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Gesundheitskrise

Politiker entsetzt und fassungslos wegen Lage am Pasewalker Krankenhaus

Pasewalk / Lesedauer: 5 min

Was sich bei der Asklepios-Klinik abspielt, ist für Außenstehende wie für Betroffene schwer zu begreifen: Einer Frau konnte in der Notaufnahme wenig bis gar nicht geholfen werden.
Veröffentlicht:28.11.2023, 19:15

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Die Vorgänge in der Asklepios-Klinik in Pasewalk bewegen weiter Menschen in Vorpommern und darüber hinaus. Kerstin Pooch-Fiedler aus Pasewalk hat dieser Tage erlebt, wie es sich anfühlt, wenn einem in einer Notaufnahme nicht wirklich geholfen wird.

Wegen eines schweren Nierenleidens hatte sie am 23. November in Pasewalk operiert werden sollen. Da Operationen dort derzeit extrem eingeschränkt möglich sind, sagte die Einrichtung den Termin kurzfristig ab. „Am Morgen vorher, mit der Begründung, dass keine Utensilien vorhanden sind.“

Starke Schmerzen

Unter starken Schmerzen überstand die 52-Jährige irgendwie den Tag. „Am Abend sagte mein Mann, das geht so nicht.“ Gegen 21 Uhr brachte er seine Frau in die Notaufnahme - um dort gesagt zu bekommen, dass man nicht viel für sie tun könne. „Ich kam an einen Tropf und durfte die Nacht über dort bleiben.“ Linderung sei ihr aber kaum verschafft worden. „Am nächsten Tag um 13 Uhr lag ich endlich in Neubrandenburg auf dem Tisch.“

Was ihr passiert war, habe sie erst nach und nach begriffen. Benebelt von Schmerzen, Angst und Sorgen habe sie zunächst gar nicht richtig erfassen können, dass solche Abläufe für Deutschland eher untypisch sind. Sie sei bis heute schlichtweg „fassungslos“. Dieses Wort beschreibe ihren Gemütszustand wohl am besten. Die Behandlung in Neubrandenburg habe nur die schlimmsten Qualen gelindert, die Koliken vorerst beruhigt. Erst im Januar habe sie dort einen OP-Termin. Bis dahin müsse sie nun „irgendwie überbrücken“.

Nichts gegen Mitarbeiter

Die Pasewalkerin betont ausdrücklich und mehrfach, dass sie nichts, aber auch gar nichts gegen die Mitarbeiter im Pasewalker Krankenhaus habe. „Ich schimpfe nicht über die Klinik als solche. Alle dort waren sehr nett, hilfsbereit und kompetent. Die Urologie ist eine sehr schöne Station. Niemand dort kann etwas dafür.“ Dennoch habe das Erlebte sie außerordentlich beunruhigt und lasse sie ernsthaft an Deutschlands Gesundheitssystem zweifeln.

Was sagen Landes-Politiker zu dem seit Wochen öffentlich sichtbaren Problem? Und vor allem: Wie möchten sie helfen? „Gesundheitsministerin Stefanie Drese nimmt mit Erschrecken zur Kenntnis, dass Operationen in Pasewalk durch offensichtlich gravierende organisatorische Fehler innerhalb des Asklepios-Konzerns nicht stattfinden“, ließ die SPD-Politikerin ihren Sprecher auf Nachfrage ausrichten. „Es ist völlig inakzeptabel, dass Patienten durch innerbetriebliches Missmanagement nicht behandelt werden können. Jeder Tag, der hier tatenlos verstreicht, ist ein Tag zu viel.“ Was sie selbst zur Stabilisierung des vorpommerschen Gesundheitssystems unternehmen will, ließ sie offen.

„Organisatorische Mängel" 

Auch Christine Klingohr, gesundheitspolitische Sprecherin der SPD-Fraktion im Landtag, sieht die Verantwortung für die Schieflage des Hauses in Südvorpommern bei der Asklepios-Kette. „Eine gute medizinische Versorgung in MV ist ein hohes Gut, auf das sich die Menschen im Land verlassen. Dass diese Versorgung in Pasewalk aufgrund organisatorischer Mängel derzeit nicht gewährleistet werden kann, ist ein Umstand, der umgehend abgestellt gehört. Das Patientenwohl darf nicht unter Managementfehlern leiden. Seitens des Konzerns muss umgehend Abhilfe geschaffen werden.“

