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Leiter geht in Rente

Auffangstation für Greifvögel in der Uckermark in großer Gefahr

Lychen / Lesedauer: 4 min

Artenschutz und Biodiversität werden als wichtige Aufgaben gesehen. Doch nun hat die Naturschutzstation Woblitz offenbar keine Zukunft mehr.
Veröffentlicht:25.01.2023, 15:37

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Die einzige Auffangstation für geschützte Greif- und Großvögel im Norden und Nordosten Brandenburgs steht vor dem Aus. Der langjährige Leiter Paul Sömmer geht mit dem 1.Februar in den Ruhestand, ohne zu wissen, ob die Naturschutzstation Woblitz fortgeführt wird. Bisheriger Träger der seit über 35 Jahren existierenden Artenschutzeinrichtung ist das Brandenburgische Landesamt für Umwelt, das am und im ehemaligen Forsthaus an der Woblitz inmitten des Lychener Seenkreuz personell und finanziell die Heilung und Wiederauswilderung von Wildvögeln ermöglichte.

+++ Auffangstation für Greifvögel geschlossen +++

Das Fazit auf eine Anfrage des Uckermark Kurier ist ernüchternd. Nach den Worten von Pressereferent Thomas Frey sei die Behörde daran interessiert, dass die Station unter neuer Trägerschaft mit Unterstützung durch das Umweltamt fortgeführt werde. Doch bisherige Verhandlungen mit potenziellen Interessenten wie beispielsweise dem NABU-Landesverband waren erfolglos. Das Zurückziehen von der Woblitz begründet Frey mit Pflichtaufgaben, zu denen der Betrieb einer Pflegestation „des behördlichen Artenschutz-Vollzugs“ nicht gehöre. Die Behörde habe Stellen zu bestimmen, an denen pflegebedürftige Tiere streng geschützter Arten auf eine Wiederauswilderung vorbereitet werden können. Doch die Hoffnung in Potsdam, dass sich für die Station Woblitz Akteure aus dem privaten Naturschutz finden, hat sich bisher nicht erfüllt. So scheint nach Thomas Frey, „eine zumindest vorübergehende Schließung der Station ab Februar 2023 unvermeidlich“.

Ob und wann sie wieder geöffnet wird, weiß niemand. Zeitweise wurden hier unter den sachkundigen Händen des Zootierpflegers Paul Sömmer jährlich rund 120 Adler, Eulen, Falken, Habichte oder Bussarde bis hin zu Störchen wieder aufgepäppelt und konnten meist wieder ausgewildert werden. Inzwischen sind die letzten Pfleglinge ausgewildert, stehen die Volieren verwaist. Damit verschwindet eine der wichtigsten Schnittstellen des Artenschutzes in Brandenburg, die seit drei Jahrzehnten als Initiator und Vermittler zwischen Praxis und Theorie, zwischen Behörden, Ehrenamtlichen und Tierärzten den Schutz gefährdeter Greif- und Großvögel ermöglichte. Seit Mitte der 1980er Jahre wurde hier vor allem Waldpädagogik und Öffentlichkeitsarbeit geleistet, 1990 kam die Auffang- und Wiederauswilderungsstation für Greife und Großvögel dazu. Von den damals drei Planstellen blieb nur eine übrig. Seit Jahren arbeitet Paul Sömmer als einziger in der Anlage, neue Planstellen wurden nicht eingerichtet.

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Gemeinsam mit den ehrenamtlichen Umweltschützern, wie etwa den Horstbetreuern, über Ämter wie den Unteren Naturschutzbehörden in Uckermark und Oberhavel oder den Forstämtern und Revierleitern, bis hin zu Tierärzten und der Klinik für kleine Haustiere an der FU Berlin gingen von hier landesübergreifend viele Impulse zum Artenschutz aus. So war die Wiederansiedlung baumbrütender Wanderfalken einer der ersten Erfolge von Paul Sömmer. Diese Art stand in den 1960er Jahren vor dem Aussterben. Die ersten Wanderfalken, die in Nordbrandenburg auf zwei von Sömmer installierten Plattformen ausgewildert wurden, waren in Gefangenschaft gezeugte und aufgezogene Tiere des Hamburgers Prof. Dr. Christian Saar, der weltweit als einer der Ersten die Nachzucht und Auswilderung erfolgreich betrieb. Gemeinsam mit dem Deutschen Falknerorden und dem Arbeitskreis Wanderfalkenschutz e.V. im sächsischen Freiberg gelang es, Falco peregrinus auch im Nordosten Deutschlands wieder anzusiedeln. Darüber hinaus gehört der See- und Schreiadlerschutz zu den Erfolgsgeschichten. Von hier ging der Anstoß dazu aus, dass brandenburgische Forstleute als erste keine bleihaltige Munition mehr verwenden. Seit dem 1. April 2022 ist sie für die Jagd in Brandenburg gesetzlich verboten.

Für viele Partner der Auffangstation ist deren Schließung eine Katastrophe. Ob jemand ehrenamtlich noch in der Lage sein wird, die weiten Wege bis zu den drei vom Landesumweltamt bestätigten Auffangstationen in Brandendburg/Havel, Potsdam oder bei Elsterwerder zurückzulegen, ist fraglich. Auf Berlin auszuweichen, ist kaum eine Option. Denn die Kleintierklinik der FU Berlin behandelt zwar auf vertraglicher Grundlage mit dem Land Brandenburg die Findlinge tierärztlich. Doch nach der jüngsten Gebührenerhöhung könnten nur noch 44 Tiere behandelt werden, erklärt deren Leiterin Dr. Kerstin Müller, die bisher davon ausging, dass es eine Lösung für die Woblitz gebe.