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Ausländerfeindlichkeit

Feiernde Menge brüllt Nazi-Parolen bei Erntefest in Vorpommern

Bergholz / Lesedauer: 4 min

Ein schockierendes Video aus Vorpommern kursiert bei Facebook, Tiktok, Instagram: Eine Gruppe grölt bei einem Erntefest zu einem Partysong rassistische Parolen.
Veröffentlicht:09.11.2023, 15:57

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Diese Szene erinnert an die 90er-Jahre, als Nazi-Skinheads in Ostdeutschland immer wieder für Schlagzeilen sorgten: Beim Erntefest in Bergholz (Vorpommern-Greifswald) grölt eine Gruppe  zu einem Partyhit lautstark: „Deutschland den Deutschen, Ausländer raus“.  Immer wieder. Die Stimmung ist ausgelassen. Ein mitsingender Partygast trägt einen Pullover mit einem Preußenadler-Druck auf der Vorderseite.

Fest im vorpommerschen Bergholz

Ein Video des rassistischen Gesanges zu Gigi D'Agistinos "L'Amour Toujours" macht in sozialen Netzwerken, bei Facebook, Instagram und Tiktok – teils verfremdet – die Runde. Allein bei X.com (ehemals Twitter) wurde es bis Donnerstag mehrere hunderttausende Male gesehen und hunderte Male kommentiert.

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300 bis 400 Leute in der Halle

Die Veranstaltung am 14. Oktober im südvorpommerschen Bergholz nahe der Uckermark sei den Vorschriften entsprechend im Vorfeld beim Ordnungsamt des Amtes Löcknitz-Penkun angemeldet worden, sagt Danielo Futh, Leitender Verwaltungsbeamter des Amtes. Die Behörde habe Auflagen erteilt, etwa eine Schankgenehmigung oder die Zahl der Ordner.

Vier von ihnen seien an diesem Abend bei dem Erntefest auch vor Ort gewesen, versichert der Bergholzer Bürgermeister Ulrich Kersten (parteilos), der erst über den Nordkurier auf die Vorgänge aufmerksam gemacht wurde. Er selbst habe die Veranstaltung wegen der zunehmenden Lautstärke gegen 23 Uhr verlassen. Am Abend hätten sich um die 300 bis 400 Leute in der Halle befunden. Am nächsten Tag habe er nachgefragt, ob alles ruhig verlaufen sei. Das sei ihm bestätigt worden.

Bürgermeister:  Diese Leute machen sich keinen Kopf!

„Das Video kannte ich nicht“, sagt der Bürgermeister. Auf dem etwa halbminütigen Mitschnitt habe er auch Personen erkannt: „Wenn ich zu dem Zeitpunkt noch da gewesen wäre, wäre ich hoch zur Bühne und hätte die Musik ausstellen lassen.“

Ob die Ordner oder der Diskjockey von der Szene etwas mitbekommen hätten, wisse er nicht. Mit dem Ordnungsdienst sowie weiteren an der Organisation des Festes beteiligten Personen werde es noch eine Auswertung geben, kündigt der Bürgermeister an. Er bedauere, dass Bergholz mit einem ansonsten schönen Fest jetzt negativ auffalle. „Diese Leute machen sich überhaupt keinen Kopf darüber, welche Auswirkungen dies für uns als Veranstalter hat.“

Polizei prüft Video auf Straftaten

Nach Angaben von Polizeisprecherin Denise Lemke in Anklam liegt zu dem Vorfall in Bergholz bislang keine Anzeige vor. Das im Internet kursierende Video sei der Polizei aber bekannt. Diese prüfe nun die strafrechtliche Einordnung und mögliche Straftatbestände. So könnte es den Anfangsverdacht auf Volksverhetzung geben, sagt die Sprecherin.

Auch aus dem politischen Raum gibt es erste Reaktionen auf den Vorfall: Die Berliner SPD-Politikerin Sawsan Chebli schrieb am Montag auf X (ehemals Twitter) zu dem Video: „Ich habe das Gefühl, dass Deutschland diese Gefahr nicht ernst nimmt.“

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Auch der Berliner Rapper „Fler“ hat sich indirekt zu dem Video geäußert. So kursiert ein gefälschtes Video mit ihm bei einem Konzert, unter der die Tonspur mit dem ausländerfeindlichen Video aus Bergholz gelegt wurde. Der Rapper schrieb am Donnerstag bei Instagram: „Im Internet ku[r]siert gerade ein Fake-Video! Ein[] Konzertmitschnitt von mir wurde mit einer Tondatei manipuliert! Auf dieser Tondatei werden Naziparolen gepöbelt...!“ Er kündigte an, dass „alle News-Seiten, die diesen Blödsinn verbreiten“, von ihm abgemahnt werden.

Auch bei Instagram sorgt das Video inzwischen auf „TRTdeutsch“, einem deutschsprachigen Konto des türkischen Rundfunks, für Empörung. Die Zahl der Kommentare wuchs am Donnerstag stündlich. So schreibt etwa der Nutzer rabiaylmz 75: „Wie süß, sogar beim Feiern denken die an uns.“ Nutzer mujkan_m1m meint: „Würd mal gern sehen, was in Deutschland los wäre, wenn die ganzen Ausländer mal die Arbeit für ein paar Tage niederlegen würden. In der Pflege, Krankenhäusern, Einzelhandel.“ Und eta.1990 kommentiert: „Traurige Menschen ... aber in anderen Ländern Urlaub macht ihr.“ „Döner beim Türken oder eine Pizza beim Italiener geht trotzdem immer“, kommentiert sullokh 91. Und bxa61 schreibt: „Wir, die Ausländer (die apropos hier geboren sind), ackern wie Tiere für dieses Land und werden, egal, was wir machen, nicht akzeptiert ...“