Der Bundestagsabgeordnete Erik von Malottki (SPD) ist nach eigenen Angaben vor einiger Zeit auf die Probleme in Pasewalk aufmerksam geworden. „Deswegen war ich am 2. November vor Ort. Es ging um die bundesweite Krankenhausreform und um Fachkräftemangel. Ich habe meine Hilfe angeboten.“ Die sei aber wenig bis gar nicht angenommen worden. Erneut wende er sich nun an die Klinik-Leitung. „Wenn ich der Einrichtung helfen kann, werde ich das tun.“

Klinik-Leitung nicht erreichbar

Vorpommern-Staatssekretär Heiko Miraß (SPD) hat am Montag und Dienstag versucht, zur Klinik-Geschäftsführung Kontakt aufzunehmen, der kam aber nicht zustande. „Ich finde das irritierend. Wir reden hier nicht über Kleinigkeiten, sondern um eine zentrale Frage.“ Er habe die Klinik in Pasewalk immer als eine „zukunftsorientierte Einrichtung erlebt, die oft die besten Azubis hatte“ und sehr professionell arbeitete. „Umso erschreckender ist es, dass interne Dinge anscheinend derart durcheinander gehen, dass Standardaufgaben nicht mehr erfüllt werden können“.

Amthor: Ergebnis der Ampelpolitik

„Mit großer Besorgnis“ blickt Bundestagsabgeordneter Philipp Amthor (CDU) nach Pasewalk. „Die Ampelpolitik hat die Krankenhäuser in eine katastrophale Lage gebracht. Die Rahmenbedingungen sind im Allgemeinen schlecht, in Pasewalk im Besonderen.“ Vor Monaten habe seine Fraktion ein „Vorschaltgesetz“ gefordert, mit dem die Kliniken finanziell unterstützt werden sollten. Das sei jedoch „wie fast alle Themen“ abgelehnt worden. Anstatt fürs Gesundheitssystem würden „Milliarden und nochmals Milliarden für Lieblingsprojekte ausgegeben.“ Das Ergebnis sehe man in Pasewalk, wobei dort sicherlich auch interne Entscheidungen eine maßgebliche Rolle gespielt hätten. Er hoffe, dass es Asklepios gelingt, eine schnelle Lösung mit umliegenden Krankenhäusern zu finden.

„Notlage wäre vermeidbar gewesen" 

Die Grünen-Fraktion im Landkreis hat Pasewalk ebenfalls im Blick. „Eine erreichbare und gute Gesundheitsversorgung ist ein Grundbedürfnis der Menschen. Von daher sind die Sorgen der Bevölkerung in der Region Pasewalk absolut nachvollziehbar und ernst zu nehmen“, teilte Fraktionsvorsitzender Harald Terpe über seinen Sprecher mit. „Die Insolvenzen der Häuser in Demmin und Bützow haben uns kürzlich erst vor Augen geführt, wie akut der Bedarf an einer nachhaltigen Reform der Krankenhausstruktur im Land ist.“ Allerdings, das hebt auch er hervor: „Die aktuelle Problemlage und die Zuspitzung in Pasewalk aber ist hausgemacht. Durch Management-Fehler des Klinikbetreibers mit Auslagerung der Sterilgut-Abteilung nach Hamburg gab es offensichtliche Probleme in der Logistik. Die aktuelle Notlage ist also sicherlich vermeidbar gewesen.“

Pasewalks Bürgermeister Danny Rodewald (parteilos) hatte bei seinem jüngsten Besuch im Krankenhaus vor wenigen Tagen nicht den Eindruck, dass das Unternehmen in Schwierigkeiten ist. „Aufgrund des Leitungswechsels werden dort jetzt offenbar wirtschaftliche Prozesse hinterfragt.“ Er hoffe, dass die Probleme schnellstens behoben werden. Alles andere wäre „desaströs“. Er als Bürgermeister könne dem privatwirtschaftlichen Unternehmen keine große Hilfe sein, abgesehen davon, dass die Unternehmensleitung rechtzeitig auf ihn hätte zugehen müssen.

AfD und Linke sagen nichts dazu

Bundestagsabgeordneter Enrico Komning (AfD), Jeannine Rösler, Vorsitzende der Links-Fraktion im Landtag, und MV-Wirtschaftsminister Reinhard Meyer (SPD) beantworteten die Nordkurier-Anfrage bis Dienstagabend nicht. 

Seit Freitag wird in drei der vier operativen Abteilungen in Pasewalk nicht mehr operiert. Grund ist fehlendes OP-Besteck, welches neuerdings in Hamburg gereinigt wird, den Weg zurück aber nicht mehr findet. Ein Asklepios-Sprecher hatte die Situation am Wochenende erneut bestätigt.