesunde Schwangere zum Entbinden. „Falls es dennoch zu Komplikationen kommt, ist ein Arzt immer in der Nähe“, sagt der Frauenarzt. Wer in Neustrelitz entbindet, lernt seine Geburtshelferin nicht erst am Tag der Geburt kennen. „Wir betreuen die Frauen über einen langen Zeitraum. Sie kommen zu uns in die Schwangerschaftsberatung und wenn es gewünscht ist, geht die Betreuung bis zehn Monate nach der Entbindung“, sagt Nikola Balke.

In MV werden solche Kreißsäle nicht gefördert

Hebammengeführte Kreißsäle gibt es seit 2010 in Deutschland. In manchen Bundesländern werden sie finanziell gefördert. In Mecklenburg-Vorpommern ist das nicht der Fall. Während die Zahl der Geburten in den vergangenen Jahren relativ konstant blieb ‐ 2022 kamen in Neustrelitz 264 Kinder zur Welt, im Jahr davor waren es 271, ging sie in diesem Jahr deutlich zurück. „Deutschlandweit rechnet man mit 30 Prozent weniger Geburten, das zeichnet sich auch für unser Haus ab“, sagt Ulf Göretzlehner.