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▶Dieser Züchter spricht die Sprache seiner Tauben

Strasburg / Lesedauer: 5 min

Mehr als tausend Besucher interessierten sich für Rassegeflügel in Strasburg. Dabei ging es nicht nur ums Sehen und Kaufen, sondern auch um Vogelsprache und Schicksalsschläge.
Veröffentlicht:11.02.2024, 08:00

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Zwar hat er schon zwei Reisetaschen voller Trophäen, aber dass er bei der Rassegeflügelschau in Strasburg den höchsten aller dort möglichen Preise abräumt, hätte sich Rinaldo Schelski nicht träumen lassen. Der 67-Jährige aus Wolfshagen in der Uckermark erhielt am Wochenende den Pokal des Bürgermeisters für eine seiner Englischen Kröpfer. 

Imponiergehabe ist gewollt

Das Zeichen des Siegs bekam natürlich einen Ehrenplatz in der Vitrine im Wohnzimmer. Seit 1975 züchtet der inzwischen pensionierte Lkw-Fahrer Rassegeflügel. Mit Warzen-Enten hat er es auch mal versucht, aber die waren ihm nichts. Schnell hatte es ihm jene Taubenrasse angetan, die durch ihre aufrechte Haltung und ihren aufgeblasenen Kropf bekannt ist. „Mir gefällt die Optik und auch ihr Charakter.“

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„Etwas temperamentvoller“ seien seine Vögel. Wenn er sich den Täubern gurrend nähert, stellen die sich unverzüglich senkrecht und pumpen ihre Kröpfe auf - angezüchtetes Imponiergehabe. Diesen Vorgang demonstrierte Rinaldo Schelski am Sonnabend vor versammelter Mannschaft. Prompt waren er und seine Tauben von faszinierten Zuschauern umringt. 

Trotz Rente noch einen Minijob

Er spreche halt mit seinen Tauben, erklärte er. „Jeder hat sein Steckenpferd.“ An seinem hänge er so sehr, dass er trotz Rente einen Minijob habe, weiter Lkw fahre, um sich Futter und sonstige Ausgaben leisten zu können. Bei rund 350 Tauben und steigenden Kosten komme einiges zusammen. Aber das sei es ihm wert.

Den halben Tag verbringe er bei seinen Täubchen, täglich rund sechs Stunden. Mit Ausmisten, Füttern, Gesundheitschecks und Nestkontrolle sei es längst nicht getan. Viel Zeit nehme die bloße Beschäftigung mit den Tieren ein, „sie zutraulich zu machen“. Halbwilden Vögeln könne man mehrere Tage in engen Ausstellungskäfigen und Menschenmengen schließlich nicht antun.

Freunde finden das langweilig

Längst hat der Uckermärker seine Enkeltochter Celina Schelski angesteckt. Die 18-Jährige züchtet auf dem Grundstück ihres Opas ebenfalls Englische Zwergkröpfer - und das schon seit zehn Jahren.  „Es ist schön zu sehen, wie gut sie abschneiden“. Für einen ihrer Kröpfer bekam sie die Bestnote „vorzüglich“ und das Jubiläumsband des 135 Jahre alten Rassegeflügelzuchtvereins Strasburg. Sie möge auch die Gespräche mit anderen Züchtern. Ihr Hobby habe viele schöne Seiten. Bei Gleichaltrigen stoße sie allerdings auf taube Ohren. „Bei uns im Dorf wohnt ein Mädchen, das Hühner züchtet. Mit ihr kann ich nicht wirklich über Tauben reden.“ Andere Freunde hätten wenig bis gar nichts mit Tieren am Hut. „Die finden das langweilig.“

Celina Schelski aus Wolfshagen züchtet Englische Kröpfer. Für den im Hintergrund hat sie in Strasburg das Jubiläumsband bekommen und der Vogel die Bewertung „vorzüglich“.
Celina Schelski aus Wolfshagen züchtet Englische Kröpfer. Für den im Hintergrund hat sie in Strasburg das Jubiläumsband bekommen und der Vogel die Bewertung „vorzüglich“. (Foto: Susanne Böhm)

Mehr als 500 Tauben, Hühner, Enten und Wachteln von 45 Züchtern sollen langweilig sein? Diese Einstellung kann wohl kaum einer der Ausstellungsbesucher nachvollziehen. Schon am Sonnabendvormittag wurden 600 Gäste aus der Uecker-Randow-Region, der Uckermark und der Mecklenburgischen Seenplatte in der Max-Schmeling-Halle begrüßt. Der Besucherstrom riss nicht ab, und auch am Sonntag kamen viele Menschen vorbei - Geflügelhalter oder solche, die es werden wollen. Besuchermagnet war ein Brutkasten und ein Wärme-Terrarium mit frisch geschlüpften Küken. Wer richtig großes Glück hatte, konnte Küken sogar beim Schlüpfen zusehen.

