StartseiteRegionalUckermark„Wir im Osten werden platt gemacht”

Konferenz in Prenzlau

„Wir im Osten werden platt gemacht”

Prenzlau / Lesedauer: 4 min

Droht der Kollaps der uckermärkischen Wirtschaft? Darüber sprachen Landwirte, Unternehmer und Politiker in Prenzlau und kritisierten die Embargos.
Veröffentlicht:09.09.2022, 08:47

Artikel teilen:

Um den Mittelstand und die Landwirte der Region Uckermark ging es bei einem Podiumsgespräch, das auf Einladung des Kreisverbandes der Christdemokraten auf dem Betriebsgelände in der Brüssower Straße stattfand. „Droht der Uckermark der wirtschaftliche Kollaps?“ war die Einladung überschrieben. Neben Landrätin Karina Dörk (CDU) und Prenzlaus Bürgermeister Hendrik Sommer (parteilos) äußerten sich dazu Funktionäre und Unternehmer aus Gewerbe und Landwirtschaft. Ihre Kritik an der Embargopolitik der Bundesregierung gegenüber Russland war einhellig, deutlich und teils drastisch. Das PCK in Schwedt sei nur die Spitze des Eisberges. Der Mangel und die enormen Preissteigerungen bei Erdgas und Öl würden nach und nach die Wirtschaft des Landes zum Erliegen bringen, darin waren sich alle einig.

Lesen Sie auch: Embargostopp für Erdöl aus Russland gefordert

Die Geschäftsführer der Uckermärkischen Milch Gmbh, Herbert Deniffel und Jürgen Stephani erläuterten, dass ihre Produktion jederzeit so viel Gas und Strom verbrauche wie 5000  Haushalte. Man rechne derzeit mit sieben bis zehn Millionen Euro Mehrkosten wegen der gestiegenen Gaspreise. Würde man das an den Markt weitergeben, kauften vor allem die Exportkunden in anderen Ländern Quark, Butter und Milchpulver, wo Gas und Strom nur ein Bruchteil kosteten. „Keine Energie und keine Produktion von Milchprodukten heißt keine Abholung von den Bauernhöfen.“

Das treffe dann Landwirte wie Josef Menke in Kutzerow, der sich auch emotional über das Nahrungsmittel Milch äußerte: „Ich mag nicht daran denken, dass unsere Milch nicht mehr abgeholt und verarbeitet werden kann. Wir können ein so wertvolles und vielseitiges Produkt wie Milch anbieten. Aber all die Bürokratie und Verordnungen... Die Politiker sagen: weniger Düngen, weniger Pflanzenschutz, Kühe machen CO2... Wir werfen unsere Ernährungssicherheit weg.“

Mehr lesen: Immer weniger Milchbauern im südlichen Vorpommern

Rüdiger Müller verwies darauf, dass Deutschland Agrarprodukte importieren muss, während gleichzeitig geplant sei, weitere vier Prozent der Anbauflächen stillzulegen. „Wenn Minister Cem Özdemir sagt, dass wir in Deutschland nicht hungern werden, weiß er nicht, was er redet.“ Über die Sanktionen lachten sich die Russen kaputt, so Müller. Das sieht Dr.  Sabine Buder ganz ähnlich. Es brauche Diplomatie, um den Krieg zu beenden. Es sei schlimm für sie als Veterinärin, einem jungen Landwirt die Rechnung stellen zu müssen, wenn dieser ihr zuvor unter Tränen erzählt habe, er könne die Futtermittel und Energiepreise nicht mehr bezahlen.

Denny Tumlirsch, Hauptgeschäftsführer des Landesbauernverbandes (LBV)Brandenburg, beschrieb die aktuellen Schwierigkeiten der Landwirte, Düngemittel und Treibstoffzusätze wie AdBlue zu beschaffen: „Irgendwann bleiben Traktoren und Lkw stehen. Tierhaltende Betriebe zahlen bald das Zehnfache für die Kilowattstunde Strom. Die finanziellen Rücklagen reichen nur für wenige Monate.“ Auch er stellte die Frage, wie regional die Versorgung mit Lebensmitteln funktioniere. Hilfen für die Bauern seien dringend erforderlich.

Weiter lesen: Diesel-Fahrzeuge vor dem Aus – Chemikalie AdBlue wird knapp

Aber es ging nicht ausschließlich um Landwirtschaft. Jörn Klitzing stellte die Ergebnisse einer aktuellen Studie der Industrie- und Handelskammer Ostbrandenburg vor, dessen Regionalcenter Barnim-Uckermark er leitet. Rund 60 Prozent der Unternehmen aus Bau, Industrie, Handel, Logistik und Gastgewerbe fühle sich selbst stark oder existenzbedrohend von den Sanktionen gegen Russland betroffen. 80 Prozent bezweifelten den Nutzen der Sanktionen, um den Krieg zu beenden, und rund 70 Prozent plädierten für Lieferungen von russischem Öl.

+ + + Patientenschützer: Pflegekosten explodieren + + +

Ellen Fährmann, Leiterin eines Pflegesachverständigen- und Beratungsbüros, schilderte die Auswirkungen der Preisexplosion im Energiesektor für den Pflegebereich. Einrichtungen und Pflegebedürftige blieben auf den Mehrkosten sitzen. Wenn Pflegedienste und -einrichtungen dicht machten, sei die Versorgung gerade im ländlichen Raum nicht mehr aufrecht zu erhalten. „Wir im Osten werden platt gemacht“, sagte sie.