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Ukraine und Nordafrika

Landrat warnt vor neuer Flüchtlingskrise

Greifswald / Lesedauer: 3 min

Einige Unterkünfte für Flüchtlinge sind in Vorpommern-Greifswald nahezu komplett belegt. Landrat Michael Sack warnt vor „Mord und Totschlag”.
Veröffentlicht:26.10.2022, 08:03

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Die vier Gemeinschaftsunterkünfte für Flüchtlinge in Greifswald, Wolgast und Torgelow sind nach Auskunft der Ausländerbehörde Vorpommern-Greifswald nahezu komplett belegt. Landrat Michael Sack (CDU) sprach vor wenigen Tagen von einer Belegung von 97 Prozent.

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Viele Flüchtlinge aus Nordafrika

„Im Grund genommen ist eine 100-prozentige Belegung unmöglich, weil man Menschen bestimmter Nationalitäten nicht gemeinsam in einem Raum unterbringen kann, ohne dass es zu Mord und Totschlag, also zu nicht hinnehmbaren Spannungen kommt“, so Sack. Zudem würden freie Kapazitäten benötigt, um bei Corona-Infektionen Bewohner isolieren zu können. In der Regel teilen sich vier bis sechs Personen ein Schlafzimmer in den Unterkünften.

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Vor allem aus den nordafrikanischen Maghreb-Staaten Tunesien, Algerien, Marokko und Westsahara kämen immer mehr Flüchtlinge. Sack sprach von einer „teils schwierigen Klientel” und vielen Konflikten in den Unterkünften. Bislang seien vom Land in diesem Jahr bereits 510 Personen zugewiesen worden, sagte Landrat Michael Sack (CDU). Bis zum Jahresende würden voraussichtlich weitere 80 Flüchtlinge erwartet. Zum Vergleich: Im Jahr 2017 hatte der Landkreis 360 Personen aufgenommen. Schwierig sei angesichts der vielen unterschiedlichen Nationen die Bereitstellung von Dolmetschern, Hausärzten und die Beschulung der Kinder.

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Unterkunft für Ukrainer soll aufgelöst werden

Hinzu komme die Bewältigung der Flüchtlingsbewegung von Ukrainern, die separat gezählt und untergebracht werden. Insgesamt hatte der Kreis seit März 2.682 Kriegsflüchtlinge aufgenommen, von denen inzwischen 608 wieder weiter- oder ausgereist seien. Derzeit kämen pro Woche aber nur noch einstellige oder niedrige zweistellige Zahlen pro Woche hinzu.

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Die letzte noch in Betrieb befindliche Gemeinschaftsunterkunft für ukrainische Flüchtlinge in Loitz soll bis zum Jahresende aufgelöst werden. Den Frauen und ihren Kindern sollen Wohnungen angeboten werden, hieß es. Allerdings hatte Landrat Sack (CDU) zuletzt auch erklärt, die Wohnungsvermittlung gestalte sich schwierig, weil die verbliebenen Bewohner der Gemeinschaftsunterkunft, vor allem Frauen und Kinder, eine „Art Schicksalsgemeinschaft gebildet hätten“ und diese nicht verlassen wollten. Angebote für eigene Wohnungen hätten mehrere Betroffene freundlichst abgelehnt, weil sie ihr Schicksal besser in der Gemeinschaft ertragen würden.

„Den Umständen entsprechend gut”

Insgesamt bezeichnete Sack die Situation der ukrainischen Flüchtlinge den Umständen entsprechend als gut. Alle kleinen Kinder seien inzwischen in Kindertagesstätten aufgenommen worden. Die Versorgung mit Wohnraum sei vor allem in den ländlichen Gebieten gut, doch vor allem in der Studentenstadt Greifswald mangele es an entsprechenden Angeboten. Inzwischen seien auch die ersten Deutschsprachkurse angelaufen.

Sollte sich die Lage in der Ukraine durch die russische Bombardierung der Infrastruktur weiter verschärfen, müsse nach Einschätzung von Experten im Winter wieder mit einer zahlenmäßigen deutlichen Zunahme des Flüchtlingsstroms gerechnet werden. Darauf ist der Landkreis aber gut eingestellt.

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„Wir sind sogar in der Lage, binnen 24 Stunden die Zahl der verfügbaren Plätze wieder um mehrere Hundert hochzufahren“, betont Sack. Notfalls müssten dann wieder Sporthallen entsprechend ausgestattet werden, sodass Schul- und Vereinssport ausfallen würden. Noch unklar sei, inwiefern und in welchem Umfang auf den Landkreis Vorpommern-Greifswald der Zustrom russischer junger Männer zukommen könnte, die vor einer drohenden Kriegs-Mobilisierung versuchten, sich ins Ausland abzusetzen.