StartseiteRegionalUckermark„Die Betroffenen bilden sich das doch nicht ein”

Leitfaden für Post-Vac

„Die Betroffenen bilden sich das doch nicht ein”

Prenzlau / Lesedauer: 5 min

Internist erzählt: „Viele Patienten berichten, dass ärztliche Kollegen ohne Beweis behaupten, dass die Symptome nicht von der Impfung kommen können.“
Veröffentlicht:09.02.2023, 16:57

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Auch in der Uckermark haben Patienten mit Post-Covid oder Post-Vac-Syndrom zum Teil bereits lange Leidenswege hinter sich. Das zeigen die vielfältigen Leserreaktionen auf den Artikel über Chefarzt Dr. Jörg-Heiner Möller, der in einem kleinen bayrischen Krankenhaus aktuell 170 Betroffene aus dem gesamten Bundesgebiet betreut und sich nach einem Bericht des Uckermark Kurier über Impfgeschädigte an die Prenzlauer Redaktion gewandt hatte. Zu denen, die sich meldeten, gehörte auch Julien Dufayet. Der Facharzt für Innere Medizin, Geriatrie und komplementäre Medizin aus Bremen hat bereits über 200 solcher Patienten aus ganz Deutschland behandelt.

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Bei ihm hätten die Post-Vac-Syndrome mittlerweile die Zahl der Post-Covid-Patienten überholt, informierte er. „Ich habe täglich neue Anfragen. Das ist wahrlich ein ausuferndes Problem. Bei beiden Syndromen dürfte die Dunkelziffer höher liegen, weil die offiziellen Zahlen bei Weitem nicht das wahre Ausmaß widerspiegeln.“

Meist Frauen betroffen

Der niedergelassene Mediziner resümierte, dass Frauen hier die überwiegende Mehrheit bildeten: „Der Anteil an betroffenen Männern bei Post-Vac hat aber in letzter Zeit zugenommen.“

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Julien Dufayet bestätigte die Aussage seines Berufskollegen aus Bayern, dass alle Patienten einen Ärztemarathon hinter sich hätten: „Häufig sind mit den diagnostischen ‚Standardmethoden‘ keine relevanten Befunde zu erheben, weshalb den Betroffenen sehr oft ein psychosomatisches Krankheitsbild attestiert wird.“ Sehr viele berichteten auch, dass ärztliche Kollegen bestreiten würden, dass es das Post-Vac-Syndrom überhaupt gäbe oder dass sie „häufig reflexartig und ohne Beweis behaupten, gewisse Symptome könnten niemals von der Impfung kommen.“ Sofern spezielle, kostenaufwendigere und häufig von Betroffenen selbst zu zahlende Laboruntersuchungen, unter anderem für Autoantikörper oder zur Immundiagnostik, zusätzlich durchgeführt würden, ließe sich jedoch nicht mehr von einem unauffälligen Befund sprechen, betonte der Mediziner: „Das sei unter anderem meist Beleg dafür, dass die Patienten sich nichts einbilden und allemal Grund haben, somatisch krank zu sein. Nur werden diese speziellen Diagnostikverfahren häufig nicht von den Ärzten verstanden.“ Nicht selten erzählten ihm die Patienten von überforderten Medizinern, die mit den speziellen Laborbefunden nichts anzufangen wüssten. „Im Gegensatz zu den Betroffenen, die sich nicht selten seit über einem Jahr damit befassen mussten und mittlerweile die Befunde besser verstehen als mancher Arzt.“

Derangiertes Immunsystem

Der Bremer berichtete aus seiner Praxis, dass Post-Covid/Post-Vac multisystemische, autoimmune Erkrankungsbilder mit mannigfaltiger Manifestation zeige: neurologisch/neuromuskulär/neuropsychologisch. Als Beispiel nennt er Herzprobleme wie Myokarditis sowie Haut-, Gefäß-, Gelenk- und Augenerkrankungen. „Dies alles auf dem Boden eines derangiertem Immunsystems, häufig gepaart mit einem aus dem Takt geworfenen autonomen beziehungsweise vegetativen Nervensystem.“

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Erschüttert berichtete er zudem von Patienten, die an Fatigue, POTS, Cephalgie, Tinnitus und Konzentrationsstörungen leiden sowie kognitive Einschränkungen haben. „Die Betroffenen können nicht mehr ohne Rollator laufen oder sind gar bettlägerig seit einer der Impfungen. Zum Teil ist das eine Erstmanifestation von nicht selten massivsten Krampfanfällen (Epilepsie).“ Auch periphere Nervenschädigungen sehe er oft, mit zum Teil starken Schmerzen der Extremitäten.

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Nach Behandlungsmethoden gefragt, sagte der Doktor, dass er schul- und komplementärmedizinisch simultan vorgehe: „Das Prinzip ist, unter anderem Neuroinflammation und Gefäßentzündungen zu behandeln, Mikrozirkulation mit Blutverdünnern zu behandeln, überschießende Histaminausschüttungen zu drosseln, überschießende beziehungsweise unzureichende Aktivität des Immunsystems zu behandeln.“ Wichtig sei auch Entgiftung, um die Übersäuerung des Körpers auszugleichen und eine Mobilisierung des zähen Lymphflusses und und und. Darmregulierung als Therapieschema sei auch ein wichtiges Thema.

Leitfaden für Therapeuten

Auf der Internetseite www. juliendufayet.de könne sich jeder den Post-Vac-Leitfaden herunterladen, „den wir für Therapeuten sämtlicher Art – Ärzte, Naturheilkundler, Heilpraktiker etc. – verfasst haben und regelmäßig updaten.“ Aufgrund der Diskreditierung der Patienten oder der Nichtanerkennung der Erkrankung würden teure Therapieverfahren häufig nicht von den Kassen bezahlt, beklagt der Arzt und fordert: „Studien hierzu wären wichtig. Diskreditierung und Nichtanerkennung kenne ich schon von der Thematik CFS/ME, wo Betroffene seit teilweise Jahrzehnten um Anerkennung und bessere Therapiemöglichkeiten ringen mussten bzw überwiegend von Ärzten als rein psychosomatisch abgestempelt wurden. Im Gegensatz zur CFS/ME fallen derzeit allerdings die Post-Vac-Betroffenen zeitlich sehr dicht und geballt und eben mit markantem zeitlichem Zusammenhang zum Auslöser (Impfung) auf.“

Das Nichtanerkennen der Krankheit habe seiner Meinung nach psychische Folgen: „Wer über ein Jahr keine Hilfe erfährt und Beschwerden hat, die ein normales Leben in Freizeit und Beruf nicht mehr ermöglichen und Existenzen bedrohen – auch bei mir sind circa 50 Prozent der Betroffenen arbeitsunfähig –, wird psychisch krank; eine somatopsychische Erkrankung also. Nur dass es im Gesundheitswesen keine Codierung für somatopsychische Erkrankungen gibt, sondern nur für psychosomatische.“

Gefragt, warum sich einige Berufskollegen wie anfangs geschildert verhalten, vermutete der Mediziner als Gründe „Ignoranz, Arroganz oder einfach nur Unbeholfenheit sowie kognitive Dissonanz.“