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Ruhestand

„Die Betreuung in der DDR war nicht schlechter“

Ferdinandshof / Lesedauer: 5 min

Einst war er der jüngste Amtsleiter im früheren Landkreis Pasewalk. Nun geht Jugendamtsleiter Gerd Hamm als ältester Behördenchef nach 43 Jahren in den Ruhestand.
Veröffentlicht:08.12.2023, 17:32

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Als Gerd Hamm als sogenannter Jugendfürsorger seinen Job im Öffentlichen Dienst des damaligen DDR-Landkreises Pasewalk antrat, war sein heutiger Chef, Landrat Michael Sack (CDU), noch ein siebenjähriger Schuljunge. Seitdem sind für Hamm sage und schreibe 43 Dienstjahre in den Bereichen Jugend und Soziales vergangen. Der Mann, der 1980 im Referat Jugendhilfe anfing und 1990 im Alter von nur 30 Jahren als jüngster Amtsleiter hierzulande ernannt wurde, verließ vor wenigen Tagen als dienstältester Behördenchef die Kreisverwaltung Vorpommern-Greifswald.

Lehrerstudium in Brandenburg

Gerd sei ein Verwaltungs-Urgestein, das wirklich alle Entwicklungen mitgemacht habe, sagt Sack. „Für mich ist er ein echter Freund geworden - unglaublich engagiert, loyal, mitunter kritisch, aber immer fair.“

So viel Lob vom Chef ist Gerd Hamm (CDU) eher peinlich. Bescheiden winkt der in Vorpommern gut vernetzte 63-Jährige ab. Wichtig sei ihm immer gewesen, etwas geschafft zu haben. Und das hat er reichlich.

Mitte 1960 in der kleinen Siedlung Wietstock südlich von Anklam geboren, ging er zunächst im knapp zehn Kilometer entfernten Meiersberg zur Schule, später in Ferdinandshof. Der Vater war Maurer, die Mutter sehr früh verstorben. „Verwaltung war anfangs gar nicht so mein Ding“, erinnert sich Hamm. „Ich wollte unbedingt Lehrer werden.“ Wurde er auch. Nach der 10. Klasse trat er im Brandenburgischen ein Studium als Grundschullehrer an - Fachbereich Werken, Mathematik und Deutsch.

Betreuung in der DDR war nicht schlechter

Einige Jahre lehrte Hamm dann an den Pasewalker Oststadtschulen, ehe ihn das Referat Jugendhilfe im Bereich Volksbildung im Landkreis Pasewalk als Jugendfürsorger zu sich holte. Zuvor hatte Hamm noch eine Ausbildung am Institut für Jugendhilfe in Falkensee bei Berlin absolviert. Als ausgebildeter Lehrer habe er sich gut in die neue Funktion einarbeiten können, erinnert sich Hamm. Fortan hatte er sich um schwierige Probleme wie Familienbetreuung, Adoptionen oder die Betreuung kriminell gewordener Jugendlicher zu kümmern.

Ein Bild aus dem Jahr 2003: Da war Gerd Hamm im damaligen Kreis Uecker-Randow Amtsleiter für Jugend, Kultur und Bildung und hatte gerade einen Freundschaftsvertrag zwischen Pasewalk und Bialy Bor (Baldenburg) in der polnischen Woidwodschaft Westpommern eingefädelt.
Ein Bild aus dem Jahr 2003: Da war Gerd Hamm im damaligen Kreis Uecker-Randow Amtsleiter für Jugend, Kultur und Bildung und hatte gerade einen Freundschaftsvertrag zwischen Pasewalk und Bialy Bor (Baldenburg) in der polnischen Woidwodschaft Westpommern eingefädelt. (Foto: Privat)

Fortbildung war für ihn ein lebenslanger Begleiter. Kurz vor der Wende erlangte er an der Humboldt-Universität Berlin das Diplom für Jugendhilfe. Hamm schmunzelt, wenn er an seine Diplomarbeit denkt, in der er ausgerechnet die Jugendhilfe in der damaligen BRD thematisiert und Strukturen der Heimerziehung miteinander verglichen hatte. Sein Fazit damals: „Die drüben hatten genauso viele Probleme wie wir hier im Osten. Die Betreuung in der DDR war im Grund nicht schlechter.“

Den Kontakt zur Basis hat Hamm nie verloren, leitete unter anderem Kinderferienlager. Nach der Wende, im Juni 1990, übernahm er in der Kreisverwaltung den Bereich Jugend und Soziales. „Auf uns kam enorm viel Neues zu. Zu den neuen Strukturen gehörten plötzlich auch der Krippen- und Kindergartenbereich und die Jugendarbeit. In den ersten beiden Jahren in der Verwaltung gab es für ihn keinen Urlaub. Es folgten weitere Fortbildungskurse, bis Hamm in den alten Bundesländern sogar selbst als Dozent gefragt war. Später leitete er die Umstrukturierungen in den Landkreisen Uecker-Randow und schließlich Vorpommern-Greifswald.

