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Aus Westpommern in die Seenplatte

Emotionale Erinnerungen an eine Kindheit im Krieg

Userin / Lesedauer: 4 min

Nach dem Bestseller „Flieg, Maikäfer, flieg“ erzählt die inzwischen 91-Jährige jetzt in „Flucht ist ein feiges Wort“ von den Kinder- und Jugendjahren 1944 bis 1950.
Veröffentlicht:17.08.2023, 18:10

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„Wer bin ich jetzt eigentlich?“ fragt sich die kaum 13-jährige Lala. Das tun wahrscheinlich viele Mädchen ihres Alters. Doch für Lala verbergen sich hinter dieser Frage nicht Teenager-Turbulenzen um Pubertät und Selbstfindung, sondern der Verlust all dessen, was ihr Leben bis dahin ausmachte. „Meine Welt war untergegangen, und eigentlich kannte ich nichts als diese verlorene Welt“, schreibt sie Jahrzehnte später in dem Buch „Flucht ist ein feiges Wort“, das überaus detail- und empfindungsreich ihre Kinder- und Jugendjahre 1944 bis 1950 schildert.

Ermutigt von Kindern und Enkeln

Aufgewachsen ist Werburg von Wedemeyer, wie das Mädchen mit dem melodischen Spitznamen richtig heißt, auf dem elterlichen Gut Pätzig in der damaligen Neumark, im heutigen Polen. Heute lebt Werburg Doerr – so ihr Name seit der Heirat mit dem Architekten Klaus Doerr – neben dem Hamburger Wohnsitz große Teile des Jahres in Userin. Das Dorf, in dem sie nach der Wende öfter Urlaub machte, ist zum zentralen Anlaufpunkt für die Familie geworden, und Werburg Doerr fühlt sich hier als geborenes Landkind wie einst zu Hause.

Hier hat sie auch zu schreiben begonnen; ermutigt von Kindern und Enkeln, die sich bei der Lektüre ihres ersten Buchs „Flieg, Maikäfer, flieg“ herzlich daran erfreuten, dass die Großmutter auch mal ein Kind gewesen war, das auch mal schwindelte und auch mal Unfug trieb. Der 2003 erschienene Bestseller ist für die mittlerweile 91-Jährige bis heute Zeugnis einer „bunten Welt“ – die von einem Moment zum nächsten in Scherben fiel, als das Herannahen der Front im Januar 1945 die Flucht unausweichlich machte.

Der pommersche Heimatort der Autorin auf einer Postkarte von 1938.
Der pommersche Heimatort der Autorin auf einer Postkarte von 1938. (Foto: Vergangenheitssverlag)

Alles verloren

„Der Krieg und unsere Kindheit gingen gerade verloren. Um den Krieg war es nicht schade“, merkt Werburg Doerr lapidar an. Umso einprägsamer schildert sie die Erlebnisse und Empfindungen des jungen Mädchens, das die Herausforderungen des Erwachsenwerdens unter denkbar schwierigen Umständen meistern musste. Denn verloren war neben Wohlstand und Geborgenheit vor allem auch die Rolle und Aufgabe im Leben, als die Familie bei Verwandten in Westfalen Zuflucht fand. Die Identität „Flüchtlingskind“ bedeutete immerhin etwas, dem sich die 13-Jährige zugehörig fühlen konnte.

„Unterordnungsunwillig“ und doch verständnisvoll

Auch mit den Prägungen einer auf preußische Disziplin und Härte gegen sich selbst sowie christlichen Glauben ausgerichteten Erziehung setzt sich die Autorin auseinander. Ebenso mit der Selbstwahrnehmung als „unterordnungsunwillig“ – die sie wiederum nicht daran hindert, stets das Verhalten anderer Menschen einfühlsam aus deren jeweiliger Situation heraus zu erklären und nicht zu verurteilen.

Nach Lyzeum und Internatsschule, einem sogenannten Haushaltsjahr bei Verwandten sowie der bestandenen Landarbeitsprüfung erfüllte sich ihre Sehnsucht „nach einem Leben frei von der erdrückenden Last der persönlichen und ererbten Schuld“ mit der Möglichkeit, 1950 zur älteren Schwester in die USA zu reisen, um deren Familie zu unterstützen. Im fernen freien Land studierte sie Soziologie und Psychologie, kehrte dann 1953 nach Deutschland zurück und absolvierte eine Ausbildung zur Gefährdetenfürsorgerin.

Flucht ist ein feiges Wort – Buchcover.
Flucht ist ein feiges Wort – Buchcover. (Foto: Vergangenheitsverlag)

„Nimm dich nicht so wichtig“

1956 heiratete sie den Architekten Klaus Doerr, betätigte sich später – inzwischen Mutter von sechs Kindern – als Restauratorin und Malerin. Nach dem Tod ihres Mannes 1991 entdeckte sie schließlich das Schreiben für sich. Übrigens nicht ohne zu hadern, ob nicht „der schwarze Rabe meiner preußischen Erziehung, der auf meiner Schulter saß“, Recht habe mit der Mahnung „Nimm dich nicht so wichtig“; oder ob es gerade richtig sei, Einblick in ihr Leben und Fühlen zu geben, „um Verständnis für einen kleinen Teil menschlichen Lebens zu öffnen, der sich wiederholen kann“.

Vielleicht habe jene Generation gerade und nur durch die Haltung, sich selbst nicht so wichtig zu nehmen, solch harte Zeiten durchstehen können, mutmaßt Werburg Doerrs Tochter Anne von Moltke. Die gelernte Lektorin hatte die Mutter bereits beim ersten Buch unterstützt und fungiert nun bei „Flucht ist ein feiges Wort“ als Herausgeberin. Besonders beeindruckt sie dabei die äußerst emotionale Auseinandersetzung mit dem Verlust von Heimat und Identität. Sich selbst zu hinterfragen, Dinge anders zu denken und sich auch mal zu einer veränderten Sicht zu bekennen, zeichne ihre Mutter bis heute aus.

Lesung in Neustrelitz

Ob es ein weiteres Buch über ihren Lebensweg ab 1950 geben wird, lässt die 91-Jährige vorerst offen – vielleicht erst mal für „Flucht ist ein feiges Wort“ ein Nachwort, das einen Ausblick gibt. Am 19. Oktober jedenfalls wird die Autorin zu einer Lesung im Kulturquartier Neustrelitz erwartet.