Solarenergie

Kaum Interesse an Balkonkraftwerken – woran liegt's?

Neustrelitz / Lesedauer: 4 min

Klimaschutzminister Till Backhaus kritisiert die Vermieter. Sie würden pauschal Balkonkraftwerke verweigern. Kommunale Wohnungsunternehmen weisen das empört zurück.
Veröffentlicht:27.01.2023, 19:30

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Energie für den Eigenbedarf mit so genannten Balkonkraftwerken zu erzeugen, wird zwar vom Land bis zu 50 Prozent gefördert, das Angebot trifft aber offenbar nicht auf die gewünschte Resonanz. So merkte Klimaschutzminister Till Backhaus jetzt im Landtag an, dass Vermieter und Vermieterinnen zu oft ihr Einverständnis für die Installation solcher Photovoltaik-Anlagen verweigerten. Sie sollten endlich ihren Widerstand aufgeben und die Energiewende an der Hausfassade ermöglichen, heißt es in einer Pressemitteilung des Ministeriums.

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Pauschale Ablehnungen von den Vermietern dürften kein Hinderungsgrund sein, sich eine geförderte PV-Anlage anzuschaffen, schimpfteBackhaus: „Wir haben das Förderpro­gramm aufgelegt, um gerade Mieterinnen und Mieter zu unterstützen und sofern nicht schwerwiegende Gründe gegen die Installation sprechen, erwarte ich auch von den Vermieterinnen und Vermietern aktive Kooperation.”

Wohnungsgesellschaft: "Niemand hat einen Antrag gestellt"

Bei den Neustrelitzer Wohnungsunternehmen trifft die Minister-Schelte auf Verwunderung. „Wir verweigern niemandem pauschal, eine Photovoltaik-Anlage auf seinem Balkon zu errichten. Aber bisher hat niemand bei uns einen Antrag gestellt”, sagt beispielsweise Uwe Engelmann, Geschäftsführer der Neustrelitzer Wohnungsgesellschaft. Das kommunale Wohnungsunternehmen hat mehr als 3000 Wohnungen im Bestand.

Seit Bekanntwerden des Förderprogramms im November 2022 habe es gerade mal drei Anfragen von Mietern gegeben. „Jeder, der sich mit dem Thema Balkonkraftwerk beschäftigt, merkt schnell, dass es da ganz andere Hürden als den Vermieter gibt”, sagt Engelmann. Die Liste der Vorgaben, – „die nicht wir gemacht haben” -, ist dermaßen lang, dass man schnell Abstand nimmt. „Viele kommen offenbar zu dem Schluss, dass sich der Aufwand nicht lohnt, selbst mit der Förderung”, sagt Engelmann.

Genossenschaft: "Wir sträuben uns nicht"

Gleichlautende Aussagen kommen von den beiden Wohnungsbaugenossenschaften der Stadt. „Wir sträuben uns nicht und unterstützen jegliche Initiative in Richtung Energiewende”, sagt etwa Frank Weißbach vom Vorstand der ältesten Neustrelitzer Wohnungsbaugenossenschaft – der Gemeinnützigen Wohnungsbaugenossenschaft (GWG). Bisher habe jedoch keines der 600 Mitglieder angefragt, um ein Balkonkraftwerk zu errichten.

Bei der Moderne Wohnungsbaugenossenschaft (MWG), mit 1620 Mitgliedern und 1340 Wohnungen die größte Wohnungsgenossenschaft in der Stadt, sieht es ähnlich aus. Bereits im November wurden die Genossenschaftsmitglieder informiert, was Vermieter bei der Genehmigung alles beachten müssen. Die Liste ist lang und reicht von der Veränderung der Fassadenansicht, über zusätzlichen Versicherungsschutz bis hin zu Fragen des Brandschutzes.

Das Problem beginnt schon bei der Steckdose

Viele Balkone verfügten über keine Außensteckdose, die müssten zusätzlich installiert werden. Dass nicht nur aus Sicht der Vermieter die Nachteile überwiegen, zeige sich in der geringen Nachfrage. „Wir hatten gerade mal eine”, sagt Dirk Walde vom MWG-Vorstand. Wer die Anschaffungskosten gegen die Energie-, Co2- und Kosteneinsparungen aufrechnet, merkt schnell, dass sich die Anschaffung eines Balkonkraftwerks unterm Strich nicht rechnet.

Um den Wunsch der Mieter nach bezahlbarer und umweltverträglicher Energie aufzugreifen und zu unterstützen, prüfe die MWG gemeinsam mit den Stadtwerken Neustrelitz die Möglichkeit, noch mehr Solaranlage auf die Dächer ihrer Häuser zu bringen. „Das ist für uns der richtige Weg und nicht das Kleine-Klein von Balkonkraftwerken”, sagt Dirk Walde. 30 Dachflächen würden aktuell auf ihre Eignung geprüft.

„Die Stadtwerke würden die Solaranlagen errichten und betreiben. Die Genossenschaft bekommt eine Vergütung”, sagt Dirk Walde. Es werde auch darüber nachgedacht, Pufferspeicher für die gewonnene Solarenergie anzuschaffen, damit sie direkt den Mietern zur Verfügung gestellt wird und nicht ins allgemeine Stromnetz eingespeist werden muss. „Aber diese Speicher sind aktuell noch recht kostenintensiv”, sagt Walde.

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Sowohl MWG als auch die Neuwo haben bereits Erfahrung mit Photovoltaik-Anlagen. Die MWG hat seit Jahren auf neun Dächern Anlagen der Stadtwerke zu laufen, die Neuwo auf sieben Dächern. „Von unseren Dächern werden 164.000 Kilowattstunden ins Stromnetz eingespeist und das jährlich seit 2007”, sagt Uwe Engelmann von der Neuwo. Auch das kommunale Wohnungsunternehmen lässt untersuchen, auf welche Dächer weitere Anlage gesetzt werden können.