Fall Leonie eine seiner schlimmsten Erfahrungen

In all den Dienstjahren waren schwierige Entscheidungen zu fällen. Ans Herz gingen ihm besonders die vielen Schulschließungen in den 1990er Jahren. Auch die Privatisierungen der Kinder- und Pflegeheime, vieler Kitas und Behinderteneinrichtungen und die Überführung in freie Trägerschaften waren Herausforderungen in jener Zeit.

Zu Hamms schlimmsten Erinnerungen gehört der Fall Leonie. Das sechsjährige Mädchen aus Torgelow war im Januar 2019 von seinem Stiefvater schwer misshandelt worden und ums Leben gekommen. Der Mann war zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt worden. Die Mutter, die wegen fahrlässiger Tötung eine zweijährige Haftstrafe erhielt, bekam Bewährung, weil sie maßgeblich zu der Aufklärung des Falls beigetragen hatte. Sie lebt seither mit ihrem zweiten Kind, das sie von dem verurteilten Mann hat, in unterschiedlichen Einrichtungen unter Aufsicht des von Hamm geleiteten Jugendamtes.

In mehr als vier Jahrzehnten Jugendamt hatte sich Hamm mehrfach mit Fällen von Kindesmissbrauch und -misshandlung auseinanderzusetzen, auch mit der medialen Kritik an den Aufsichtsbehörden. Doch bei noch so guter Struktur und Engagement könne man nie zu 100 Prozent Fehlentwicklungen ausschließen, sagt er. „Der Öffentlichkeit zu suggerieren, dass Fälle von Kindesmisshandlungen nicht passieren, halte ich für falsch“, sagt er. „Wir können einfach nicht immer wissen, was hinter verschlossenen Türen passiert.“

Kindesschutz geht vor Datenschutz

Inzwischen allerdings reagiere die Öffentlichkeit sensibler als früher. Hinweise würden oft Schlimmeres verhindern. Doch leider würden sich zum Beispiel Nachbarn oft noch mit Verweis auf den Datenschutz zurückhalten. „Aber Kindesschutz geht immer vor Datenschutz“, betont Hamm.

Besonders herausfordernd waren auch die letzten Jahre seiner Amtsleitung, als Corona zu Schulschließungen führte, Sozialarbeiter den Kontakt zu den Familien verloren und Gesprächstermine sowie Hausbesuche nicht mehr möglich waren. Die Jugend- und Sozialhilfe sei extrem eingeschränkt gewesen, erinnert er sich.

Ende November nun hat Hamm seinen Hut genommen und sich in den Ruhestand verabschiedet. Ob ihm der Abschied schwerfalle? Nein, sagt er: „Ich freue mich darauf, manche Dinge jetzt ruhiger angehen zu können.“

Lange Aufgabenliste von der Ehefrau

Eigentlich könne die Rede auch gar nicht von Ruhestand sein, eher von einem ruhelosen Ruhestand. Denn Hamm ist ja noch Amtsvorsteher im Amt Torgelow-Ferdinandshof und Träger mehrerer Ehrenämter wie beim Landessportbund und im Deutschen Schützenbund.

Und er ist seit über neun Jahren mit Leib und Seele Bürgermeister in Ferdinandshof. „Wir haben viel geschafft in dieser Zeit“, sagt er stolz. Zu seiner Bilanz gehören die Sanierung des ehemaligen Remonte-Gutes, der Bau eines Pflegeheimes der Volkssolidarität mit 48 Plätzen, die Straßensanierung bei Aschersleben sowie der Bau eines neuen Hortgebäudes, das im Februar eröffnet werden soll.

So manches, was in den vergangenen Jahren daheim liegengeblieben ist, will Hamm jetzt angehen. Seine Frau, die vor einigen Monaten ihre Zahnarztpraxis aufgelöst habe und schon mal in Rente gegangen sei, habe ihm schon mal eine Liste geschrieben, was endlich mal zu erledigen sei, sagt er. „Das große Grundstück zum Beispiel müsste mal aufgeräumt werden.“