StartseiteRegionalUckermark„Ich habe nie gelernt, wie man streichelt”

47-Jährige traumatisiert

„Ich habe nie gelernt, wie man streichelt”

Prenzlau / Lesedauer: 5 min

Saskia Müller* ist schwer depressiv und seit Monaten krank. Doch ihr Kindheitstrauma sieht der 47-Jährigen niemand an. Das tut der Prenzlauerin weh.
Veröffentlicht:19.01.2023, 08:47

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Der sanfte Rambo hat es sich auf dem Schoß seines Frauchens gemütlich gemacht. Wieder und wieder stupst er Saskia Müller*(Name geändert) mit der Nase an. Ganz klar: der zwölf Jahre alte Kater will gestreichelt werden. Doch seine Besitzerin tut sich schwer, obgleich sie das Tier über alles liebe, wie sie schnell versichert. „Aber ich habe nie gelernt, wie man Zuneigung schenkt“, setzt die 47-Jährige traurig hinzu. Dann fängt sie zu erzählen an.

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Was die psychisch kranke Frau berichtet, ist starker Tobak: Lieblosigkeit und Vernachlässigung ziehen sich wie ein roter Faden durch das Leben der dreifachen Mutter. Die Prenzlauerin hat als Kind nie erfahren, was Geborgenheit und Fürsorge bedeuten. Als Älteste von sechs Geschwistern sei sie in frühen Jahren wie ein Wanderpokal herumgereicht worden, konstatiert die Pflegeassistentin bitter: „Ich war überall und nirgendwo zu Hause. Dass das nicht normal ist, habe ich erst später begriffen.“ Schuld daran sei ihre überforderte Mutter gewesen, weiß sie heute: „Die hat in erster Linie nur an sich gedacht. Wir Kinder kamen immer erst irgendwann ...“ Eine ihrer frühesten Erinnerungen reicht ins Alter von vier Jahren zurück: „Damals hatte meine Mutter einen 18-jährigen Liebhaber, der immer kam, wenn mein Vater weg war. Wir wurden für diese Schäferstündchen oft stundenlang in eine kleine Kammer weggesperrt.“

Vater griff nicht ein

Doch weil ihre Mutter schon vor Jahren gestorben sei, wolle sie mehr dazu gar nicht sagen, wirbt Saskia Müller* um Verständnis: „Man spricht nicht schlecht über Tote. Ich bin durch mit ihr.“ Ihrem noch lebenden Vater mache sie allerdings schon den Vorwurf, weggeschaut zu haben, als sie als Kinder seine Initiative gebraucht hätten, ergänzt die Kreisstädterin betroffen: „Ich habe ihn immer wieder gefragt, wo er denn war, als wir so vernachlässigt wurden. Doch er blieb mir die Antwort bis heute schuldig.“ Ein Grund dafür könnte sein, dass er lange ein eingefleischter Anhänger der Zeugen Jehovas gewesen sei, setzt die gebürtige Schleswig-Holsteinerin nachdenklich hinzu: „Aber alles kann man mit dieser Sekte doch nicht entschuldigen.“ Sie selbst habe die diffizile familiäre Situation jedenfalls zu einem seelischen Wrack gemacht, resümiert Saskia Müller* nüchtern. Und ihr lange auch die falschen Partner beschert.

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Seelische Kälte und Gewalt blieben lange Begleiter. Erst vor 14 Jahren habe sich mit dem Kennenlernen ihres jetzigen Mannes alles zum Besseren gewendet, sagt sie leise. Trotzdem gelinge es ihr nicht, wieder ein normales Leben zu führen, bedauert die kleine Frau mit den großen traurigen Augen. Verzagt verweist sie im Gespräch mit der Reporterin auf das scheinbar so heile, schöne Zuhause: „Auf den ersten Blick fehlt es mir an nichts. Wir haben eine tolle Wohnung und lieben uns. Die Kinder stehen mit 21, 25 und 28 Jahren längst auf eigenen Beinen und haben ein gutes Auskommen. Sogar an zwei Enkeln könnten wir uns schon erfreuen. Könnten ...“ Die Betonung liegt auf dem Konjunktiv, denn die Traurigkeit liege wie ein bleierner Schleier über ihrem Gemüt, bestätigt die Pflegekraft. An manchen Tagen schafft es die in einem Seniorenheim beschäftigte Endvierzigerin kaum, aus dem Bett aufzustehen: „Dann liege ich stundenlang da, weine und grübele, wie das alles noch werden soll.“

Seit zehn Monaten krankgeschrieben

Ihr Arzt hat Saskia Müller* deshalb vor über zehn Monaten schon zum wiederholten Mal aus dem Verkehr gezogen. Seit Frühjahr 2022 ist die gebürtige Rendsburgerin krankgeschrieben. Der Arbeitgeber sei mehr als verständnisvoll, sagt sie dankbar. Aber der Angestellten ist klar, dass die Kollegen nicht alle so viel Verständnis für ihre Lage haben. Wie auch? Sie hat schließlich weder ein gebrochenes Bein noch Narben, die von einer Operation zeugen. Die Narben an ihren Armen – entstanden in der Zeit, als sie sich noch ritzte – sind längst verheilt. Mittlerweile hat die Betroffene andere Wege gefunden, sich Schmerzen zuzufügen, wenn der seelische Druck zu groß wird – sie kneift sich. Wenn sie beispielsweise im Wartezimmer eines Arztes sitzt und immer mehr Patienten rein kommen: „Dann wird mir plötzlich eng ums Herz, und ich bekomme keine Luft mehr. Mit Menschenmassen habe ich ein Problem, ebenso wie mit unübersichtlichen, neuen Situationen.“ Im Alltag sei sie deshalb fast komplett auf ihren Mann angewiesen, räumt sie betreten ein. Ohne ihn einkaufen – inzwischen undenkbar. Ebensowenig wie sie sich traut, Auto zu fahren, obwohl der Führerschein vorhanden ist.

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Im April letzten Jahres hat sie das letzte Mal hinterm Steuer gesessen. Dann brachen die Panikwellen über sie hinein. „Das versteht nur jemand, der ebenfalls depressiv oder von Angstzuständen geplagt ist. Das ist so furchtbar, wenn man die Kontrolle über sein Leben verliert.“ Jetzt soll es allerdings langsam wieder vorwärts gehen. Gemeinsam mit ihrer Therapeutin hat die Patientin beschlossen, wieder arbeiten zu gehen. Mitte Februar startet sie für drei Stunden pro Tag mit dem Hamburger Modell. „Ich würde so gern wieder bei meinen Alten sein. Die freuen sich bestimmt auf mich. Aber dafür muss ich stabil sein. Alles andere wäre sträflicher Leichtsinn. Drücken Sie mir die Daumen, dass ich das hinkriege.“ Noch sieht es allerdings nicht so aus. „Ich habe das Leben einfach nur satt“, gesteht sie leise, als sie die Reporterin zur Tür bringt.