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Justiz

„Was ist mit den Kindern heute los?“

Neubrandenburg/Neustrelitz / Lesedauer: 4 min

Es gebe heutzutage eine geringe Hemmschwelle bei Jugendlichen, warnte die Richterin im Zusammenhang mit dem Urteil gegen einen 18-Jährigen, der am Donnerstag verurteilt worden war.
Veröffentlicht:02.12.2023, 10:00

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Am Ende des Neustrelitzer Messerstecher-Prozesses machte sich Richterin Daniela Lieschke ordentlich Luft: „Was ist mit den Kindern heute los?“, fragte die Richterin laut in den Saal des Landgerichtes Neubrandenburg hinein. Es gebe derzeit eine enorm geringe Hemmschwelle bei Jugendlichen, wie wohl nicht nur dieser Fall zeigt.

Die schwere Verletzung des Opfers der Messerattacke war anhand großer Blutlachen eindeutig zu erkennen.
Die schwere Verletzung des Opfers der Messerattacke war anhand großer Blutlachen eindeutig zu erkennen. (Foto: Felix Gadewolz/NK-Archiv)

Kurz zuvor hatte Verteidiger Guido Pauly noch eine Freiheitsstrafe zwischen drei und sechs Jahren wegen versuchten Totschlags für seinen 18-jährigen Mandanten verlangt. Der junge Mann, der in Neustrelitz in einer betreuten Wohnanlage lebte, habe „einen ausgesprochenen Gerechtigkeitssinn“ und brauche auch eine Perspektive. Doch die Richterin reagiert mit wenig Verständnis: Man könne solche Delikte wie diese Messerattacke nicht mit - in den Augen der Bevölkerung - „Pille-Palle-Strafen“ ahnden. Das würde niemand verstehen.

Erst abgehangen, dann abgestochen

Die ganz praktischen Folgen hatte die konsequente Richterin zu der Urteilsverkündung genannt: Der Angeklagte wurde wegen versuchten Mordes und gefährlicher Körperverletzung zu sieben Jahren Freiheitsstrafe verurteilt. Der blutige Vorfall hatte sich am 23. Juni 2023 - einem Freitag - abends im Bahnhofstunnel von Neustrelitz ereignet. Die vermutlich drei Angreifer und das Opfer hatten sich vorher mit anderen am Glambecker See getroffen. Dort soll Alkohol geflossen sein, man habe „abgehangen“ und es sei zu einer „Anmache“ gegen Mädchen gekommen, so hieß es von den ursprünglich zwei Angeklagten - aber ohne konkreter zu werden.

Dafür wurden im Prozess aber gar keine Indizien gefunden. Eine ganze Reihe von Mädchen, die damals am Glambecker See dabei waren, konnten nur berichten, dass sich das spätere Opfer einmal auf eine Bank setzen wollte, auf der schon drei Mädchen saßen. Als diese das ablehnten, sei er weiter gegangen, sagte der 17-Jährige selbst als Zeuge. Später habe er gehört, dass irgendjemand „deswegen Stress machen wollte.“ Ihm sei aber von mehreren Leuten gesagt worden, dass der Fall wieder erledigt war.

Trotzdem wollte der 17-Jährige lieber wieder nach Hause - und ging allein zum Bahnhof. Die beiden Bekannten gingen nicht mit, sondern angetrunken zu dem Zimmer des späteren Täters. Von dort soll dieser ein Messer mitgenommen und mehrfach gesagt haben, dass der 17-Jährige noch „eine auf die Fresse haben soll“.

"Lehrbuchbeispiel für Heimtücke"

Der spätere Geschädigte war da schon am Bahnhof und hatte er Kopfhörer in den Ohren. Er schaute sich um, als er durch den Bahnhofstunnel ging. „Da kamen ein paar Jugendliche, die ihre Schals hochgezogen hatten, aber ich hatte nicht erwartet, dass diese etwas von mir wollten“, sagte er im Prozess. „Das war das klassische Lehrbuchbeispiel für eine heimtückische Tat“, schätzte Richterin Lieschke das weitere Geschehen ein. Heimtücke gilt in der Rechtsprechung als ein Mord-Merkmal.

Der 18-Jährige hatte im Prozess bereits gestanden, den Geschädigten damals mit Schlägen angegriffen zu haben. Es folgten aber mindestens fünf Stiche in Brust, Oberarm und Rücken. Sogar als das Opfer schon am Boden lag, soll noch zugestochen worden sein. Der Täter äußerte sich in seinem Geständnis aber gar nicht zu den Stichen. Auch sein ebenfalls angeklagter Bekannter, ein deutlich größerer 17-jähriger Ukrainer, will nicht mal ein Messer gesehen haben.

Beide ließen den Schwerverletzten im Tunnel liegen, flüchteten daraufhin und sollen sich am Glambecker See später sogar noch damit gebrüstet haben, dem Neubrandenburger eine Lektion erteilt zu haben. Ein dritter Beteiligter soll noch das Handy des Opfers gestohlen haben.

Opfer bekam keine Erklärung

Das Opfer erlitt damals mehrere Stiche in Brust, Arm und Oberkörper, war lebensgefährlich verletzt und wäre ohne schnelle Hilfe von mehreren Frauen, die zufällig auf dem Bahnsteig waren, und der alarmierten Retter noch auf dem Bahnsteig verblutet. Er überlebte nur dank mehrerer Notoperationen. „Jedes Kind weiß, wo das Herz ist und dass Messerstiche in die Brust lebensgefährlich sind“, sagte Lieschke in der Urteilsbegründung.

„Ich habe bis heute keine Erklärung, wie es dazu kommen konnte“, sagte der Geschädigte im Prozess. Diese Erklärung bekam er auch nicht. Insgesamt habe er die Verletzungen aber gut verkraftet. Anfangs habe er nicht wieder Zug fahren wollen, das habe sich aber gegeben. Manchmal habe er noch ein Taubheitsgefühl im Arm.

Richterin kennt den Tatort gut

Das Verfahren gegen einen mitangeklagten jungen Mann aus der Ukraine wurde eingestellt. Dieser hatte erklärt, dass er mitgegangen war, um Schlimmeres zu verhindern. Was aber nicht klappte. Da der junge Ukrainer bereits fünf Monate in U-Haft saß, sei der Vorfall gesühnt, hieß es im Prozess. Eine Haft-Entschädigung bekomme er nicht. 

Es war ein nichtiger Anlass und es war Selbstjustiz, kritisierte Lieschke. Das könne die Justiz nicht dulden. Dazu kam, dass Lieschke als Bahnreisende auch den Tatort, den Bahnhofstunnel in Neustreliitz, selbst gut kennt. Mit ihrem Urteil ging die Kammer noch ein Jahr über die Forderung der Staatsanwältin hinaus.

Die Strafe ist noch nicht rechtskräftig. Verteidiger Pauly und sein 18-jähriger Mandant, dem von der Gefängnisleitung und der Jugendhilfe eine gute Führung bescheinigt wurde, haben bis 7. Dezember Zeit, Rechtsmittel einzulegen. Der Haftbefehl blieb bestehen.