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Größe ist nicht Körperlänge

Die Welt der Kleinwüchsigen

Prenzlau / Lesedauer: 4 min

Hartmut W. Flach hat bei der WM erstaunt registriert, dass kleinwüchsige Basketballer auf normal hohe Körbe werfen und dabei recht treffsicher sind.
Veröffentlicht:08.08.2023, 15:47

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Hartmut W. Flach war in Prenzlau viele Jahre ein erfolgreicher Judoka. Bis er 1980 die DDR verließ und in die Bundesrepublik ausreiste. In Köln widmete sich der gebürtige Uckermärker dem Studium der Sportwissenschaft. Später baute er den Olympiastützpunkt Köln mit auf. Mit 70 Jahren lebt er immer noch nach dem Satz: 'Ne discere cessa', also 'höre nie auf zu lernen'.

Getreu dieses Mottos hatte er sich auch dieses Jahr im Sommersemester wieder als nicht eingeschriebener „Gasthörer“ weitergebildet: „Meine Interessenschwerpunkte umfassten die Neurowissenschaften zur Bewegungskoordination und Bewegungssteuerung, welches auch das Thema meiner Diplomarbeit war, Sport und Gesundheit sowie die Altersforschung. Mich hat zum Beispiel interessiert und fasziniert, wie kleinwüchsige Basketballer auf normal hohe Körbe werfen und erstaunlich treffsicher sind, und wie sie miteinander umgehen, kommunizieren und sich unterstützen.“

World Dwarf Games

Und so traf es sich, dass die World Dwarf Games, die „Weltmeisterschaft“ der Kleinwüchsigen, bis Anfang August auf dem Gelände der Deutschen Sporthochschule Köln ausgetragen wurde. Mehr als 500 kleinwüchsige Menschen aus 25 Nationen maßen zum achten Mal in verschiedenen Wettkämpfen ihre Kräfte, das erste Mal in Deutschland.

Abschlussveranstaltung auf dem Gelände der Deutschen Sporthochschule in Köln
Abschlussveranstaltung auf dem Gelände der Deutschen Sporthochschule in Köln (Foto: Privat)

Hartmut W. Flach erkannte am Stadionrand schnell: „In der Welt der Kleinwüchsigen triumphieren mentale Stärke, Empathie und Gemeinschaftssinn.“ Anfangs hatte er das Training nur neugierig beobachtet, „doch dann empfand ich ein besonderes Gefühl der Anteilnahme und intensiven Freude, als ich stundenlang in eine völlig neue Welt eintauchte, geprägt von unvergesslichen Momenten und sehr aufschlussreichen Gesprächen. Als 70–Jähriger konnte ich meinen Erfahrungshorizont zusätzlich erweitern und positiv bereichern.“

Der Prenzlauer Ex-Judoka schaute der australischen Nationalmannschaft beim Training zu.
Der Prenzlauer Ex-Judoka schaute der australischen Nationalmannschaft beim Training zu. (Foto: Privat)

Respektvoller Umgang

Sein Glück: Als „passiver Teilnehmer“ befand er sich nicht inmitten der beherzt anfeuernden Zuschauer auf der Tribüne, sondern saß direkt im sensiblen Wettkampfbereich: „So konnte ich die exzellente Stimmung hautnah genießen. Besonders faszinierend war es, die Sportler in der Vorbereitungsphase auf den Wettkampf zu beobachten, wie sie sich beim Aufwärmen und bei taktischen Absprachen verhielten und miteinander kommunizierten. Die gegenseitige Unterstützung und der respektvolle Umgang der Kleinwüchsigen untereinander waren beeindruckend. Ebenso bemerkenswert war der außerordentlich faire Wettstreit um den Sieg. Auch der Gedankenaustausch mit einem amerikanischen Basketballspieler, der die Silbermedaille gewonnen hat und als Hochschullehrer in Texas tätig ist, erwies sich äußerst aufschlussreich. Super, wie sie als Repräsentanten ihrer Sportarten mit sichtbarer Lebensfreude und voller Entschlossenheit ihre privaten, beruflichen und sportlichen Ziele anstreben.“

Bewegendes Glücksgefühl

Unvergesslich sei auch das bewegende Glücksgefühl des jüngsten, kleinsten und besten Werfers des australischen Männer–Basketballteams nach einem souveränen Finalsieg gegen die USA gewesen: „Seine Freude, leuchtende Augen und herzlichste Dankbarkeit an seine Mitspieler ließen sein Gesicht erstrahlen — und meines strahlte mit. Nachdem ich einige Minuten abgewartet hatte, ging ich zu ihm und gratulierte. Beim Zurücktreten ließ ich meine Kamera unbewegt in der Hand, was er bemerkte und mir dann dezent signalisierte, ich solle fotografieren.“

Der beste Werfer des australischen Männer-Basketballteams mit der Goldmedaille
Der beste Werfer des australischen Männer-Basketballteams mit der Goldmedaille (Foto: Privat)

Er hatte den Australiern einmal bei ihrem Nachmittagstraining aufmerksam zugeschaut und Bälle, die außerhalb der Spielfläche landeten, an die Spieler zurückgeworfen. Das war offenbar nicht unbemerkt geblieben.

Eine wissenswerte Tatsache , so Flach, sei, dass alle Teilnehmer sämtliche Reise– und Hotelkosten einschließlich des Abendessens aus eigener Tasche finanzieren mussten.

Übereinstimmende Gefühlswelten

Die World Dwarf Games hätten ihm sehr deutlich gezeigt, dass wahre Größe nicht von der Körperlänge (Behinderung) abhängt, sondern von der Geisteshaltung, der Vernunft und der Resilienz. Die Freude und Herzlichkeit, die die Sieger ausstrahlten, aber auch die Enttäuschung derjenigen, die ihr Ziel knapp verfehlten, erinnerten ihn daran, „wie übereinstimmend unsere Gefühlswelten sind. Sie weckten bei mir die schönen Erinnerungen an meine Zeit als aktiver Prenzlauer Judoka und später als Repräsentant des Olympiastützpunktes bei meinen ersten Sommerspielen in Seoul 1988. Die teilweise hochgebildeten Sportler sind inspirierende Vorbilder für mentale Stärke, Empathie und Zielstrebigkeit. Ihre Hingabe veranschaulicht mit Klarheit, dass wir unsere Träume und Ziele verfolgen können, wenn wir an unsere eigenen Fähigkeiten glauben, wohlüberlegte Entscheidungen treffen und uns gegenseitig unterstützen.“ Sein Fazit: „Die World Dwarf Games haben mir eindrucksvoll vor Augen geführt, dass der olympische Geist und seine Werte in der Welt der Kleinwüchsigen leben und leuchten.“

Dieser US-Basketballer freute sich über die Silbermedaille.
Dieser US-Basketballer freute sich über die Silbermedaille. (Foto: Privat)