StartseiteRegionalNeustrelitzWie das Corona–Stück „Über Menschen“ sein Publikum mitnimmt

Theater–Premiere

Wie das Corona–Stück „Über Menschen“ sein Publikum mitnimmt

Neustrelitz / Lesedauer: 5 min

Es ist der wohl erste große Roman, der die Konflikte der Pandemie in Deutschland thematisiert. Die Geschichte von Juli Zeh ist nun als Drama in Neustrelitz zu erleben. 
Veröffentlicht:19.02.2023, 19:57

Von:
Artikel teilen:

Erst A wie ausverkauft, dann B wie Bravo–Rufe: Zum furiosen Erfolg geriet die Premiere „Über Menschen“ am Landestheater Neustrelitz. Das Stück nach dem Roman von Juli Zeh beeindruckt mit Zeitgemäßem, Hintergründigen und, nicht zu vergessen, Unterhaltsamem.

Aus dem Archiv: Von Unterleuten nach Bracken – Der neue Roman von Juli Zeh

Ist Aussöhnung überhaupt noch möglich?

Gibt es den unüberwindbaren Graben in der Gesellschaft? Die Linke und die Rechten, die nichts mehr miteinander zu tun haben wollen? Ist ein Diskurs, eine Aussöhnung der Gesellschaft noch möglich, oder sind diese Zeiten vergangen? Juli Zehs „Über Menschen“ behandelt genau diese politisch hochbrisanten Themen der Zeit. Im Landestheater Neustrelitz schaffte es Regisseurin Tatjana Rese nun, den ersten wirklichen Corona–Roman, eine Stück Zeitgeschichte, in einer wunderbaren Inszenierung so wirken zu lassen, als sei dieser für die Bühne geschrieben. 

Rassistische Witze und schwule AfD–Wähler

Dora, die Hauptfigur, ist eine Werbetexterin aus Berlin. Ihr Vater Chefarzt, ihr Freund Öko–Aktivist und Corona–Fanatiker. Einen Ausweg aus dem Corona–Alptraum mit ihrem Freund Robert sieht die 36–Jährige nur auf dem Land. Geflohen aus der links–grünen Blase in Berlin Kreuzberg, bezieht sie ihr neues Haus im brandenburgischen Bracken. Nur ihre Hündin Jochen nimmt sie mit. 

Tipps aus der Region: Die beliebtesten Bücher an der Seenplatte und in Vorpommern

Das Leben in Bracken stellt sich als ernüchternd heraus. Nachbarn, die rassistische Witze machen, ein schwules Paar, das die AfD wählt, und ein Nachbar, der sich ihr direkt als „Gote, der Dorf–Nazi“ vorstellt. Doch bald wird klar: Die Menschen im Dorf sind vielleicht gar nicht so schlimm, wie Dora denkt, oder zumindest, wie sie sich zu denken zwingt. Es entwickelt sich ein innerer Kampf zwischen Vorurteilen, eigenen Grenzen und Sympathien. Dargestellt wird diese innere Zerrissenheit Doras von gleich zwei Schauspielerinnen, die perfekt harmonieren. Abwechselnd nehmen sie die erzählende und die sprechende Rolle ein. Manchmal ergänzend, manchmal zweigespalten. 

Spiel mit den Klischees

Ganz zu schweigen von der beeindruckend gespielten Handlung, trugen die Kostüme sowie das Bühnenbild zur erfolgreichen Theater–Premiere bei. Zum Einen schafften es die Verantwortlichen, das „ausgeflippte Großstadtmädchen“ schlicht und einfach zu kleiden: Eine grüne Bluse und eine gewöhnliche schwarze Jeans sowie ein unauffällig schwarzes Paar Schuhe reichten aus, um Dora authentisch wirken zu lassen, fernab von den Vorstellungen des Aussehens einer jungen Frau, die in der Großstadt lebt.

Anders war es mit den Dorfbewohnern. Dort gab es Klischees durchweg, sogar amerikanisch angehaucht. Herausgestochen ist vor allem „Dorf–Nazi“ Gote, der mit seiner von einem cowboy-ähnlichen Hut bedeckten Glatze, mehreren Tattoos an Hals und Armen sowie Westernstiefeln und einer einfachen Jeans wohl so manche Klischee–Vorstellung von einem ländlichen Einwohner erfüllte. Doch Klischee hin oder her. Das Publikum wusste eindeutig, was sowohl Dora, Gote und alle anderen Rollen verkörpern. Die Kostüme halfen, es nachzuvollziehen.

Damit diese auch am „passenden Ort“ zur Geltung kommen konnten, brauchte es die richtige Location. Und wie lässt sich ein typisches Dorf — wie Bracken es ist — besser darstellen als mit einem alten, rostigen VW–Käfer an der Straßenecke, der vermutlich auch nach 50 Jahren noch schnurrt wie ein Kätzchen? 

Dorffest ist beinahe zu riechen

Im Hintergrund zeigte eine Leinwand laue Sommernächte mit Dämmerung und Sternenhimmel als auch wogende Felder. Wer aus dem Publikum selbst vom Dorf kam, hatte bestimmt Gerüche aus Sommernächten auf dem Land in der Nase. Dazu gehören auch der Geruch von Lagerfeuer, Bratwurst und Bier sowie laute Musik, die über alle Felder hallt. Dora, Gote und alle anderen tanzten, aßen und lachten in einer dorffest–artigen Kulisse. Der leere Bierkasten konnte als Stuhl genutzt werden, Ketchup, Senf, Salate standen auf dem alten, weißen Plastiktisch bereit für die verkohlten, in Bier getränkten Bratwürste. Über dem feiernden Dorfvolk hing eine bunte Lichterkette mit Lampions — besser kann sich das Publikum ein Dorffest nicht vorstellen. Und die, die es nicht kennen, haben sicher Lust drauf bekommen.

Die Inszenierung verwendet sowohl Musik als auch Videosequenzen, um die Aussage des Werkes zu verdeutlichen und Szenen abzurunden. So wird etwa das Horst-Wessel-Lied von Personen gesungen, die dem rechtsextremen Spektrum zuzuordnen sind.  Instrumentale, teils monotone Musik unterstreicht Anspannung zwischen den Charakteren. Ländliche Klänge sorgen für eine dörfliche Atmosphäre, Video-Chats geben Gespräche zwischen Berlin und Bracken wieder, Tänze verdeutlichen das Gemeinschaftsgefühl der handelnden Figuren.

Weitere Vorstellungen im März und April

So wird das Dorf zur Projektionsfläche für die Konflikte unserer Zeit: zwischen Stadt und Land, zwischen klaren Vorstellungen von Richtig und Falsch und dem wahren Leben, das so schwarz–weiß eben nicht ist. Die Western–Anspielungen machen es zum Wilden Osten, dessen Charaktere die Zuzüglerin permanent in Erstaunen, oft gar Fassungslosigkeit versetzen — vor allem in der widersprüchlichen Figur Gote, zwischen Nazi–Sprüchen und geradezu übergriffiger Nachbarschaftshilfe.

Bis zur Selbstentlarvung werden Klischees überzeichnet und zugleich gebrochen, in einer gelungenen Balance von Drama und Verspieltheit. Eindrucksvoll kratzt das Stück an gar zu klaren Weltbildern. Es postuliert keine Antworten; es erzählt über Menschen — nicht „Übermenschen“! Und es lädt ein zum Fragen, Zweifeln, Mitreden — bei Publikumsgesprächen, die nach den weiteren Vorstellungen am 4., 10. und 26. März sowie 1. und 30. April angeboten werden.