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Protest

Was zwei Unternehmer aus Südvorpommern an der Regierung am meisten nervt

Uecker-Randow/Anklam / Lesedauer: 3 min

An der Sternfahrt nach Anklam beteiligten sich auch der Chef eines Malerbetriebs und ein Pflegeheim-Betreiber aus Ueckermünde.
Veröffentlicht:04.02.2024, 12:26

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Erneut haben Landwirte, Handwerker und Fuhrunternehmer in Vorpommern gegen die Agrar- und Energiepolitik der Berliner Ampelregierung protestiert. Am Sonnabend beteiligten sich nach Angaben der Polizei 250 Pkws, Transporter, Lkws und Traktoren an der Sternfahrt nach Anklam, wo es zum Abschluss eine Kundgebung gab. Die Fahrzeuge starteten in drei Korsos von Jarmen, Greifswald und Pasewalk. Der Veranstalter sprach von deutlich mehr Teilnehmern.

Auf dem Weg nach Anklam reihten sich weitere Kolonnen ein, wie hier am Busbahnhof in Ueckermünde. 
Auf dem Weg nach Anklam reihten sich weitere Kolonnen ein, wie hier am Busbahnhof in Ueckermünde.  (Foto: Oliver Hauck)

Jörg Hamilton, Chef der Ueckermünder Maler GmbH mit 21 Angestellten, organisierte den Korso, der von Pasewalk aus startete. 70 Pkws, Lkws und Traktoren machten sich auf den Weg über Torgelow, Eggesin, Ueckermünde und Ferdinandshof. In den Orten standen Menschen am Straßenrand und applaudierten, unterwegs kamen Dutzende Fahrzeuge hinzu.

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"Wir werden geschröpft"

"Das einzige Gute, das die derzeitige Regierung je beschlossen hat, war der Inflationsausgleich für Arbeitnehmer - und selbst der bleibt an uns Arbeitgebern hängen", erklärte er dem Nordkurier. Die Arbeit der Handwerker müsse für die Kunden bezahlbar bleiben. Doch Preissteigerungen in allen Bereichen und die hohen Lohnnebenkosten würden alles auffressen, so Hamilton. "Alles ist teurer geworden, die Beiträge für Krankenkassen, die Berufsgenossenschaft, die Rentenkasse. Wir werden geschröpft." Die Firmen unterböten sich gegenseitig bei Großaufträgen. "Da geben wir Angebote ab auf dem Preisniveau von 2017, aber Material und Lohnkosten sind inzwischen stark angestiegen."

Jörg Hamilton
Jörg Hamilton (Foto: ZVG)

Man könne nicht mehr kostendeckend arbeiten. Habe er früher im Oktober die Auftragsbücher für das nächste Jahr bereits voll gehabt, blicke er derzeit mit Sorge auf die Auftragslage. Es herrsche große Verunsicherung in der Bauwirtschaft: "Die Wohnungsgesellschaften bauen nicht, und die Maurer und Maler haben wenig Arbeit." Sei bei einem Rentner das Dach oder die Heizung kaputt, brauche der dafür sein Gespartes auf. "Das Wohnzimmer streicht dann der Schwiegersohn", weiß Hamilton.

"Wir fürchten um unsere Existenz"

Am Busbahnhof in Ueckermünde reihten sich mit ihren Fahrzeugen Karin Pitschek, Mitorganisatorin der Marktplatzgespräche, und Holm Kolata ein, der einen Pflegedienst und ein Pflegeheim am Haff betreibt: "Unsere 150 Mitarbeiter betreuen etwa 80 Patienten. Weil Energie, Lebensmittel und vieles Weitere teurer geworden ist, sind auch die Pflegeheimpreise gestiegen", erklärte der 50-Jährige. Viele Heimbewohner seien nun auf Sozialleistungen angewiesen. Die Ämter kämen aber nicht hinterher, die Flut der Anträge zu bewilligen. "Wir bleiben vorerst auf den Mehrkosten sitzen. Wir fürchten um unsere Existenz, darum gehen wir auf die Straße", so Kolata.

Es geht nicht nur um die Dieselsteuer

In Anklam traf der mittlerweile 164 Fahrzeuge starke Pasewalker Korso auf Thomas Fischer, der nahe dem Flugplatz, auf dem "Team Agrar"-Gelände die Kundgebung angemeldet hatte.

Die Landwirte um Thomas Fischer sprachen von ähnlichen Sorgen, wie Jörg Hamilton und Holm Kolata sie haben: zu hohe Energiepreise und Lohnnebenkosten, Teuerungen bei Material und Löhnen. Er sei für Naturschutz, sagte Fischer dem Nordkurier. Doch jegliches Maß sei verloren gegangen. Es gehe den Bauern um viel mehr als um die Befreiung von der Dieselsteuer. Fischer beklagte überbordende Bürokratie, fehlende Planungssicherheit und praxisferne Gesetze bei Tierhaltung und Bodenbestellung: "Komplett an der Realität der Landwirtschaft vorbei." 

Die Polizei lobte die reibungslose Kooperation mit den Veranstaltern. Besondere Vorkommnisse habe es nicht gegeben, wie eine Sprecherin sagte.