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Familiengeschichte

Brief zur Wahl 1930 zeigt verblüffende Parallelen zu heute

Mirow / Lesedauer: 2 min

Im August 1930 schreibt Fritz Reuther an seine Tochter, eine Erstwählerin, und warnt vor den radikalen Rändern der Demokratie, den "schädlichen" Kommunisten und Nationalsozialisten.
Veröffentlicht:10.02.2024, 12:12

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Die Mecklenburger und Vorpommern werden in diesem Jahr noch an die Wahlurnen gebeten. Im Juni steht eine Kommunal- und Europawahl an. Vor diesem Hintergrund hat sich eine Mirowerin an einen Brief aus ihrer Familiengeschichte aus dem Jahr 1930 erinnert. Manche der vor fast 100 Jahren geschriebenen Zeilen würde sie an die heutigen Diskussionen und Probleme erinnern. 

Brief trifft kurz vor Reichstag-Neuwahl ein

"Meine Mutter erlebte 1930 mit 21 Jahren ihre erste Wahl und hatte ihren Vater, meinen Großvater, um Rat gebeten", erzählt die Seniorin. Ihren Namen möchte sie nicht so gerne beim Nordkurier lesen. Dass die Namen ihrer Mutter und ihres Großvaters genannt werden, sei in Ordnung. Die Familie wohnte damals in Dresden. Mit den Worten "Liebe Ruth" richtet sich Fritz Reuther am 26. August 1930 an seine Tochter, um ihr zunächst zum Geburtstag zu gratulieren und um aus dem Urlaub aus Südtirol zu grüßen. Nur wenige Tage später, am 14. September, wird in Deutschland der Reichstag neu gewählt. 

Wichtige Mahnung

Den Großteil seines Briefes widmet Fritz Reuther schließlich der Anfrage seiner Tochter hinsichtlich eines politischen Rates. Allen voran stellt er: "Erstens, Wählen ist Pflicht, und wenn leider in bürgerlichen Kreisen vielfach die Meinung herrscht, daß es auf die eine Stimme nicht ankomme, so ist das der große Irrtum ..." Es sei das "vornehmste Recht" des Bürgers. Man könne nicht laut genug betonen, welche Errungenschaft das Wahlrecht, insbesondere auch für Frauen darstelle, sagt auch heute noch Reuthers Enkelin in Mirow.

Vorschriften, wo seine Tochter möglichst ihr Kreuz setzen soll, macht Reuther nicht. "Wen du wählst, das ist Sache für sich", schreibt er ihr, schränkt dann aber doch ein: Hauptsache, nicht marxistisch. Zudem warnt er später im Brief nochmals sowohl vor dem radikalen rechten als auch linken Rand. "Rein schädlich sind m. E. nur die Kommunisten und die Nationalsozialisten", schreibt er.

Damals gewannen die Sozialdemokraten

Es sei frappierend, dass sich Vieles aus den geschriebenen Zeilen ihres Großvaters auch auf die heutige Zeit und aktuelle Wahlen übertragen lasse, sagt die heutige Besitzerin des Briefes. Zudem würde sie sich manchmal wünschen, dass die Jugend so wie früher stärker und mehr den elterlichen Rat einhole. Dass die Jugend heutzutage politisch sehr aktiv ist, stellt sie dabei nicht in Abrede.  

Aus der Wahl von 1930 gingen die Sozialdemokraten zwar als stärkste Kraft hervor, sie verloren aber Stimmen. In den Folgejahren gab es im Reichstag keine parlamentarische Mehrheit mehr für eine arbeitsfähige Regierung. Den meisten Zuwachs an Stimmen verbuchten 1930 die Nationalsozialisten. 1933 kam es schließlich zur verhängnisvollen Machtergreifung Hitlers. Es folgte Krieg, Zerstörung und millionenfacher Mord durch die Nationalsozialisten.