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Kundgebung

Darum hätte die Polizei fast Pasewalks Demo verpasst

Pasewalk / Lesedauer: 5 min

Wie immer wollten Polizisten auch am Montag schon vor Beginn der Kundgebung auf dem Pasewalker Marktplatz erscheinen. Doch da kam gewaltig was dazwischen. Die Demo gegen Hass und Hetze endete fast im Chaos. 
Veröffentlicht:06.02.2024, 18:00

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Die Demo für Weltoffenheit und Toleranz am Montagabend in Pasewalk, bei der es zu Störungen, mutmaßlichem Raub, Körperverletzung und einer Anzeige wegen Volksverhetzung kam, hätte wohl beinahe ohne Polizei stattgefunden. Erst, nachdem die Veranstaltung schon rund zehn Minuten im Gange war, sich die Stimmung durch Rufe und Pfiffe zunehmend aufheizte und eine Frau auf die Bühne gestürmt war und das Mikro an sich gerissen hatte, kamen drei Polizisten aus der wenige Meter entfernten Polizeistation auf den Markt - und auch nur, weil ein Ordner sie geholt hatte.

"Etwas dazwischen gekommen"

Polizeisprecher Andrej Krosse erklärte dem Nordkurier, wie das passieren konnte. Zunächst einmal sei die Versammlung ordnungsgemäß beim Landkreis Vorpommern-Greifswald angemeldet worden. „Unmittelbar danach wurde von der Polizei im Rahmen der Einsatzvorbereitung eine Einschätzung der Lage vorgenommen, weshalb unter anderem Kräfte für Montag vorgeplant wurden und zum Einsatz kamen“, informierte der Polizeisprecher.
Wie bei allen Demos wollten die Polizisten schon vor Beginn zum Markt gehen. „Hier sollte mit der Versammlungsleitung Kontakt aufgenommen und, wie üblich, ein Kooperationsgespräch durchgeführt werden." Doch da sei etwas dazwischen gekommen.

Bürger lenkt Polizisten wohl ab

Kurz bevor die Polizisten losgehen konnten, sei nämlich ein Bürger in die Wache gekommen und habe sie mit einem Anliegen aufgehalten. Daher sei die Abstimmung mit dem Versammlungsleiter telefonisch erfolgt. Dennoch verpassten sie den Beginn der Veranstaltung, weil die Person sie weiter beschäftigte.

„Dies hätte so nicht passieren dürfen“, betonte der Polizeisprecher. Kurz darauf seien drei Einsatzkräfte in der Wache von einem Ordner angesprochen worden und daraufhin zum Markt gegangen. Später kamen drei weitere hinzu. „Im Rahmen der Einsatznachbereitung, die derzeit noch andauert, werden die Ereignisse im Zusammenhang mit der gestrigen Versammlung intern kritisch ausgewertet. Es ist jedoch bereits mit den vorliegenden Informationen festzustellen, dass mehr Polizeikräfte hätten zum Einsatz gebracht werden müssen.“

Störer traten auf

Eigentlich hatte es eine friedliche Demonstration für Vielfalt, Toleranz, Demokratie und Weltoffenheit und gegen Hass und Hetze mit rund 150 Teilnehmern werden sollen. Einige Gruppen von Störern versuchten jedoch, genau das zu verhindern.

Wobei sich die Redner von teilweise lautstarken Zwischenrufen und Pfiffen nicht beirren ließen. Sie bekamen Applaus. Am Tag danach zeigte sich Mitorganisatorin Kerstin Seeger verärgert über die Geschehnisse. "Wir müssen ja auch die Demonstrationen der anderen und die Verkehrseinschränkungen durch Autokorsos hinnehmen. Dass wir nicht ungestört auf dem Marktplatz - wo wir niemanden behindern - demonstrieren dürfen, zeigt doch, dass es wichtig ist. Das war nicht in Ordnung." Es werde auf jeden Fall weitere Aktionen geben.

"Lassen uns nicht einschüchtern"

Mehrere der Redner lobten, dass endlich einmal für etwas demonstriert werde und nicht nur gegen etwas. "Wir demonstrieren für die Region und die Menschen darin sowie auch für die Abgehängten dieser Region. Natürlich engagieren wir uns gegen rechts und wir lassen uns nicht einschüchtern, nur weil auf der Demo ein paar Störer waren", betonte Kerstin Seeger.

