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Arbeitsaufenthalt

Der Berg als Kraftquell und Universum

Templin / Lesedauer: 4 min

Seit vielen Jahren verbinden den Maler und Grafiker Matthias Schilling enge Kontakte in verschiedene Regionen Europas, immer wieder führen seine Wege ins Valsugana, eine Region im norditalienischen Trentino. Dort wurde jetzt ein großes Wandbild von ihm eingeweiht.
Veröffentlicht:16.10.2023, 05:00

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Großer Bahnhof in Scurelle, einem 1400-Einwohner-Ort im Trentino: Die Straße Via Santa Maria Maddalena ist gesperrt für die vielen Gäste, der Landeshauptmann ist da und die Bürgermeisterin. Vor der sanierten Fassade des Centro Culturale, des Kulturzentrums, Stuhlreihen für die Ehrengäste, ganz vorn sitzt Matthias Schilling. Für den Templiner Maler, Grafiker und Kunstpädagogen geht mit den Reden und dem ganz offiziellen Bändchendurchschneiden ein aufregendes Jahr zu Ende. Wenn er abgereist ist, wird den Besuchern der Bibliothek, des Jugendzentrums und des Seniorenvereins von Scurelle sein großes Wandbild Geschichten erzählen von einem Berg, den sie hier alle kennen. Das attraktive Begegnungszentrum entstand im Gebäude der alten Sozialkäserei, wo in früheren Zeiten die meist armen Bauern die Milch ihrer wenigen Kühe verarbeiten ließen. Und ganz in der kunstsinnigen Tradition Italiens leistet man sich für das alte, neue Haus eine Malerei, ein rund vier mal sechs Meter großes Wandbild. Dass ausgerechnet ein Künstler aus dem 1000 Kilometer entfernten Templin dieses Bild gemalt hat, ist kein Zufall.

Nach der Vorlage kleinformatiger Aquarelle entstand das vier mal sechs Meter große Wandbild mit dem mächtigen Berggipfel.
Nach der Vorlage kleinformatiger Aquarelle entstand das vier mal sechs Meter große Wandbild mit dem mächtigen Berggipfel. (Foto: Heike Schilling)

In den 1990er Jahren sahen sich Matthias Schilling und andere bildende Künstler um im erreichbar gewordenen Europa. Auf der Suche nach Gleichgesinnten, nach Themen, mit dem Wunsch nach Inspiration und Austausch. Sie trafen dabei auf Kollegen aus verschiedenen Ländern. Auf Bildhauer und Maler Bruno Capelletti aus Castelnouvo/Trentino beispielsweise, der im sächsischen Freiberg versuchte, Kontakte zu ostdeutschen Künstlern zu knüpfen. Die Internationale Künstlergruppe „Europa 2001“ traf sich zu Pleinairs in Portugal, Polen, Italien und Deutschland; Bruno Capelletti und Carlo Scantamburlo waren Anlaufpunkte in Italien und wurden bald Freunde für Matthias Schilling. Gemeinsame Arbeiten, gemeinsame Ausstellungen, gemeinsame Reisen. In Roncegno, dem Heimatort des Bildhauers Scantamburlo, malte Matthias Schilling 1999 an der Fassade einer Schule sein erstes Wandbild, sechs Jahre später im Rathaus von Villa Agnedo sein zweites.

2008 stellte er in Scurelle aus ‐ und seine Bilder hinterließen bei Bürgermeisterin Lorenza Ropelato nachhaltigen Eindruck. Unter seinen Motiven war damals auch der Cima d‘Asta, der höchste Gipfel einer nördlich von Scurelle gelegenen Bergkette. Und dieser Berg wurde jetzt zum Motiv für das Wandbild, das Matthias Schilling zwischen September 2022 und September 2023 auf eine Gipskartonwand im Atrium des Kulturzentrums zauberte. Im wahrsten Sinne des Wortes, denn ganz ohne Magie (und tatkräftige Unterstützung vieler Helfer), da ist sich der Künstler rückblickend sicher, wäre er der Tücken des komplizierten Malgrundes, der Farben, der diagonal durchs Bild verlaufenden Freitreppe und anderer Herausforderungen nicht Herr geworden. Doch schließlich hat sich alles gefügt, ist das Bild in täglich bis zu zwölf Stunden anstrengender Arbeit auf dem Gerüst Pinselstrich für Pinselstrich gewachsen. Wurde der Berg zu einem Organismus, einem Kraft- und Wasserquell, einem Wesen mit verschiedenen Gesichtern. „Ein Universum, in dem jeder sich wiederfinden und ein Besserer werden kann“, beschrieb es Kunstwissenschaftler Vittorio Fabris in seiner Laudatio.

Matthias Schilling verbrachte viele Stunden auf dem Gerüst.
Matthias Schilling verbrachte viele Stunden auf dem Gerüst. (Foto: Heike Schilling)

Viele Freunde und Wegbegleiter waren beim „großen Bahnhof“ in Scurelle dabei. Carlo Scantamburlo konnte das fertige Bild nicht mehr sehen, er ist im Frühjahr überraschend gestorben. Doch Matthias Schilling plant für 2025 in Templin eine Ausstellung mit Arbeiten des italienischen Freundes. Und natürlich soll es weitere Begegnungen geben. Der Maler sagt: „Wenn wir nach Italien kommen, wenn man sich dort auch in kleinen Orten auf der Straße umhört, dann wissen alle, dass wir aus Templin sind, aus der Perle der Uckermark. Das hat durch uns einen Namen. Und das motiviert mich immer wieder“.