Küken schlüpften vor den Augen mancher Besucher und sammelten danach in einem Wärmebereich Kräfte.
Küken schlüpften vor den Augen mancher Besucher und sammelten danach in einem Wärmebereich Kräfte. (Foto: Susanne Böhm)

Vereinsvorsitzender Rainer Rogalski war zufrieden mit dem Verlauf der Veranstaltung und der Besucherzahl. Futtermittelhändler Jan Köster aus Lindenberg in Bandenburg auch. Er reichte allerhand Futterzusätze und Zubehör über den Tisch. Seit dem Jahr 2011 sei er bei jeder Geflügelschau in Strasburg zugegen. Die Vogelhalter dort seien nicht knauserig. „Das lohnt sich, ist eine Marktnische.“ Der nächstgelegene Futtermittelhandel sei nämlich erst in Pasewalk zu finden. Manche Besucher deckten sich nicht nur mit Futter, sondern auch gleich mit Tieren ein. In der Verkaufsecke waren am Samstagnachmittag schon viele Käfige leer. Auch im Ausstellungsbereich hatten einige Zuchttiere den Status „verkauft“.

Dieser Shamo, ein Kampfhahn aus Pasewalk, ist eine beeindruckende Erscheinung.
Dieser Shamo, ein Kampfhahn aus Pasewalk, ist eine beeindruckende Erscheinung. (Foto: Susanne Böhm)

Im Hühnerabteil zeichnete sich ein Trend ab. Neben den großen Kampfhähnen, den Shamos, oder den riesigen Orpingtons waren Zwerghühner auffallend stark vertreten. „Viele Züchter steigen auf kleinere Rassen um. Die brauchen nicht so viel Futter und legen beinahe genauso große und viele Eier“, erklärte Rainer Rogalski und zeigte zum Beweis ein Ei vor, welches bei laufender Ausstellung von einem kleinen, braunen Huhn gelegt worden war.

Dieses kleine Huhn legt wie die Großen und hat das in Strasburg bei laufender Ausstellung unter Beweis gestellt.
Dieses kleine Huhn legt wie die Großen und hat das in Strasburg bei laufender Ausstellung unter Beweis gestellt. (Foto: Susanne Böhm)

Einen ziemlich großen Wermutstropfen gab es allerdings. Weil nach einem Vogelgrippe-Ausbruch bei einer Geflügelschau im Jahr 2022 in Demmin mehr als 600 Tiere getötet wurden, konnten in Strasburg dieses Mal keine Puten und keine Gänse gezeigt werden. Den betroffenen Züchtern wurde auf einen Schlag ihr ganzer Bestand gekeult und fast schon ihr Lebenswerk zerstört, erklärte Rainer Rogalski. Einer habe 150 Enten schlachten und entsorgen müssen. „Da waren auch vom Aussterben bedrohte Rassen dabei, wie Toulouser Gänse oder Orpington-Enten.“ 

Wertvolles Erbgut verloren

Neben der Trauer um die Tiere und dem Ruin jahrzehntelanger Zuchtarbeit, sei wertvolles Genmaterial verloren gegangen. „Das sind Rassen, da bekommt man nicht mal eben so Nachzuchten.“ Wie sich die Züchter bei diesem Schicksalsschlag fühlten, sei schwer vorstellbar. „Tränen reichen da nicht.“

Tauben seien zum Glück gegen die Vogelgrippe immun, noch jedenfalls. Darum konnten sich Rinaldo und Celina Schelski am Wochenende über ihre Erfolge freuen - und auch darüber reden, was mit jenen Tauben geschieht, die für die Zucht nicht taugen. Die werden „der Küche zugeführt“, wie es im Geflügelhalter-Jargon heißt.

„Man muss selektieren, kann nicht alle behalten, sonst hat man ganz schnell Tausende. Tauben sind eine Delikatesse, schmecken viel besser als Hühner. Ihr Fleisch ist sehr zart und mild“, beschrieb Rinaldo Schelski. Seine Enkelin bestätigte das. Sie esse gern Tauben und schlachte sogar selbst. Wenn schon Fleisch, dann sei das von den eigenen Tieren doch wohl das beste. Nur an Taubeneier haben sich beide noch nicht heran getraut. Die seien mutmaßlich nicht ganz so lecker, dann lieber Wachteleier.

Auch am Sonnabendnachmittag war die Rassegeflügelschau in Strasburg gut besucht. Den richtig großen Ansturm gab es aber am Vormittag.
Auch am Sonnabendnachmittag war die Rassegeflügelschau in Strasburg gut besucht. Den richtig großen Ansturm gab es aber am Vormittag. (Foto: Susanne Böhm)

Der Rassegeflügelzuchtverein Geflügelfreund Strasburg steht mit rund 50 Mitgliedern auf stabilen Beinen. Besonders froh ist Vorsitzender Rainer Rogalski über sieben Züchter, die nicht älter als 18 Jahre sind. Das sei im Vergleich zu Vereinen wie Pasewalk mit gerade einmal einem Jungzüchter eine ganze Menge. Unter Strasburgs Teenagern hat sich in den vergangenen Jahren wohl eine Art Geflügelzüchter-Mini-Szene gebildet.

Mehr als 500 Tauben, Hühner, Enten und Wachteln waren in der Max-Schmeling-Halle in Strasburg zu sehen.
Mehr als 500 Tauben, Hühner, Enten und Wachteln waren in der Max-Schmeling-Halle in Strasburg zu sehen. (Foto: Susanne Böhm)