Mitorganisatorin Kerstin Seeger vom Bündnis "Vorpommern: weltoffen, demokratisch, bunt" spricht auf der Kundgebung.
Mitorganisatorin Kerstin Seeger vom Bündnis "Vorpommern: weltoffen, demokratisch, bunt" spricht auf der Kundgebung. (Foto: Mathias Scherfling)

"Hass ist keine Meinung"

Bettina Martin (SPD), Ministerin für Bundes- und Europaangelegenheiten des Landes Mecklenburg-Vorpommern, freute sich über die Anwesenden. "Toll, dass sie da sind, um gemeinsam ein Zeichen gegen rechts, ein Zeichen gegen Hass und Fremdenfeindlichkeit und vor allem für Demokratie und ein friedliches Miteinander zu setzen. Wir wollen nicht in einem Staat leben, in dem Hass und Hetze regieren. Wir wollen friedlich zusammenleben. Da ist es egal, von welcher Partei, welcher Hautfarbe oder welches Geschlechts man ist, wir wollen in einer offenen, toleranten Gesellschaft leben." Demokratie passiere nicht einfach, man müsse sich dafür einsetzen. "Hass ist keine Meinung."

Nach diesem Redebeitrag drängte sich ungebeten die Frau ans Mikrofon, die ihre Meinung kundtun wollte. Unter anderem seien Ungeimpfte, Verbrennerfahrer und Menschen, die mit Öl und Gas heizen, rechts. Als sie von der Versammlungsleitung der Tribüne verwiesen wurde, eskalierte die Situation erstmals. Am Rande merkte ein Ordner an: "Da frage ich mich, wo die Polizei ist. Genau für solche Situation wird sie gebraucht." Danach machte er sich auf den Weg zum nahen Revier, um die Beamten zu holen.

Pastor Johannes Grashof spricht auf der Kundgebung.
Pastor Johannes Grashof spricht auf der Kundgebung. (Foto: Mathias Scherfling)

"Es reicht", eröffnete Pastor Johannes Grashof seinen Beitrag. "Wo endet die Toleranz einer offenen, freiheitlich-demokratischen Gesellschaft? Doch genau da, wo ihre Offenheit nicht gewollt ist und wo ihre Freiheit nur noch für bestimmte Menschengruppen gelten soll." Viel zu lange habe man zugeschaut. "Und weil wir sie still haben gewähren lassen, sind die dem Wahn erlegen, sie seien das Volk oder dessen legitime Stimme. Es wird Zeit, sie von ihrer Wahrnehmungsstörung zu befreien. Denn es reicht." 

"Wieder mehr Respekt erzeugen"

Emanuel Reim vom Bauernverband Uecker-Randow sagte: "Es muss uns gemeinsam gelingen, wieder mehr Respekt, Wertschätzung und Miteinander füreinander zu erzeugen. Dann sind wir auch in der Lage, viele Probleme in der Zukunft zu lösen". Die Solidarität gegenüber den Landwirten sei ein schönes Beispiel. 

Ein Polizist spricht mit einem Beteiligten, der versucht hatte, die Kundgebung mit seiner Trillerpfeife zu behindern.
Ein Polizist spricht mit einem Beteiligten, der versucht hatte, die Kundgebung mit seiner Trillerpfeife zu behindern. (Foto: Mathias Scherfling)

Die Veranstaltung wurde von mehreren kleinen Gruppen mit Störern begleitet, die versuchten, sich lautstark Gehör zu verschaffen. Doch die sechs Polizisten konnten dem Pfeifen und Rufen kein Ende setzen.

Mehrere Personen störten die Kundgebung, teilte die Polizei im Anschluss zusammenfassend mit. Einer habe die Parole „Deutschland den Deutschen, Ausländer raus“ gerufen. Die Polizisten hätten den 35-Jährigen aus der Region aufs Revier gebracht, dort seine Identität festgestellt und Anzeige wegen Volksverhetzung erstattet.

Zu Boden gestoßen

Nach der Versammlung habe sich ein weiterer Zwischenfall ereignet. Demnach habe ein Unbekannter einem Demo-Teilnehmer eine Fahne der Partei Die Linke aus der Hand gerissen und sei geflüchtet. Als der Fahnenbesitzer den Störer verfolgen wollte, habe ihn jemand zu Boden gestoßen. Beim Sturz habe er sich leichte Verletzungen zugezogen. "Gegen die unbekannten Täter wurde
Strafanzeige wegen Raubes erstattet", teilte die Polizei mit und bat Zeugen, sich im Polizeihauptrevier Pasewalk unter der Telefonnummer 03973 2200, in jeder anderen Polizeidienststelle oder über die Internetwache der Polizei zu melden.

Die Teilnehmer der Kundgebung hatten verschiedene Parolen auf bunten Schildern mitgebracht.
Die Teilnehmer der Kundgebung hatten verschiedene Parolen auf bunten Schildern mitgebracht. (Foto: Mathias Scherfling)